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Review

Direct Action

41 Shots des Widerstands

Filmszene »Direct Action«
Reißt die Mauern ein, die uns trennen! (Foto: Filmgalerie 451)

41 Shots des Widerstands

Das Regie-Duo Guillaume Cailleau und Ben Russell zeigt jetzt seinen beobachtenden Filmessay Direct Action über zivilen Widerstand im Kino

Close-up auf eine riesige Wanne, in die weißes Pulver rieselt, in großen Mengen. Dazu liter­weise Wasser aus Eimern. Hände mantschen in der Materie, rühren kräftig herum, bis ein unde­fi­nierter Brei entsteht. Was wird hier nur zusam­men­ge­mischt? Gips, um Wände zu verputzen? Sind wir auf einer Baustelle? Nach Minuten beginnt der Brei seine Identität zu zeigen, Fäden ziehen sich durch die Masse, Kleber entsteht. Hier wird in großer Dimension Brotteig mit bloßen Händen angerührt. Ein erstaun­lich kompakter Klumpen kündigt an: Der Teig ist fertig. Und mit ihm die filmische Einstel­lung. Das nächste Tableau beginnt.

Direct Cinema

Wieder eng geframet, wieder mono­the­ma­tisch, wieder frag­men­ta­risch, ohne Initia­ti­ons­mo­ment, höchstens mit einem Abschluss, reiht sich Tableau an Tableau. Einmal ein minu­ten­langer Blick auf einen rätsel­haften Aussichts­turm mit Windräd­chen: Direct Action beginnt wie eine Rede, von der man erst einmal nur wenig versteht. Weil einem der Kontext fehlt. Umso begie­riger saugt man das grobe Filmkorn der auf Super-16 gefilmten Bilder in sich auf, während man sich in den fixen Einstel­lungen umsieht, als hätte man einen unbe­kannten Raum betreten. Ein bisschen ist das wie bei den Land­schafts­filmen von James Benning: Ten Skies, 13 Lakes … – nur rücken hier bald die Gesten der Menschen in den Fokus. Mit Hammer und Amboss wird Eisen geschmiedet. Diese manu­fak­tu­ierte Welt setzt sich bis in den filmi­schen Vorgang hinein fort: Auch das 16mm-Material ist ein von Hand hervor­ge­brachtes Objekt der analogen Welt, ein Resultat von Belich­tungs- und Entwick­lungs­pro­zessen. Der Film entspricht der gezeigten Welt.

Und dann ruft »direct« natürlich auch noch die Doku­men­tar­film­rich­tung auf, die der Film ziemlich genau einhält: das beob­ach­tende, sich nicht einmi­schende Direct Cinema, das Distanz hält und Prozesse zeigt. Und das auch deshalb so lange Filme hervor­bringt, weil sich die Szenen erst erschließen müssen. Der im Februar im Alter von 96 Jahren verstor­bene Frederick Wiseman war ein Meister dieser Disziplin.

Spiral­för­mige Annähe­rung

Die beiden Regis­seure des Films, Guillaume Cailleau und Ben Russell, sind Reprä­sen­tanten eines avant­gar­dis­ti­schen Doku­men­tar­fil­mens, das genau diesen Hande-Made-Aspekt unseres Lebens akzen­tu­ieren, als Bollwerk gegen die Digi­ta­lität und Abstrakt­heit der modernen Gesell­schaft. In ihrem Film­schaffen sind sie eigen­artig altmo­disch und gleich­zeitig utopisch. Nicht nur tech­no­lo­gisch, auch sozio­lo­gisch wollen sie den Zusam­men­halt, die Kollek­ti­vität. Und nicht den Indi­vi­dua­lismus, die Egoshooter. Lieber die Land­kom­mune als das Loft des Brokers. Dieser umarmende Huma­nismus ist der Horizont ihres Film­schaf­fens.

Für Direct Action haben Guillaume und Russell nicht zum ersten Mal zusam­men­ge­ar­beitet. 2012 entstand der gemein­same Kurzfilm Austerity Measures, in den sie dem Wider­stand in Athen gegen die Austeri­täts­po­litik der EU nach­spürten. Mitt­ler­weile lebt der Ameri­kaner Russell in Marseille, der Franzose Cailleau in Berlin. Mit Direct Action haben sie einen außer­ge­wöhn­li­chen Film über den poli­ti­schen Wider­stand gemacht, der 2024 unter der Leitung von Carlo Chatrian als Bester Film der »Encoun­ters«-Sektion der Berlinale ausge­zeichnet wurde.

Eine Spiral­be­we­gung führt Einstel­lung für Einstel­lung von den hand­werk­li­chen Grund­tä­tig­keiten wie dem Teig­an­rühren und Eisen­schmieden in eine große kollek­tive Gemein­schaft – gezeigt wird auch ein Kinder­ge­burtstag im Kita-Format, manuelle Crêpes-Herstel­lung im Akkord. So nähert sich Direct Action seinem titel­ge­benden Kern: Dem poli­ti­schen Wider­stand gegen die ökono­mi­sche und poli­ti­sche Macht, in der Unmit­tel­bar­keit des Protests, der »direkten Aktion«.

Der Hambacher Forst als Symbol für den Wider­stand der Anti-Kohle­kraft-Bewegung wäre dafür ein Beispiel aus Deutsch­land. Hier geht es um einen anderen Fall. Lang­le­biger, inten­siver und auch ikoni­scher ist die von Cailleau und Russell portrai­tierte ZAD (»zone à défendre«) von Notre-Dame-des-Landes, rund 25 Kilometer nord­west­lich von Nantes. Sie ist eine der berühm­testen exis­tie­renden autonomen Zonen West­eu­ropas, geprägt vom zivilen Wider­stand gegen den kommer­zi­ellen Ausver­kauf der Lebens­grund­lage. Ein Flug­ha­fen­pro­jekt wurde in der Vergan­gen­heit bereits verhin­dert, im Film geht es gegen das »Méga Bassin«, einem Reservoir, das Grund­wasser für Mais-Mono­kul­turen sammeln soll – und den örtlichen Bauern buchs­täb­lich das Wasser abgräbt.

Inter­mis­sion

Darum wird es aber erst nach der »Inter­mis­sion« gehen. In ihrem drei­ein­halb­stün­digen Film haben die Filme­ma­cher fest eine Pause instal­liert – wiederum als gefilmtes Tableau. Wer den Saal nicht verlässt, kann fünf Minuten lang auf einen über­wu­cherten Weg mit verros­tetem land­wirt­schaft­li­chem Gerät unter Dauer­regen blicken.

Danach geht es zur Sache. Ein Punk-Konzert schlägt mit einemal eine rauhe, zornige Tonalität an. Nicht aber so die Ästhetik: die fixe, minu­ten­lange und hypno­tisch wirkende Einstel­lung auf die Tanzenden evoziert Ben Russells Kurz­film­serie Trypps (2005-2010), wo er (u.a.) die Extase tanzender Jugend­li­cher zeigte.

Selbst wenn die zweite Film­hälfte auch unmit­tel­bare poli­ti­sche Bilder hervor­bringt: Direct Action unter­mi­niert und konter­ka­riert fort­wäh­rend das, was der Titel verspricht. Der Film ist eben nicht direkt, sondern subtil. Er entfaltet behutsam, sanft und allmäh­lich, dabei bruch­s­tück­haft und ohne es beim Namen zu nennen, sein Thema. Die »direkte Aktion«, das sind für Cailleau und Russell die Vielzahl von Gesten der Kollek­ti­vität, die erst die Voraus­set­zung für den gemein­samen poli­ti­schen Wider­stand bilden.

Wie etwa die Durch­que­rung eines Grabens am Rande einer Demons­tra­tion gegen das »Méga Bassin«. Im Bild­vor­der­grund die zahl­rei­chen Demons­tranten, die auf die andere Seite des Feldes müssen, Hände strecken sich ihnen entgegen, um sie aus der Tiefe des steilen Grabens hoch­zu­ziehen, eine und einer nach dem anderen, Menschen, Graben, Hände, Hoch­ziehen, so geht das minu­ten­lang. Dies sind die eigent­li­chen Gesten des Wider­stands, die Gemein­schaft im Handeln.

Politisch Filme machen

Einstel­lung für Einstel­lung, es sind insgesamt 41 shots (Einstel­lungen), muss man in diesem Film ohne erklä­rende Worte selbst die Bilder erkunden und sie nach ihren Bedeu­tungs­zu­sam­men­hängen befragen. Auch wenn immer wieder Trans­pa­rente mit poli­ti­schen Claims im Bild zu sehen sind: Um eine vorder­grün­dige poli­ti­sche Aussage geht es Cailleau und Russell nicht. Die Politik von Direct Action teilt sich statt dessen in den Bildern, im Framing, in den gefun­denen Sujets, im Rhythmus der wenigen Schnitte und in der Lang­sam­keit der Echtzeit-Einstel­lungen mit. Die Zuschauer müssen zur Ruhe kommen, wollen sie die Bilder rezi­pieren, müssen die Erwartung an »Action« ablegen. Die titel­ge­bende »Direct Action« meint – bei aller absichts­vollen Erwar­tungs­ent­täu­schung – auch die Film­auf­füh­rung an sich: als Inter­ven­tion in einen auf Kommerz und Konsu­mier­bar­keit ange­legten Kinomarkt.

Godard hat es mal die Quint­essenz des poli­ti­schen Filme­ma­chens genannt: Keine poli­ti­schen Filme, sondern Filme politisch machen. Cailleau und Russell verwei­gern so auch die ober­fläch­liche, allzu offen­sicht­lich poli­ti­sche Verein­nah­mung. Und negieren durch die Fragmente die Illus­tra­tion. Die gezeigten Szenen weisen immer über sich selbst hinaus, auf das große Ganze, das sich erst im Zwischen­raum der Bilder ergibt. In der Montage findet Direct Action so zu einer denkenden, dabei überaus sinn­li­chen und eindrück­li­chen poli­ti­schen Form.
Direct Action ist deshalb einer der besten doku­men­ta­ri­schen Filme der letzten Jahre.