Review
Django Unchained
Rot und Weiß
Rot und Weiß
Entfesseltes Befreiungskino: Quentin Tarantino’s so unterhaltsamer wie hochpolitischer Western Django Unchained
Blut spritzt auf eine Baumwollblüte, einmal in diesem Film. Ein zarter, präziser Strahl, keine Fontäne, wie in »Kill Bill«. Rot und Weiß. Statt Baumwolle könnte es trotzdem auch eine Kirschblüte sein, asiatische Ästhetik, und nie wirkt dieser Film so unverstellt fernöstlich, wie in diesem Augenblick. Rot auf Weiß wird man noch oft sehen, denn es sind die Weißen, die hier bluten müssen, endlich. Wie in »Inglourious Basterds« nahezu alle Deutschen Schweine waren, gilt hier: nahezu alle Weißen sind Schweine. Vor fast auf den Tag genau 60 Jahren (am 15.Januar 1953) erlebte »Vom Winde verweht« seine Deutschlandspremiere. Jetzt schafft Quentin Tarantino in seiner bewährten Ästhetik der Überzeichnung, die Old South-Klischees Hollywoods zu überwinden. Vielleicht ist »Django Unchained« überhaupt sein bester Film
Westernmythen
Etwa nach einer guten halben Stunde ist die Grundkonstellation etabliert, und es kommt zu ein paar Sekunden reinen, von aller Narration völlig losgelösten Bewegungskinos: Die zwei Hauptfiguren, Dr.King Schultz, eine ehemaliger Zahnarzt und Titelheld Django, ein von Schultz befreiter Negersklave, die sich im Winter 1858/59, »zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg« zum Kopfgeldjägermännerbund zusammengeschlossen haben, und zugleich von der moralisch höheren Mission erfüllt sind, im
Frühjahr die Verbrecherjagd hinter sich zu lassen, und in Mississippi die Frau Djangos um jeden Preis gleichfalls aus der Sklaverei zu befreien, diese beiden Helden von Quentin Tarantinos neuem Film schwingen sich auf Pferd, reiten nebeneinander aus einer schlammigen Stadt weit heraus, und hinein in die Natur, genauer gesagt: In eine mythische Westernlandschaft. Es kostet nur einen mit Überblendung kombinierten Kameraschwenk, da sind sie aus der Stadt weit heraus, und auf dem Weg
hinein in eine hitzeflirrende Wüste, in deren Hintergrund man ein schneebedecktes hohes Gebirge sieht. Binnen weniger Sekunden reiten sie dann im immer gleichen gemächlichen aber bestimmten Schritttempo ihrer Pferde durch einen Wald, eine tiefe Schneelandschaft, an einem See vorbei. Archaische Schönheit unberührter Natur, kombiniert mit der Schönheit der eleganten Kamerabewegung, perfekter Filmschnitte, und der nostalgischen Musik – eine ästhetische Einheit, die den
klassischen Western beschwört, und sich doch seines Endes völlig bewusst bleibt, die Bilder des Spaghetti-Western ebenso zitiert wie New Hollywoods aufgeklärte Western-Revivals, etwa Robert Altmans »Mc Cabe & Mrs. Miller«.
Die Schönheit dieser Szenen zweier Männer in Bewegung übertrifft noch einige andere, nicht weniger gelungene, nicht weniger filmisch perfekte Momente in diesem Film. Immer wieder gönnt Tarantino sich und seinem Publikum Augenblicke solcher Losgelöstheit und
gibt, obwohl er doch erkennbar an die Worte und Dialoge glaubt, seinen Film hin an die Macht der Bilder.
Karl May trifft Sergio Leone und die Nibelungen
Diese beiden Hauptfiguren, soziale Außenseiter, um die herum Tarantino einmal mehr ein reichhaltiges Arsenal eindrucksvoller in wenigen Bildern und Sätzen präzis charakterisierter Figuren versammelt, sind im Grunde sich selbst genug. »Django Unchained« ist ihre Geschichte; die Geschichte dieser zwei Individuen, die sich zusammentun für eine gemeinsame Reise, in der der eine zum Lehrer des anderen wird, und in der sie beide, auf ganz unterschiedliche Art, am Ende Befreiung und
Erlösung finden werden. Sie werden Schurken treffen und besiegen, wie den Sklavenhalter Calvin Candy (Leonardo Di Carpio in einem abgründigen Auftritt), wie eine ganze Gang von Ku-Klux-Klan-Rassisten, an geführt von »Big Daddy« (Don Johnson).
Der eine der beiden ist Django selbst, gespielt von Jamie Foxx: Ein schwarzer Sklave, der die Sünde beging, zu lieben und zu heiraten – was die der Züchtung immer besseren »Menschenmaterials« verpflichtete Biopolitik der rassistischen
US-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft tatsächlich verbot –, und, schlimmer noch in den Augen seiner weißen Besitzer: zu denken. Zur Strafe wurden er wie seine Braut verkauft. Und jetzt hat dieser Django nur das Ziel, die Frau, die er liebt, aus den Händen der Rassisten von Mississippi zu befreien und sich an denen zu rächen, die sie und ihn gequält haben. Das Frauenbild ist diesmal übrigens das schwächste aller Tarantino-Filme: Es gibt hier keinerlei wehrhafte, »starke«
Frauen, sondern traditionelle Mäuschen. Und die »Southern Belle« des Films, Schwester des Schurken, eine früh gealterte, innerlich kindische, zum Schweigen bei Männergesprächen verurteilte Witwe, verbindet mit ihrem Bruder ein offen inzestuöses Band.
Der andere, die fraglos komplexere Figur der beiden ist der kalblütig-zynische Kopfgeldjäger Dr. King Schultz, der Django zunächst befreit, weil er ihn braucht, um eine lukrative Beute aufzuspüren, der bald aber sein »Naturtalent« erkennt, und ihn den Beruf des Kopfgeldjägers lehrt. Schultz, gespielt von Christoph Waltz als in Gestus und elaborierter, hochexplosiver Sprechweise ähnliche, ethisch aber ins Positive gewendete Version seines oscarprämierten Auftritts als
»Judenjäger« Hans Landa in Tarantinos »Inglourious Basterds«, wirkt wie einem Karl-May-Roman entstiegen: Ein Deutscher, Zahnarzt, der im Wilden Westen zum perfekt schießenden Kopfgeldjäger geworden ist, aber immer noch am liebsten deutsches Bier trinkt und am Lagerfeuer das Nibelungenlied nacherzählt – ein Mensch, unter dessen kalt-zynischer Schale sich ein romantisches, gutes Herz verbirgt.
Ihm ist Django sympathisch und im Zuge dieser wachsenden Freundschaft verändert
sich Schultz selbst: Er taut sozusagen emotional auf. »Ich habe nie jemandem die Freiheit geschenkt, darum fühle ich mich für Dich verantwortlich.« sagt er bald. Und wenn dieser deutsche Doktor aus dem talentierten Schwarzen eine perfekte Killermaschine formt, ihn dabei das Leben als freier Mann lehrt, und dieses Geschöpf sich zugleich verselbständigt, und seinen Schöpfer verändert, fühlt man sich mitunter an die Geschichte von Doktor Frankenstein und seinem Geschöpf erinnert. Auch
andere Mythen zitiert der Regisseur: Djangos Braut wurde von ihren deutschen Sklavenhaltern auf den Namen Brunhilde von Shaft getauft – das ist nicht nur ein billiger Witz des germanophilen Tarantino, und seine Anspielung auf den Blaxploitation-Helden »Shaft«, Schultz enthüllt auch die tiefere Bedeutung, als er Django den Nibelungenmythos erzählt, und in ihm einen neuen Siegfried entdeckt, der durch die Hölle gehten muss um seine Brunhilde aus der Gefangenschaft zu
befreien.
Derart ließen sich noch viele der unzähligen Dialogpassagen des 165-Minuten, also auch in seiner epischen Dimension an Tarantinos eines Vorbild Sergio Leone angelehnten Films in ihren zweiten und dritten Bedeutungsebenen entfalten. Quentin Tarantino begann als smarter Fanboy, dessen intelligentes und bedeutungsreiches Spiel mit Referenzen aus Hoch- wie Popkultur faszinierte, und ihm bereits 1994 eine Goldene Paslme einbrachte. Doch Tarantinos siebter Film ist 19 Jahre nach »Pulp Fiction« noch weit mehr, als ein intelligentes und bedeutungsreiches Spiel mit Referenzen aus Hoch- wie Popkultur. »Django Unchained« ist Dialogkino im gewohnten, zwischen Komödie, Genrekino und seriösem Autorenfilm angesiedelten Stil dieses Regisseurs. Es ist zugleich Bewegungskino mit rasanten Actionpassagen, elegischen Kamerafahrten und -perspektiven. Wieder ebnet Tarantino auch diesmal die Ebenen ein: »Django Unchained« zitiert selbstverständlich die einflussreiche »Django«-Reihe und mit ihr die Tradition des Spaghetti-Western und des 60er-Jahre-Kinos, wie des »Blaxploitation«-Films der frühen 70er, und überschreitet sie doch auch von Anfang an.
Schluß mit Sweet Lord Jesus und Uncle Tom
Noch viel mehr, als man das auch über manchen »Django«Film und Werke von Sergio Leone (»Zwei Glorreiche Halunken«, »Spiel mir das Lied vom Tod«) und Sergio Corbucci (»Django«, »Leichen pflastern seinen Weg«) sagen könnte, ist »Django Unchained« hochpolitisch. Dies ist ein Film den zu sehen Spaß macht, während er läuft – und über der dem Zuschauer spätestens im Rückblick viel Stoff zum Nachdenken bietet. Denn dies ist auch ein Portrait der Lage schwarzer Sklaven im 19. Jahrhundert und des bis heute allgegenwärtigen Rassismus in Nordamerika, so entertaining, wie möglich, aber auch so ehrlich, wie man es im Blockbusterkino noch nicht gesehen hat. Ohne in Betroffenheitsgestus zu verfallen zeigt Tarantino das Blut auf den Baumwollfeldern, die Brutalität der gerade auch durch Hollywood allzuoft beschworenen Südstaatenidylle. Er zeigt das Leiden der Schwarzen, die unvorstellbaren Grausamkeiten, die die Sklavenhalter an den Schwarzen begingen und das Übermaß der Strafen: Auspeitschen für ein zerbrochenes Ei, Zerfleischen durch Hunde nach einem Fluchtversuch – was überdies oft mit einem Spruch aus der Bibel (nicht nur dem Alten Testament) gerechtfertigt wird. Es sind die Bösen, die hier »Sweet Jesus« anrufen,die Auspeitscher des White Trash, deren Körper mitunter mit Bibelseiten bedeckt sind. Tarantino klagt auch Bigotterie und Selbstgerechtigkeit ein. Er zeigt die Versehrung der Körper schon im ersten Bild, das die Narben ausgepeitschter Sklaven in Großeinstellung nimmt, die Ketten, Halskränze mit Spitzen, metallen Mundstücke und Kopfschellen – alles hier ist historisch.
So auch die Reaktion vieler Weißer auf Django: In einer frühen Szene sieht man Schultz auf seiner Kutsche in eine Stadt fahren, neben ihm der frischbefreite Django reitend mit Waffe. Zu Ennio Morricones Titelmusik für Don Siegels so frühen wie genialen Spaghetti-Western-Pastiche »Two mules for sister Sara« ist dies natürlich eine erste Feier der Coolness dieser zwei Helden. Es ist aber auch Gelegenheit für die weiße Mehrheitsgesellschaft, sich zu empören darüber, dass ein »Nigger
on a horse« in ohre Stadt zu reiten wagt.
Kultur schützt hier vor nichts, im Gegenteil: Im Saloon der Rassisten hängt ein Nachdruck von Goyas »Nackter Maja«, und Calvin Candy, der die Franzosen liebt, und seine Sklaven zum Beispiel D’Artagnan nennt, liest Alexandre Dumas, ohne zu wissen, dass sein Lieblingsautor nach seinen Kategorien ein »Nigger« war. Im Haus der Candys wird einmal auch »Für Elise« gespielt, und in diesen Sekunden muss man daran denken, dass Beethoven ja angeblich
ein Lieblingskomponist der Nazis war. Der Verweis, der in der Verbindung des Schönen mit dem Bösen liegt, ist jedenfalls unübersehbar.
Nicht zuletzt aber gilt sein mitunter grober Rundumschlag auch der Kollaboration einiger Schwarzer. Die von Samuel L. Jackson gespielte geradezu dämonische Figur des Stephen repräsentiert jene Mitschuld an dem Geschehen, das in den USA von manchen gar als »Black Holocaust« beschrieben wird. Auch dies ist gerade angesichts des mitunter selbstgefälligen Liberalismus des Obama-Amerika alles hochpolitisch – und wird in den USA auch so debattiert. Das ändert nichts daran, das Tarantino vor allem dem weißem Amerika den Spiegel vorhält, vorführt, was die Weißen den Schwarzen einst antaten.
Macht kaputt, was Euch kaputt macht
»I couldn’t resist« sagt Dr.Schultz irgendwann. Bilder visualisierten kurz zuvor seine Erinnerung an das Zerfleischen eines Schwarzen durch Hunde – es war das entscheidende Erlebnis für diese Figur, sein Trauma. Jetzt erträgt er alles nicht mehr. Er trägt den Zorn in sich. Gefühle verraten in diesem Film und bringen den Untergang, zugleich sind sie der Ausweis des Menschlichen. Gefährlich wird es für diese Helden immer im Augenblick des Zusammenbruchs der Coolness.
Die Nähe zu »Inglourious Basterds« ist offenkundig. Und zu den wenigen Dingen, die sich objektiv gegen den Film einwendenm lassen, wiegt der Einwand, der Regisseur unterliege hier einem Wiederholungszwang, vergleichsweise schwer. Aber dieser Einwand gilt natürlich auch für Hitchcock oder Sergio Leone wie für unzählige andere. Man übersieht mit ihm, dass Tarantino sich in seinen letzten Filmen radikal weiterentwickelt hat, dass er in seinen zwei letzten Filmen zu so etwas wie seiner Methode und zu sich selbst gefunden hat.
Wie »Inglourious Basterds« ist auch dieser Film ein Rachedrama, nahe an der Wunschphantasie. Eine Explosion nach dem ersten Drittel und eine am Ende dient vor allem der moralischen Erbauung: Macht kaputt, was Euch kaputt macht. Von Gewalt, von Expolosionen und dem Sterben »der Richtigen« verspricht sich Tarantino eine Art ästhetische Befreiung, wenigstens Erleichterung und Reinigung. Das ist fraglos provokativ. Die Kraft der philosophischen Frage, die der Regisseur stellt – wann Gewalt, wann Rache möglicherweise gerechtfertigt oder als letzter Ausweg legitim ist – schwächt dieser Befund nicht ab.