Review
Direct Action
41 Shots des Widerstands
41 Shots des Widerstands
Das Regie-Duo Guillaume Cailleau und Ben Russell zeigt jetzt seinen beobachtenden Filmessay Direct Action über zivilen Widerstand im Kino
Close-up auf eine riesige Wanne, in die weißes Pulver rieselt, in großen Mengen. Dazu literweise Wasser aus Eimern. Hände mantschen in der Materie, rühren kräftig herum, bis ein undefinierter Brei entsteht. Was wird hier nur zusammengemischt? Gips, um Wände zu verputzen? Sind wir auf einer Baustelle? Nach Minuten beginnt der Brei seine Identität zu zeigen, Fäden ziehen sich durch die Masse, Kleber entsteht. Hier wird in großer Dimension Brotteig mit bloßen Händen angerührt. Ein erstaunlich kompakter Klumpen kündigt an: Der Teig ist fertig. Und mit ihm die filmische Einstellung. Das nächste Tableau beginnt.
Direct Cinema
Wieder eng geframet, wieder monothematisch, wieder fragmentarisch, ohne Initiationsmoment, höchstens mit einem Abschluss, reiht sich Tableau an Tableau. Einmal ein minutenlanger Blick auf einen rätselhaften Aussichtsturm mit Windrädchen: Direct Action beginnt wie eine Rede, von der man erst einmal nur wenig versteht. Weil einem der Kontext fehlt. Umso begieriger saugt man das grobe Filmkorn der auf Super-16 gefilmten Bilder in sich auf, während man sich in den fixen Einstellungen umsieht, als hätte man einen unbekannten Raum betreten. Ein bisschen ist das wie bei den Landschaftsfilmen von James Benning: Ten Skies, 13 Lakes … – nur rücken hier bald die Gesten der Menschen in den Fokus. Mit Hammer und Amboss wird Eisen geschmiedet. Diese manufaktuierte Welt setzt sich bis in den filmischen Vorgang hinein fort: Auch das 16mm-Material ist ein von Hand hervorgebrachtes Objekt der analogen Welt, ein Resultat von Belichtungs- und Entwicklungsprozessen. Der Film entspricht der gezeigten Welt.
Und dann ruft »direct« natürlich auch noch die Dokumentarfilmrichtung auf, die der Film ziemlich genau einhält: das beobachtende, sich nicht einmischende Direct Cinema, das Distanz hält und Prozesse zeigt. Und das auch deshalb so lange Filme hervorbringt, weil sich die Szenen erst erschließen müssen. Der im Februar im Alter von 96 Jahren verstorbene Frederick Wiseman war ein Meister dieser Disziplin.
Spiralförmige Annäherung
Die beiden Regisseure des Films, Guillaume Cailleau und Ben Russell, sind Repräsentanten eines avantgardistischen Dokumentarfilmens, das genau diesen Hande-Made-Aspekt unseres Lebens akzentuieren, als Bollwerk gegen die Digitalität und Abstraktheit der modernen Gesellschaft. In ihrem Filmschaffen sind sie eigenartig altmodisch und gleichzeitig utopisch. Nicht nur technologisch, auch soziologisch wollen sie den Zusammenhalt, die Kollektivität. Und nicht den Individualismus, die Egoshooter. Lieber die Landkommune als das Loft des Brokers. Dieser umarmende Humanismus ist der Horizont ihres Filmschaffens.
Für Direct Action haben Guillaume und Russell nicht zum ersten Mal zusammengearbeitet. 2012 entstand der gemeinsame Kurzfilm Austerity Measures, in den sie dem Widerstand in Athen gegen die Austeritätspolitik der EU nachspürten. Mittlerweile lebt der Amerikaner Russell in Marseille, der Franzose Cailleau in Berlin. Mit Direct Action haben sie einen außergewöhnlichen Film über den politischen Widerstand gemacht, der 2024 unter der Leitung von Carlo Chatrian als Bester Film der »Encounters«-Sektion der Berlinale ausgezeichnet wurde.
Eine Spiralbewegung führt Einstellung für Einstellung von den handwerklichen Grundtätigkeiten wie dem Teiganrühren und Eisenschmieden in eine große kollektive Gemeinschaft – gezeigt wird auch ein Kindergeburtstag im Kita-Format, manuelle Crêpes-Herstellung im Akkord. So nähert sich Direct Action seinem titelgebenden Kern: Dem politischen Widerstand gegen die ökonomische und politische Macht, in der Unmittelbarkeit des Protests, der »direkten Aktion«.
Der Hambacher Forst als Symbol für den Widerstand der Anti-Kohlekraft-Bewegung wäre dafür ein Beispiel aus Deutschland. Hier geht es um einen anderen Fall. Langlebiger, intensiver und auch ikonischer ist die von Cailleau und Russell portraitierte ZAD (»zone à défendre«) von Notre-Dame-des-Landes, rund 25 Kilometer nordwestlich von Nantes. Sie ist eine der berühmtesten existierenden autonomen Zonen Westeuropas, geprägt vom zivilen Widerstand gegen den kommerziellen Ausverkauf der Lebensgrundlage. Ein Flughafenprojekt wurde in der Vergangenheit bereits verhindert, im Film geht es gegen das »Méga Bassin«, einem Reservoir, das Grundwasser für Mais-Monokulturen sammeln soll – und den örtlichen Bauern buchstäblich das Wasser abgräbt.
Intermission
Darum wird es aber erst nach der »Intermission« gehen. In ihrem dreieinhalbstündigen Film haben die Filmemacher fest eine Pause installiert – wiederum als gefilmtes Tableau. Wer den Saal nicht verlässt, kann fünf Minuten lang auf einen überwucherten Weg mit verrostetem landwirtschaftlichem Gerät unter Dauerregen blicken.
Danach geht es zur Sache. Ein Punk-Konzert schlägt mit einemal eine rauhe, zornige Tonalität an. Nicht aber so die Ästhetik: die fixe, minutenlange und hypnotisch wirkende Einstellung auf die Tanzenden evoziert Ben Russells Kurzfilmserie Trypps (2005-2010), wo er (u.a.) die Extase tanzender Jugendlicher zeigte.
Selbst wenn die zweite Filmhälfte auch unmittelbare politische Bilder hervorbringt: Direct Action unterminiert und konterkariert fortwährend das, was der Titel verspricht. Der Film ist eben nicht direkt, sondern subtil. Er entfaltet behutsam, sanft und allmählich, dabei bruchstückhaft und ohne es beim Namen zu nennen, sein Thema. Die »direkte Aktion«, das sind für Cailleau und Russell die Vielzahl von Gesten der Kollektivität, die erst die Voraussetzung für den gemeinsamen politischen Widerstand bilden.
Wie etwa die Durchquerung eines Grabens am Rande einer Demonstration gegen das »Méga Bassin«. Im Bildvordergrund die zahlreichen Demonstranten, die auf die andere Seite des Feldes müssen, Hände strecken sich ihnen entgegen, um sie aus der Tiefe des steilen Grabens hochzuziehen, eine und einer nach dem anderen, Menschen, Graben, Hände, Hochziehen, so geht das minutenlang. Dies sind die eigentlichen Gesten des Widerstands, die Gemeinschaft im Handeln.
Politisch Filme machen
Einstellung für Einstellung, es sind insgesamt 41 shots (Einstellungen), muss man in diesem Film ohne erklärende Worte selbst die Bilder erkunden und sie nach ihren Bedeutungszusammenhängen befragen. Auch wenn immer wieder Transparente mit politischen Claims im Bild zu sehen sind: Um eine vordergründige politische Aussage geht es Cailleau und Russell nicht. Die Politik von Direct Action teilt sich statt dessen in den Bildern, im Framing, in den gefundenen Sujets, im Rhythmus der wenigen Schnitte und in der Langsamkeit der Echtzeit-Einstellungen mit. Die Zuschauer müssen zur Ruhe kommen, wollen sie die Bilder rezipieren, müssen die Erwartung an »Action« ablegen. Die titelgebende »Direct Action« meint – bei aller absichtsvollen Erwartungsenttäuschung – auch die Filmaufführung an sich: als Intervention in einen auf Kommerz und Konsumierbarkeit angelegten Kinomarkt.
Godard hat es mal die Quintessenz des politischen Filmemachens genannt: Keine politischen Filme, sondern Filme politisch machen. Cailleau und Russell verweigern so auch die oberflächliche, allzu offensichtlich politische Vereinnahmung. Und negieren durch die Fragmente die Illustration. Die gezeigten Szenen weisen immer über sich selbst hinaus, auf das große Ganze, das sich erst im Zwischenraum der Bilder ergibt. In der Montage findet Direct
Action so zu einer denkenden, dabei überaus sinnlichen und eindrücklichen politischen Form.
Direct Action ist deshalb einer der besten dokumentarischen Filme der letzten Jahre.