Review
Eine dunkle Begierde
Mit Cronenberg im Café Sperl
Mit Cronenberg im Café Sperl
Am besten geht man völlig vorraussetzungslos in diesen Film. Also ohne die Tatsache im Kopf zu haben, dass Eine dunkle Begierde der neue Cronenberg-Film ist. Ohne gespannt darauf zu sein, wie wohl unter seiner Regie ein Kostümfilm aussehen könnte. Und ohne sich zu fragen, wie er wohl mit den historischen Fakten umgeht: Rabiat? Anarchisch? Oder einfach nur respektlos, sie Horror und Suspense opfernd, dabei einen untergründigen gesellschaftlichen Kommentar aufstellend, der natürlich nur auf eins zielt: auf uns und die Zeit, in der wir leben?
Am besten lässt man auch alle Erwartungen hinter sich, die sich mit dem Thema des Films und Cronenberg ergeben, der Psychoanalyse und dem Meister des Abgründig-Unterschwelligen. Dass sich Cronenberg der Psychoanalyse zuwendet, erscheint ja geradezu als mathematische Notwendigkeit, wie die Verheißung einer Super-Formel für die Cronenberg-Filme. Sozusagen der Schlüssel des Verstehens zu einem Werk, das mit seinen Filmen direkt in die Psyche der Menschen zielt, in die unbewussten Ängste und versteckten Perversionen. Und dies mit so unterschiedlichen Filmen wie den aus heutiger Sicht etwas albernen Film-Horror Die Fliege, den fies unter die Haut gehenden Gynäkologen-Besteck-Film Die Unzertrennlichen, oder den absolut horrifizierenden Kommentar auf den Vollkommenheitswahn unserer Gesellschaft, Crash.
Und jetzt also C.G. Jung und Sigmund Freud, die Väter der Psychoanalyse, im Streit um die richtige Methode. Eine allemal »gefährliche Methode«, wie der Originalfilmtitel unheilversprechend ankündigt. Freud und Jung, man weiß es, zerstreiten sich über die Frage, ob man die Götter dazu einladen solle, ihre Archaik auszuspielen und den Menschen als anthropologisches Phänomen wahrzunehme, wie Jung favorisiert, oder ob man besser, wie Freud findet, keine Götter bei den Psycho-Spielen dulden solle, denn der Psychoanalytiker sei in gewissem Sinne hierbei schon Gott genug und es gehe nur um das biographische Individuum. Dieser Streit ist historisch; der Film zeigt die erste Begegnung von Jung und Freud in Wien, im heute noch echt Wienerischen und kaum veränderten Café Sperl.
Und dann geht es noch um Sabina Spielrein. Sie ist ebenfalls historisch verbürgt, eine Patientin Jungs, die unter einem schweren Anfall von Hysterie in einer wilden Kutschenfahrt zu ihm ins Spital Burghölzli in Zürich eingeliefert wird. Wie ein wildes Reh spielt Keira Knightly die Spielrein, in einer toll-tollwütigen Performance, energiegeladen und mit einer Verve, die an das menschlich Unangenehme und gerade noch Aushaltbare grenzt. Hier, in diesen ersten Momenten der aus dem Häuschen geratenen Bürgerstochter, ist Cronenberg da, ist der Film Schreckmoment, in dem man unterschwellig in Gefangennahme der noch ungezähmten Sabina Spielberg gerät.
Bald erfahren wir mehr über die Spielrein: dass sie jüdisch-russischer Herkunft ist und vorhat, Medizin zu studieren. Jung macht aus ihr nicht nur seine Patientin, sondern auch seine Assistentin. Und dann, später, als sie geheilt ist und aufstrebende Medizinstudentin, macht er aus ihr seine Geliebte und begeht damit nicht nur den psychoanalytischen Sündenfall, sondern bricht auch ganz allgemein die Regel: Never fuck in the factory. Die Liebeszenen, die uns vorgespielt werden, sind sado-masochistisch (gemäß der Neigung der Ex-Patientin) und müssen allenthalben für die Abgründigkeit und Unerschrockenheit auch dieses Cronenberg-Films herhalten. Dabei sind sie einfach nur klischeehaft und verschwinden zwischen den spitzenbewehrten Bettenbergen des Jugendstil-Mädchenzimmers.
Und so geht es weiter: Der Film reiht historisch bekannte Stationen aus dem Leben der Psychoanalyse-Väter Freud und Jung auf, hin und wieder erfahren wir, was aus der Spielrein zwischenzeitlich geworden ist: Eine kluge Frau, die Freud in seiner Auffassung über den Todestrieb korrigiert, die über Jung hinauswächst, und die als erste Frau überhaupt den Doktortitel in der Psychoanalyse erwirbt. Und die später Kindertherapeutin wird. – Interessant, aber was hat Cronenberg damit zu schaffen? Eben.
Eine dunkle Begierde ist ein völlig harmloses Bio-Pic, durchaus immer wieder inhaltlich ansprechend und auch interessant gespielt: Die für Kostümfilme prädestinierte Keira Knightly (Die Herzogin, Fluch der Karibik), der bis zur Unkenntlichkeit als Freud verkleidete Viggo Mortensen (mit Cronenberg zuletzt: Tödliche Versprechen), und, zu seiner Rolle passend unbeholfen, Michael Fassbender, geben eine schön altbackene Ménage à trois in diesem braven und buchstabentreuen Film ab.