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Review

Die Wolken von Sils Maria

Sils Maria und die widerhallenden Echos der Bedeutungsebenen

Doppelbödig, aber niemals forciert

Sils Maria und die widerhallenden Echos der Bedeutungsebenen

Im Schweizer Ober­en­gadin gelegen ist Sils Maria mit seiner von türkis­blauen Seen durch­zo­genen unwirk­li­chen Hoch­ge­birgs­land­schaft ein abge­le­gener, mysti­scher Ort, der seit Friedrich Nietzsche ihn als den „lieb­lichsten Winkel der Erde“[1] anpries eine besondere Anziehung auf Schrift­steller, Philo­so­phen und Wissen­schaftler ausübt. Regisseur Olivier Assayas lässt seine beiden Haupt­fi­guren, die weltweit gefeierte Schau­spie­lerin Maria Enders (Juliette Binoche) und ihre Priva­t­as­sis­tentin Valentine (Kristen Stewart) gerade diese, mit der europäi­schen Hoch­kultur verwobene, Gemeinde in den Alpen aufsuchen, um für das Thea­ter­stück „Moloja Snake“ zu proben, in dem Enders vor gut 20 Jahren die Rolle der verfüh­re­ri­schen jungen Aufstei­gerin Sigrid verkör­perte, welche die mächtige Helena betört und schließ­lich ins Verderben stößt. Doch in der Neuin­sz­e­nie­rung des Stückes soll Enders nicht mehr den sie einst berühmt machenden Part der Sigrid, sondern jenen der am Ende ihres Schaffens stehenden Helena geben. Dem blut­jungen Hollywood-Starlet Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) hat Thea­ter­re­gis­seur Klaus Diens­terweg (Lars Eidinger) derweil die Rolle der Sigrid zugedacht. Ellis steht für eine neue Gene­ra­tion von medi­en­er­probten Schau­spie­lern, die auf Schritt und tritt von Paparazzi verfolgt werden, doch spiegelt sie zugleich auch mehr von dem einstigen karrie­re­aus­ge­rich­teten Ich von Maria Enders wider als dies der sich langsam ihres Alters bewusst werdenden Diva lieb sein kann.

Einge­kes­selt von den mächtigen Berg­ketten fangen verschie­dene narrative und meta­pho­ri­sche Ebenen an sich zu über­la­gern – Thea­ter­stück, Proben, filmische Realität sowie die realen Lebens­läufe der Schau­spieler scheinen einander wie Echos aus verschie­denen Paral­lel­welten zu beein­flussen und eröffnen inter­es­sante Lesarten der eigent­li­chen Handlung des von Assayas virtuos insz­e­niertem Künst­ler­dramas Die Wolken von Sils Maria.

»Dass der Werth der Welt in unserer Inter­pre­ta­tion liegt ... – dies geht durch meine Schriften«[2]

In Die Wolken von Sils Maria muss die fiktive Gestalt der Maria Enders ihre vor zwanzig Jahren verkör­perte Para­de­rolle der Sigrid loslassen, sie an eine andere Schau­spie­lerin weiter­rei­chen und sich statt­dessen in die Rolle der Helena einfühlen. Dabei löst die Ausein­an­der­set­zung mit der Rolle der älteren Gegen­spie­lerin Sigrids bei Enders ein neues Bewusst­sein für ihren Alte­rungs­prozess und die Verän­de­rungen im Film­busi­ness aus. Regisseur Olivier Assayas lässt, ähnlich wie schon in Irma Vep und Demon­lover, auch in Die Wolken von Sils Maria reale sowie imaginäre Ebenen aufein­an­der­treffen und sich über­kreuzen und macht auch vor der Verschrän­kung der realen Lebens­läufe der Schau­spieler mit ihren fiktiven Rollen nicht halt. Beispiels­weise ist die Figur der durch­trie­benen, auf ihren sozialen Aufstieg fixierten Sigrid nicht unähnlich der Rolle der Nina/Anne Larrieux in dem von André Téchiné und Assayas gemeinsam konzi­pierten Film Rendez-vous, deren Verkör­pe­rung Juliette Binoche einst zum Durch­bruch verhalf. Doch nicht nur die Vergan­gen­heit von Maria Enders scheint mit der von Binoche verknüpft, sondern auch die auf die ange­se­hene Schau­spie­lerin zukom­mende Frage wie man mit dem Älter­werden umgehen soll, wie man es verar­beiten soll, dass sich die ange­bo­tenen Rollen verändern und neue, jüngere Schau­spie­le­rinnen einem die Position streitig machen.

Die Narration von Die Wolken von Sils Maria erscheint trotz des doppel­bödig- verkopften Konzeptes niemals forciert oder gezwungen, sondern hat vielmehr, wie schon in Assayas’ letztem Werk Die wilde Zeit, etwas beiläufig- fließendes an sich. Doch gerade die vor sich hintrei­bende Story eröffnet den drei zentralen Darstel­le­rinnen die nötigen Freiräume um wahrlich zu glänzen. Insbe­son­dere Binoche weiß alles aus der tragi­schen Figur der gefei­erten Schau­spiel­diva heraus­zu­holen und verleiht der, von einem Stim­mungs­ex­trem ins nächste schwan­kenden Figur der Maria Enders die nötigen Konturen.

Kristen Stewart gibt als taff- coura­gierte Val den Part der im Hinter­grund der großen Actress alles arran­gie­renden Assis­tentin – die multi­tas­kin­ger­probt immerzu mit zwei Telefonen in der Hand das Leben ihrer gefragten Chefin koor­di­niert – und kann dabei mit einer der stärksten Leis­tungen ihrer Karriere aufwarten. Ihr Zusam­men­spiel mit Binoche ist grandios, insbe­son­dere weil die beiden Schau­spie­le­rinnen eine inter­es­sante Spannung zwischen den beiden Figuren im Wechsel von Aner­ken­nung, Abhän­gig­keit und Abstoßung kreieren. Die ambi­va­lente Beziehung zwischen einem 24/7-Arbeits­ver­hältnis, freund­schaft­li­chen Unter­tönen, Begehren und Ablehnung tritt dabei besonders in den gemein­samen Text­proben zu dem Thea­ter­stück „Moloja Snake“ zu Tage. Maria Enders Beziehung zu ihrer Assis­tentin Val spiegelt sich denn auch zusehends in den Rollen­bil­dern von Sigrid und ihrer älteren Vorge­set­zten Helena.

Chloë Grace Moretz gibt derweil den herrlich durch­trieben auf der Klaviatur der Medien spie­lenden Jungstar Jo-Ann Ellis mit augen­zwin­kerndem Humor und empfiehlt sich für größere Rollen weiter, die weitaus mehr als die Durch­schlags­kraft eines Hit-Girls (Kick-Ass) erfordern. Dabei ruft die Figur der fiktiven Schau­spie­lerin Jo-Ann Ellis unwei­ger­lich auch Asso­zia­tionen zu Kristin Stewarts bestän­digem Leben im Schein­wer­fer­licht, samt öffent­lich ausge­tra­gener Skandale und dem Wunsch als Schau­spie­lerin ernst genommen zu werden, hervor. Die durchweg starken Darstel­ler­leis­tungen hauchen dem facet­ten­rei­chen Werk mit seinen mannig­fal­tigen, an den schroffen Engadiner Berg­wänden wider­hal­lenden Bedeu­tungs­echos letztlich die nötige Leben­dig­keit ein. Dabei gelingt es Assayas sowohl ironisch- sarkas­ti­sche Seiten­hiebe auf die Paral­lel­welt Holly­woods und den medialen Starkult auszu­teilen als auch einen Gene­ra­ti­ons­kon­flikt an den drei Frau­en­gestalten durch­zu­spielen, in dem es vor allem um den Wandel des Kunst­an­spruchs und die Verein­bar­keit von Kunst und Unter­hal­tung geht.

[1] F. Nietzsche, Brief­wechsel. In: KGB, Bd. III, S. 100.

[2] F. Nietzsche. In: KSA 12, S. 114.