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Review

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Leben bezeugen, bilderträumen

Ein Mann steht im Museum, die Frau denkt über das Leben nach

Leben bezeugen, bilderträumen

Am Ende steht der Anfang: wenn die Leinwand wieder weiß geworden ist, sitzt man selbst da und denkt nach über das Welt­theater-Leben, das 100 Minuten lang zuvor an einem vorbei­ge­zogen ist. In unzäh­ligen Alltags-, Geschichts- oder Phan­ta­sie­szenen – das lässt sich bisweilen kaum trennen.

Am Anfang steht das Ende: der Regisseur Roy Andersson verab­schiedet sich mit Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach in einem Zwischen­titel, weiß auf schwarz, von seiner »Trilogie über das Mensch­sein«. Kurz darauf scheiden drei Menschen ungewollt und undra­ma­tisch aus dem Leben, in neben­säch­li­chen, profanen Momenten wie dem Bezahlen eines Essens an einer Kanti­nen­kasse oder dem Öffnen einer Wein­fla­sche. In diesem Span­nungs­ver­hältnis baut Andersson auch die nach­fol­genden Szenen auf: das Banale – man könnte auch sagen: das Alltäg­liche – vermengt sich mit dem Drama­ti­schen, dem Über­le­bens­großen.

Erstmals innerhalb dieser Trilogie (auch die ersten Teile Songs from the Second Floor und Das jüngste Gewitter bestanden aus einem Potpurri an Einz­el­szenen) bildet das Wirken zweier Prot­ago­nisten ein fort­lau­fendes, ansatz­weise auch hand­lungs­trei­bendes Narrativ innerhalb des Films. Die Scherz­ar­ti­kel­ver­käufer Jonathan und Sam klappern mit einem kleinen Sortiment begrenzt unter­halt­samer Artikeln verschie­denste Geschäfte und poten­ti­elle Kunden ab. Vampir­zähne und groteske Masken wollen sie Leuten verkaufen, denen es aber entweder am Willen zum einfäl­tigen Humor oder an der finan­zi­ellen Potenz fehlt. Ihr Chef setzt sie unter Druck, der schließ­lich auch zu einem Zerwürfnis zwischen ihnen führt. Irgend­etwas, die Einsam­keit oder die Hunde­treue, hält sie letztlich beiein­ander. Die Anlehnung an die Haupt­fi­guren aus Samuel Becketts Warten auf Godot ist offen­sicht­lich, ohne dass sie zu einer bloßen Imitation würde, denn hier handelt es sich durchaus um lebende Wesen, die verlet­z­lich sind oder wehmütig und dies auch in ihren spär­li­chen Worten auszu­drü­cken vermögen oder in ihrer viel­sa­gend-einge­fro­renen Physio­gnomie. Diese merk­würdig verstei­nerten, wie blei­schwere Luft­bal­lons daher­kom­menden Gestalten stehen beispiel­haft für das Figu­ren­ar­senal, das Anders­sons Filme ausz­eichnet. Seine Menschen sind gefrorene Emotionen, ihre Körper und Gesichter verdich­tete Momente der Trauer oder des heim­li­chen Glücks, beob­achtet mit sach­li­cher Anteil­nahme.

Anders­sons filmische Augen sehen über­rea­lis­ti­sche Bilder, die auf den Milli­meter genau kadriert und ausge­staltet sind. Fast immer arbeiten sie mit Flucht­li­nien in die Tiefe und einer Betonung diago­naler Linien. Die Kamera bewegt sich nie, die Personen können im Vorder­grund stehen und scheinen dennoch weit entfernt vom Betrachter. Ob ein im Versuchs­labor gequältes Äffchen gefilmt wird oder ein Mann, der aus einem Fenster lehnend eine Zigarette raucht und dabei von einer jüngeren, leicht beklei­deten Frau hinter seinem Rücken betrachtet wird – in beiden Fällen ist die Perspek­tive die eines neutralen Neugie­rigen, dem nichts Mensch­li­ches oder Unmensch­li­ches fremd ist.

Darüber hinaus ist dieser Film einer der wenigen Filme überhaupt seit Anbruch des digitalen Filme­ma­chens, der vermit­telt, welche Möglich­keiten die digitale Foto­grafie bereit­hält und der sie zugleich vollendet beherrscht. In keiner der 39 Szenen (so viele sind es tatsäch­lich insgesamt) gibt es, sei es im Vorder-, Mittel- oder Hinter­grund, eine Stelle, die nicht gestochen scharf erscheint. Dies ist eine Gege­ben­heit, die man in der Malerei vorfinden kann, etwa bei den von Andersson verehrten Künstlern der Neuen Sach­lich­keit, aber bislang noch nie in einem Film so konse­quent-konzise verwirk­licht worden ist. Das Moment des Über­rea­lis­ti­schen gibt den Szenen eine berü­ckende Präsenz, während die gleichsam traum­ar­tige Farb­ge­stal­tung sie in die Sphäre des Unwirk­li­chen entrückt. Meist liegt eine staub­graue Schicht über den Räumen, die wenigen leuch­tenden Farben (das Gelb einer Königs­hose oder die verhal­tene Blau eines Himmels) sind im Wortsinn Licht­blicke.

Vor sieben Jahren hatte Andersson Das jüngste Gewitter fertig­ge­stellt, sieben Jahre davor Songs from the Second Floor. Es wäre eine zu schöne Unter­stel­lung, passend zu seinem der burlesken Pointe nicht abge­neigten Stil, dass Andersson die Gleich­mäßig­keit auch bei der Veröf­fent­li­chung seiner Filme schätzt. Tatsäch­lich hat die lange Entste­hungs­zeit, so betont Andersson in Inter­views, mit der schwie­rigen Verein­bar­keit von völliger künst­le­ri­scher Freiheit und finan­zi­eller Reali­sier­bar­keit zu tun. Andersson dreht über mehrere Monate verteilt über­wie­gend in seinem eigenen Studio in Stockholm, feilt lange an der Ausstat­tung und Bild­ge­stal­tung (erschwe­rend kam bei diesem Film die Erkran­kung von Anders­sons unga­ri­schem Kame­ra­mann István Borbás hinzu, weshalb ein zweiter nahtlos einge­sprun­gener Kame­ra­mann, Gergely Pálos, sich den Credit teilt) sowie an manchen Szenen von sagen­hafter Choreo­gra­phie. Die längste Einstel­lung in Eine Taube sitzt auf einem Zweig…, die geschätzt knapp zehn Minuten dauert, beginnt mit einer Genre­szene in einem tristen Vorstadt­café, in die Jonathan und Sam förmlich hinein­stol­pern, um auch hier ihre Waren zu verkaufen. Nach wenigen Minuten zieht im Hinter­grund auf der Straße, die man durch drei größere Fenster sieht, plötzlich ein Armee­re­gi­ment in histo­ri­schen Kostümen vorbei, einige Minuten lang, während­dessen der schwe­di­sche König Karl XII. auf dem Pferd das Café betritt, begleitet von seiner Gefolg­schaft. Kurz darauf kommt es zu einer Annähe­rung zwischen ihm und einem bleichen jungen Mann hinter der Theke. Eine kurze, vage Berührung wird zum Sinn­lichsten und Rührendsten, was der Film seinen Figuren zugesteht.

Der Termin des Kino­starts dieses eigen­wil­ligen, nach­sich­tigen Kompen­diums des Mensch­li­chen könnte nicht besser gewählt sein: ganz zu Beginn eines neuen Jahres, das erneut 365mal die Möglich­keit bietet, sich zwischen den Stunden der Bett­schwere zu irren, verirren, am Leben teil­zu­haben oder es sein zu lassen.