Review
Eine Frau mit berauschenden Talenten
Bitte ein Lächeln, nur eins!
Bitte ein Lächeln, nur eins!
Jean-Paul Salomé presst die literarische Vorlage zu seinem Film in ein konventionelles Korsett, das nur die Oberflächen, aber keine Tiefen bedient
Gemeinhin werden selbst schlechte Filme mit Isabelle Huppert gelobt. Denn wenn schon alles andere nicht stimmt, so ist es dann doch stets und immer »die« Huppert, die den Karren aus dem Dreck reißt. So könnte man, wenn man denn wollte und wie viele es auch machen, auch mit der neuen Krimikomödie von Jean-Paul Salomé sein kleines Glück versuchen, eine Komödie, die übrigens im Original den erheblich eindeutigeren, bösartigeren Titel »La Dardonne« (Die Alte) trägt. Vielleicht hatte man im deutschen Verleih die Angst, dass damit die Referenz auf eines der bekanntesten deutschen Krimi-TV-Formate, »Der Alte«, zu groß ist oder vielleicht wollte man einfach nur ein bisschen mit den Worten spielen. Obwohl, das sei schon jetzt angemerkt, das erzählerische und filmische Niveau von Salomés Film gar nicht mal so weit von dem ZDF-Klassiker entfernt ist.
Denn anders als in der literarischen Vorlage von Hannelore Cayre, die in ihrem Roman nicht nur die Geschichte einer für die Polizei und vor allem das Drogendezernat arbeitenden Übersetzerin schildert, die dann en passant die Seiten wechselt, sondern genauso nebenbei auch noch von der abgehängten Mittelklasse Frankreichs und französischer Kolonialgeschichte berichtet, presst Jean-Paul Salomé das Buch in ein sehr konventionelles Korsett. Anders als in Cayres Roman und anders als in dem »modernen Klassiker« des moralischen Seitenwechsels schlechthin, in Vince Gilligans Breaking Bad, bleiben sowohl die gesellschaftlichen Brennpunkte außen vor bzw. werden alte Stereotype reproduziert, tauchen Menschen mit algerischem Hintergrund, tauchen Menschen mit chinesischem Hintergrund, tauchen Drogennetzwerke auf, ohne dass diese Entwicklungen auch nur im Ansatz vertieft werden. Stattdessen werden diese Einsichten einem nicht immer ganz einsichtigen, flachen Humor geopfert, der weder schwarz, noch weiß, ja nicht einmal bunt ist.
Umso mehr ruht die Kamera, fokussiert der ganze Plot auf die Dolmetscherin und Übersetzerin Patience (Isabelle Huppert), die ihre fragile Finanzlage ein wenig aufbessern möchte, um Kind, Kegel (und Mutter) weiterhin finanzieren zu können. Ihr schnelles Übergleiten in eine andere Welt goutiert sie mit der gleichen stoischen Miene, mit der sie auch am Anfang des Films dasteht, ja, wenn man einmal genau hinsieht, ist es eigentlich jene Mimik und jene unterkühlte Gestik, die sich Isabelle Huppert in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr als Alleinstellungsmerkmal erspielt hat und von dem sie nun scheinbar nicht mehr abzuweichen gedenkt. Wer sich nicht mehr erinnern sollte: Isabelle Huppert kann tatsächlich mehr als die unnahbare, verbitterte, verkantete, verstärkte oder verblassende Frau spielen, ja, sie kann sogar leidenschaftlich lachen, verträumt blicken, Rollschuhfahren und tanzen. Und wer das nicht glaubt, der sollte unbedingt den Blick auf einen anderen Klassiker werfen, auf Michael Ciminos Heaven’s Gate (1980), auf den auch die im letzten Satz anzitierten Youtube-Links verweisen.
Denn diese schauspielerische Bandbreite, die Huppert hier am Anfang ihrer Karriere zeigt, hätte den Film vielleicht sogar aus seiner Mittelmäßigkeit gerissen, hätte ihn dann wirklich zu einem kleinen französischen, überraschend grotesken »Breaking Bad«-Remake werden lassen. Verdient hätte das die Geschichte alle Male.