Review
Ein leichtes Mädchen
So leicht und doch so schwer
So leicht und doch so schwer
»Wenn Geld das Band ist, das mich ans menschliche Leben bindet, die Gesellschaft an mich bindet, ist Geld dann nicht das Band aller Bande? Kann es nicht alle Bande lösen und binden? Ist es daher nicht das universelle Mittel der Trennung?« – Karl Marx, Frühe Schriften
Entre deux scène @juliantorresphoto #unefillefacile #aneasygirl #backstage – Zahia Dehar @https://www.instagram.com/p/B01dJWpg6au/
Das Licht Südfrankreichs, das Licht von Cannes im Sommer, ein Sommerfilm, ohne Zweifel. Aber es ist nicht das Cannes der Filmfestspiele, es ist das »Backstage«-Cannes. Eine einfache Wohnung ohne Glamour, mit einfachen Menschen. Eine Mutter und ihre 16-jährige Tochter Naïma (Mina Farid) wohnen hier und ihre 22-jährige Cousine Sofia ist auf Besuch. Und schon ist der Sommerfilm auch ein vertraut wirkender Coming-of-Age-Film, denn Sofia, die von der französisch-algerischen Influencerin, Model und Lingerie-Designerin Zahia Dehar verkörpert wird, die 2009 durch den Escort-Skandal um die französische Fußballnationalmannschaft bekannt wurde, nimmt Naïma in diesem letzten Sommer vor ihrer Ausbildung mit auf eine Reise, verführt sie, ihr dabei zuzusehen, wie sie Spaß hat, wie sie auf einer mondänen Yacht eine Liebschaft beginnt und eine Weile Teil der Reichen ist, weil sie das zum Einsatz bringt, was offensichtlich ihr wertvollstes Gut ist, ihren Körper.
Rebecca Zlotowski, die bereits mit ihren Vorgängerfilmen Belle épine (2010) und Grand Central (2013) subtil Erwartungshaltungen unterlief, formt auch aus diesem Plot, der so vertraut wirkt, weil er im Kern schon so oft erzählt wurde, etwas völlig Neues. Das beginnt schon damit, dass Zlotowski von einem Cannes erzählt, das sonst kaum einen interessiert, von Innenräumen, die austauschbar scheinen, und von Menschen, die bestenfalls als Kellner jene bedienen, die mit ihren Yachten in Cannes anlanden oder zu Besuch bei den jährlichen Filmfestspielen sind. Fast schon wie ein ironischer Kommentar zum Subtext des Films wirkt es daher, dass Zlotowskis Ein leichtes Mädchen dieses Jahr dann auch nach Cannes eingeladen wurde, allerdings nicht in den »regulären« Wettbewerb, sondern in die Sektion »Directors Fortnight« (Quinzaine des réalisateurs).
Diese »leichtfüßige«, über die Narration hinausragende, mit der Realität anbandelnde Doppelbödigkeit verkörpert auch der Film an sich. Denn die Besetzung von Sofia mit Zahia Denar scheint fast wie das Prequel zu Denars wirklichem Leben, eine Art Manifestation des »Influencer«-Wesens, das sich weder um Herkunft noch Zukunft schert, sondern die Lust an der Selbstermächtigauslebt und selbstbewusst den Spaß sucht, den sie will, und dafür das einsetzt, was sie für notwendig erachtet. Dementsprechend bricht Zlotowski auch mit gängigen Konventionen. Ihre Sofia ist genauso wenig Opfer wie es ihre junge Cousine werden wird – was in ähnlichen Konstellationen ja schon seit dem Marquis de Sade stets der Fall war –, sondern sie überrascht an einer Stelle sogar die reiche Kunstsammlerin damit, dass sie nicht nur ihren Körper hat, sondern auch ihren Verstand.
Fast schon provokativ gelingt es Zlotowski nicht nur dadurch, sondern auch mit ihren Sofias Körper zelebrierenden Kamerafahrten zu verdeutlichen, dass silikonisierte Brüste und aufgespritzte Lippen kaum vulgärer sind als ein mit Yachten und Kunstobjekten zur Schau gestellter Reichtum.
Doch bei aller moderner Radikalität und spielerisch feministischer Hinterfragung gängiger – bildungsbürgerlicher – Perspektiven bleibt Zlotwoski dann doch auch alten, französischen Idealen treu. Denn trotz ihrer fast schon trotzig anmutenden Überschreitungen festgesteckter Grenzen bleibt am Ende ein melancholischer Beigeschmack, wird deutlich, dass das Überschreiten der Grenzen zwar möglich ist, die Grenzen, die der Besitz von Geld etabliert, aber dennoch bestehen bleiben, ein Fokus, der auch während des Films immer wieder dezent angedeutet wird, etwa als Naïmas künftiger Arbeitgeber erschrocken und angewidert zugleich feststellt, dass Naïma sich – zumindest für diesen Abend – auf der »anderen« Seite befindet.
So sehr und pointiert sich Zlotowski der Themen »Klasse« und verblassender »Genderstereotypen« annimmt, so sehr irritiert ihre Verweigerung, das in Frankreich so virulente Thema »Rasse« deutlicher zu thematisieren. Denn sowohl Naïma und ihr Freundeskreis als auch Sofia haben offensichtlich nordafrikanische Wurzeln, doch mehr als diese bloße Feststellung und die sich daraus ein wenig stereotyp ergebenden soziographischen »Tatbestände« ist Zlotowski nicht bereit zu formulieren.
Das macht Ein leichtes Mädchen allerdings keinesfalls zu einem schlechteren Film, denn wie Zlotowski hier mit der Leichtigkeit eines Sommers und dem Versprechen von Zukunft in unserer völlig »neuen« Welt jongliert, ist nicht nur atemberaubend leicht, sondern auch beglückend intelligent.