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Review

Eddington

Der Anti-Diskurs und seine technische Reproduzierbarkeit

Eddington
Jeder möchte hier alle Probleme lösen... (Foto: Leonine)

Der Anti-Diskurs und seine technische Reproduzierbarkeit

In seinem vierten Langfilm verzettelt sich Indie-Darling Ari Aster wohlwissend in politischen Streitthemen, erzählt vom amerikanischen Western, von roboterhaften Menschen, die zu ideologischen Akteuren degradiert werden

Corona ist zurück, zumindest im Kino. Ari Aster nimmt sich den Mai 2020 als zeit­li­chen Rahmen für seinen aktuellen Film, den post-post-post (?), jeden­falls modernen Western Eddington. Hand­lungsort dieses 145 Minuten langen Kuriosums ist die fiktive titel­ge­bende Klein­stadt in New Mexico, die zum Brennglas für Aktuelles, für das Zeit­ge­schehen, für Kultur­kämpfe und persön­liche Konflikte, für Mord und Totschlag, für Märtyrer und Verstoßene, für Liebe und Verrat, für Politik und Privates, für Proteste, für die Antifa, für Poli­zei­ge­walt und Black Lives Matter wird. Zumindest passieren all diese Dinge, einge­bettet in eine männliche Feind­schaft, in das poli­ti­sche Duell (mit persön­li­chem Hinter­grund natürlich) zwischen dem Bürger­meister Ted Garcia (Pedro Pascal) und dem Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix). Ersterer ordnet strenge Corona-Maßnahmen an, was letzterem überhaupt nicht passt, es wird nie ganz klar warum, zwar ist er Asth­ma­tiker, kann unter der Maske »nicht richtig atmen«, nahe­lie­gender ist aber die erwähnte persön­liche Fehde. Ted datete Joes Frau Louise (wie immer toll: Emma Stone), jene befindet sich in einer manisch-depres­siven Episode, flüchtet sich in Online-Verschwörungs­theo­rien, angeheizt von ihrer noch verbit­ter­teren, noch mani­scheren Mutter (»she’s very online«).

Diese Spannung spitzt sich immer weiter zu, die erste Eska­la­ti­ons­stufe ist erreicht, als sich Joe selbst zum Bürger­meis­ter­kan­di­daten ernennt, den persön­li­chen Krieg final poli­ti­siert.

Das ist die Ausgangs­lage, und bereits jetzt ist der Film nicht mehr zu entwirren. In diesem Stil könnte man nun ewig fort­fahren, die zig Neben­fi­guren benennen, die alle unter­ein­ander, mitein­ander, zwischen­ein­ander Streit­punkte finden. Im Hinter­grund natürlich der Corona-Diskurs, und zusätz­lich die ebenfalls in diesen Zeitraum fallende Ermordung George Floyds. Diese Themen nun verwebt Aster permanent, spitzt sie immer weiter zu, nicht aber pointiert, nicht um dem Diskurs etwas beizu­fügen, er repro­du­ziert ihn lediglich, nimmt ihn in die Atmo­sphäre auf, lässt ihn seine Figuren bestimmen, die darauf reagieren wie Roboter. Eine Subjek­ti­vität gibt es hier schon überhaupt nicht mehr, zu keiner Sekunde. Selbst der durch Eddington geis­ter­haft umher­wan­dernde Obdach­lose Lodge faselt nur vor sich hin, holt alte Traumata hervor, rennt wie fern­ge­steuert in die Bar, hin zum Alkohol, weg von sich selbst. Wann immer eine Figur einen Freiraum zu erreichen beginnt, wird sie eingeengt durch neue Grenzen: Im Wahlkampf werden Verge­wal­ti­gungs­an­schul­di­gungen heraus­po­saunt, bei einem Krimi­nal­fall stößt urplötz­lich eine andere, benach­barte Poli­zei­ein­heit dazu. Dazwi­schen, omni­prä­sent: Bild­schirme und Kameras, Handys, die alles mitfilmen, unge­fil­tert ins Netz stellen, jeden Augen­blick zu einem poli­ti­schen Talking-Point erheben.

»You just gonna keep filming?« schnauzt Joe einen Passanten an, alles wird doku­men­tiert, es gibt keine Privat­sphäre mehr, selbst Küsse werden zu Agres­si­ons­trä­gern, werden foto­gra­fiert und geteilt, alles ist eine Waffe in dieser durch­tech­ni­sierten Big-Brother-Welt. Nur gibt es diesen figu­ra­tiven Big-Brother schon gar nicht mehr, zumindest nicht personell. Jeder gibt sich selbst Preis, jeder kontrol­liert jeden, die große Para­noia­frage »Who will watch the watchmen?« gilt nicht mehr, denn jeder ist ein Watchman, und jeder beob­achtet sich wie die anderen. Im Hinter­grund wird dabei schon das nächste, dies wiederum perver­tie­rende Symbol errichtet: Das mystische, Rohstoff verschwen­dende »AI or deep learning or some crap«-Wirt­schafts­pro­jekt »solid­gold­ma­gi­karp«, das neben Eddington errichtet werden soll, bereits jetzt über dieser Stadt thront, in all seiner Häss­lich­keit lediglich den nächsten Streit­punkt darstellt.

Magikarp, das ist im übrigen ein Pokémon, was sinn­bild­lich für den zynischen, infan­tilen Humor Asters genommen werden kann. Er bedient sich stark bei Internet-Memes, Twitter und TikTok sind omni­prä­sent, werden abgefilmt, einmal steht das Bild gar selbst senkrecht. Wie die dortigen »Diskus­sionen« gestaltet sich dann auch dieser (selbst-)destruk­tive Film.

Bei BLM-Protesten sind nur weiße Klein­stadt­kids zu sehen, die den schwarzen Poli­zisten beschimpfen, heraus­for­dern, auf welcher Seite er denn steht. Alles verliert sich, nichts kann mehr wirklich ernst genommen werden, ist lediglich Auslöser für den nächsten Streit, die nächste sich selbst hinter­fra­gende, dahin­sie­chende poli­ti­sche Position. »There’s a riot going on, and your checking your emails?«, »Where’s your anger?«, »What’s it going to prove it if you set your own neigh­bor­hood on fire?«

Jeder möchte alle Probleme lösen, die Welt retten, sich aus dieser Welt retten, doch sie stecken nunmal in Eddington fest, diesem verdammten Eddington, das die ganze poli­ti­sche Frus­tra­tion unserer Gegenwart in sich hinein­zu­fressen scheint, bis es implo­diert, nur um sich neu zu errichten.

Folge­richtig insze­niert Aster auch keine Subjekte, jede Figur scheint gleich­zeitig den ganzen Schmerz der Moderne zu bedeuten, jede Träne ist verlogen, jeder Triumph wird gehässig negiert. In all diesen Trümmern dann steckt ausge­rechnet eine der am besten insze­nierten Action-Szenen des Jahres, zumindest ein ästhe­ti­scher Freiraum also gelingt für kurze Zeit, der uns ausge­rechnet mit klas­si­schen Western Standoffs und Bela­ge­rungs­sze­na­rien beein­druckt.

»The image is true. Language is evil«, heißt es an einer Stelle, gespro­chen von Austin Butlers Verschwörungs­theo­re­tiker-Sekten­an­führer-durch­trai­nierter-voll­tä­to­wierter-reli­giöser-Führer-Figur (ja, die gibts auch noch). Natürlich nur eine weitere Finte, aber viel­leicht liegt darin ja doch der Zugang zu diesem über­la­denen, unbe­frie­di­genden, kuriosen, letzt­end­lich wohl geschei­terten Film: In der Sehnsucht nach visuellen Ausbrüchen, nach großer Kinoepik, nach urame­ri­ka­ni­schen Bildern, die uns befreien können, letzt­end­lich aber neben all den Handy­vi­deos versanden werden, genauso unein­deutig sind wie unser Blick auf die reale Welt. Und hier sind wir nun wirklich in der traurigen x-ten Post­mo­derne, die alles nimmt, alles zusam­men­schmeißt, um auf der Sinn­lo­sig­keit ihren einsamen Tanz aufzu­führen. »Your being mani­pu­lated« steht in großen Lettern auf dem zum Wahl­kampf­mobil umfunk­tio­nierten Poli­zei­auto. Daneben: »Don’t let Eddington turn into Facebook.«

Die Slogans werden zu dem, was sie kriti­sieren, sie lügen und bezeichnen zugleich eine Wahrheit, die sie selbst immer weiter hervor­bringen. Der Film reiht sich in diese Tradition nahtlos ein, ob man das nun gut findet oder anspruchs­voll, ob klug oder gewitzt wird völlig bedeu­tungslos, er bildet lediglich ein weiteres Ketten­glied in seiner eigenen, sich selbst disku­tie­renden Diskus­sion.

»[N]othing runs better on MTV than a protest against MTV«, wusste Mark Fisher, ausge­rechnet Donald Trump sagt es im Grunde nur konse­quenter: »Ever­y­thing is Computer.«

So frisst sich der präsen­tierte (Anti-)Diskurs selbst, genügt sich in seiner vagen, letzt­end­lich gemüt­li­chen Mittler-Position.

»Just don’t make me think. Post it«, resi­gniert Joe zur Mitte des Films, beinahe wirkt es wie eine Entschul­di­gung Asters.