Review
Drive My Car
Tschechow reloaded
Tschechow reloaded
In Ryūsuke Hamaguchis eigenwilliger Murakami-Adaption Drive My Car verschmelzen russische Provinz der Jahrhundertwende und das moderne Japan zu einem spannungsvollen Wort-Bild-Kunstwerk
»Mein Mädchen, wie schwer mir zumute ist! Oh, wenn du wüsstest, wie schwer mir zumute ist!«
(Tschechow, »Onkel Wanja«)
»Asked a girl what she wanted to be
She said, ›baby, can’t you see
I want to be famous, a star on the screen
But you can do something in between‹«Baby, you can drive my car
Yes, I’m gonna be a star
Baby, you can drive my car
And maybe I'll love you(Beatles, Drive my car)
Nein, nach dem wundervollen Yesterday kein neuer Beatles-Film. Der neue Film von Ryūsuke Hamaguchi, der Anfang des Jahres für Wheel of Fortune and Fantasy auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde und mit Drive My Car in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch gewann, hat Kurzgeschichten aus dem Erzählband »Von Männern, die keine Frau haben« von Haruki Murakami zur losen Vorlage, darunter auch die titelgebende Geschichte. Was er als Drehbuchautor, zusammen mit Takamasa Ōe, daraus gemacht hat, ist allerdings etwas komplett anderes.
Eigentlich spielt ein Auto die Hauptrolle, ein roter Saab 900 Turbo. Es wird viel gefahren in diesem Film, durch ein nicht immer attraktives Japan, auch wenn es sich nicht um ein klassisches Roadmovie handelt. Der Regisseur und Schauspieler Yūsuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) liebt den Wagen, und auf seinen langen Fahrten hört er Theatertexte, die seine Frau Oto (Reika Kirishima) ihm auf Kassette gesprochen hat. So lernt er die Stücke besser kennen, aber auch seine Rollen. Mit den Autofahrten verknüpfen sich die vielen Textpassagen aus Anton Tschechows »Onkel Wanja«, dem zweiten Schwerpunkt des Filmes.
Drive My Car ist ganz entschieden ein Theaterfilm. Das Ineinandergreifen von Sätzen aus dem Tschechow-Stück und den Lebensthemen von Yūsuke verleiht Hamaguchis ruhigem Werk eine faszinierende poetisch-emotionale Konzentration. Man kann dabei zusehen, wie aus den Trauben der Worte durch die Weinpresse tragischer Schicksalsschläge und den Reifungsprozess der Verarbeitung ein schwerer Lebenswein entsteht. Manche Passagen werden sogar zweimal gesprochen und zeigen in den jeweils neuen Kontexten, wie die eigene Erfahrung des Schauspielers die Beziehung zu den Texten und damit ihre Wirkung verändert. Dies wird besonders in den Schlusssätzen der Sonja und einer Passage Wanjas über die eheliche Treue deutlich.
Zu Beginn sehen wir ein scheinbar glückliches Ehepaar im heutigen Tokio, er Schauspieler und Regisseur, sie Drehbuchautorin fürs Fernsehen, beide erfolgreich, mit einem aktiven Sexleben. Während oder nach dem Sex erzählt Oto das jeweils aktuelle Drehbuch und entwickelt es weiter, vergisst dann alles beim Schlafen, so dass ihr Yūsuke am nächsten Morgen alles noch einmal erzählen muss. Doch es liegen auch Schatten auf der Beziehung: sie haben eine Tochter verloren, Oto ist untreu, was Yusuke durch einen Zufall entdeckt, aber nicht thematisiert. Obendrein wird bei Yūsuke auch ein Glaukom diagnostiziert, nachdem er aufgrund seines eingeschränkten Sichtfeldes einen Unfall verursacht hat. Eine Metapher für die blinden Flecken in seiner Ehe? Als er eines Tages nach Hause kommt, am Morgen hatte ihn Oto um ein besonderes Gespräch gebeten, findet der Regisseur sie tot auf. Hirnblutung. Ein Schock! Nach der Totenfeier macht das Drehbuch dann einen Zeitsprung und kurioserweise werden erst jetzt, nach 40 Minuten, die Credits eingeblendet. Es ist, als ob ein zweiter Film beginnt.
Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau sehen wir Yusuke in Hiroshima ankommen, wo er für ein Theaterfestival »Onkel Wanja« von Tschechow auf die Bühne bringen soll, dieses Mal allerdings nur als Regisseur, denn die tragische Rolle Wanjas will er nicht mehr auf sich nehmen. Natürlich fragt sich der Zuschauer, wie er den Tod seiner Frau verarbeitet hat, wie das tragische Geschehen seine Arbeit beeinflusst, was dem Folgenden eine untergründige Spannung verleiht.
Aus Versicherungsgründen darf er seinen Saab nicht selbst zu seinem Schlafquartier fahren, und so hat die junge Misaki (Toko Miura), die so alt ist wie seine verstorbene Tochter jetzt wäre, die anspruchsvolle Aufgabe, ihn von ihren Fahrkünsten zu überzeugen. Schnell gewöhnt sich Yūsuke an die gemeinsamen Fahrten und langsam beginnen sie ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und sich einander immer mehr zu öffnen. Auch Misaki hat ein tragisches Schicksal zu verarbeiten, auch sie plagt sich mit Schuldgefühlen und weicht einer Neuorientierung ihres Lebens durch endloses Fahren eigentlich nur aus. Als Yūsuke sie bittet, ihn zu einem Ort in Hiroshima zu bringen, der ihr viel bedeutet, fährt sie ihn zu einer Müllverarbeitungsfabrik. Ist diese Metapher etwas zu offensichtlich? Jedenfalls erinnert die Szene an eine der Episoden in Manifesto mit Cate Blanchett und überrascht als untouristische und untypische Ortswahl für Hiroshima.
Als der Regisseur die Schauspieler auswählen soll, merkt er, dass sich unter ihnen auch der vermeintliche Liebhaber seiner Frau befindet, der gut aussehende junge TV-Star Kōji Takatsuki (Masaki Okada). Ist jetzt die Stunde der Rache gekommen? Interessanterweise bildete sich Yūsuke bisher ein, von Eifersucht frei zu sein, weil er sich der Liebe seiner Frau – trotz der Seitensprünge – immer sicher war. Diese Sicht der Dinge gerät ins Wanken.
Ausführlich werden nun die Proben zur Aufführung des Tschechow-Klassikers gezeigt, die Spannungen zwischen Regie und Spielern, die endlos scheinenden Leseproben, wobei sich erweist, dass ein Fokus des Filmes auch auf der Faszination ungewöhnlicher Theater-Inszenierungen vielgespielter europäischer Klassiker wie Becketts »Warten auf Godot« oder »Onkel Wanja« liegt. Regisseur Yūsuke Kafuku inszeniert die Stücke mehrsprachig, wobei die Schauspieler teilweise nicht die Sprache der anderen verstehen, auch eine Gehörlose spielt mit. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Einbeziehung der stummen Lee Yoon-a in der tragenden Rolle der Sonja. Park Yoo-Rim spielt diese Rolle umwerfend intensiv und bewegend, ihr gehören auch die zentralen Schlusssätze des Theaterstücks, die das Herzstück der Aussage bilden: Auf die Worte »Wenn du wüsstest, wie schwer mir ist« von Wanja antwortet Sonja in Gebärdensprache, hinter ihm stehend: »Was kann man machen. Wir müssen leben. […] Geduldig werden wir die Prüfungen ertragen, die das Schicksal uns bringt. […] Und wenn unsere letzte Stunde kommt, werden wir still gehen. […] Und im Jenseits werden wir sagen, dass wir gelitten haben, dass wir geweint haben, dass das Leben schwer war. […] Und Gott wird Erbarmen mit uns haben. […] Und dann endlich werden wir ausruhen. […]« Sie spricht diesen Appell, ein schweres Leben in Demut und Würde zu akzeptieren, anstatt aufzubegehren und zu revoltieren, für alle Protagonisten des Filmes, die allesamt Grund genug hätten, am Leben zu verzweifeln, sich dem Leiden zu ergeben, das Weitermachen zu verweigern. Dass dies nur gelingen kann, wenn man sich in die Arme des menschlichen Trostes fallen lassen kann, sich sein Leiden gegenseitig offenbart und wenn man zudem eine Aufgabe hat, die einen mit Sinn erfüllt, dies zeigt uns Ryūsuke Hamaguchi in berührender Weise in seiner Doppelkomposition aus Theater und Leben.
Der Film ist lang (fast drei Stunden) und fordert ein intensives Einlassen auf die Texte; er fließt trotz dramatischer und emotionaler Ereignisse und überraschender Wendungen eher ernst und ruhig dahin, was mit der oft fast starr anmutenden Mimik der Protagonisten korrespondiert; die sparsam eingesetzte Musik (Eiko Ishibashi) mit ihren teils jazzigen, manchmal eher sphärischen Klängen lässt vieles im Ungefähren, ähnlich wie in vielen Murakami-Werken, so dass wir uns als Zuschauer auf den langen Fahrten durch das meist graue Japan dem langsamen, behutsamen Prozess der Verarbeitung und Neusortierung der Gefühle hingeben können, unterstützt durch eine ebenfalls ruhige, fast konventionelle Kameraführung (Hidetoshi Shinomiya).
Tod, Treue, Leiden und Lebenssinn. Ryūsuke Hamaguchi erinnert mit dieser filmischen Theater-Inszenierung von »Onkel Wanja« daran, dass Tschechows Themen schon einmal zeitlos gültig verarbeitet wurden und im Korb des kulturellen Gedächtnisses wie frisches Obst bereit liegen.
Im Jahr 2022 ist Drive My Car Japans Kandidat für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester internationaler Film. Ein schwerer Schlag für die Konkurrenz und eine Liebeserklärung an das europäische Theater.