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Review

El Fulgor

Nachmittag eines schwulen Fauns

Filmszene »El Fulgor«
Von elementar-archaischer Kraft und schillernder Geheimnishaftigkeit (Foto: GMfilms)

Nachmittag eines schwulen Fauns

Martín Farina fügt in seiner dokumentarischen Skizze El Fulgor eindrucksvolle Bilder von argentinischen Gauchos zu einer sinnlich-suggestiven Meditation zusammen

Eine Reihe von Einstel­lungen, die Hand­griffe zeigen, körper­liche Arbeit, die Tätig­keiten der Männer auf einer Rinder- und Pfer­de­r­anch in der Pampa, dazwi­schen Aufnahmen von Tieren, von Rindern, Pferden, Schweinen, Hunden, erlegtem Wild. Eindrucks­volle Impres­sionen, die gar nicht darauf abheben, ganze Abläufe sichtbar zu machen, sondern als Moment­auf­nahmen wirken, immer wieder durch die Wahl des Ausschnitts so markant ins Bild gesetzt, dass die Rauheit der Gauchoar­beit darin fast physisch spürbar wird.

Dann die Männer bei der Siesta, beim Halb­schlaf in der Mittags­hitze, zwei besonders ausdrucks­starke Gesichter kehren regel­mäßig wieder: sie sind so etwas wie die Prot­ago­nisten in dieser doku­men­ta­ri­schen Skizze argen­ti­ni­schen Land­le­bens, die zunehmend verwir­rend, irri­tie­rend wird.

Ein nackter Mann mit Täto­wie­rungen im Unterholz erscheint in einigen dazwi­schen geschnit­tenen Bildern, er wirkt wie ein Faun in dieser rohen Bukolik der argen­ti­ni­schen Pampa, ein Faun, der auf die arbei­tenden Männer blickt. Oder entspringt der nackte Faun dem Traum der im Halb­schlaf rastenden Gauchos, die benommen von der Hitze phan­ta­sieren?

Martín Farina liefert mit seinem Film El Fulgor ein faszi­nie­rendes Porträt der Gauchos und der Pampa, das weniger eine klas­si­sche Doku­men­ta­tion ist. Eher eine poetische Medi­ta­tion und eine surrea­lis­ti­sche Kollage, in der sich die Wahr­neh­mungen der physi­schen Welt immer mehr mit Splittern und Fetzen der Imagi­na­tion vermengen.

Das alles wird nicht in einer konti­nu­ier­li­chen zeit­li­chen Abfolge entwi­ckelt, sondern als sugges­tive Montage von Frag­menten und Impres­sionen, von Aufnahmen in Farbe und in Schwarz-Weiß und es legt sich ein Schleier von Phantasma und Begehren über die wahr­ge­nom­menen, erin­nerten oder imagi­nierten Gegen­s­tände.

Es drängen sich Einstel­lungen von halb­nackten Männer­kör­pern zwischen die Aufnahmen von der Arbeit auf der Ranch, von Männer­kör­pern, die sich schminken, die ihre Haut mit Flitter und Puder bestäuben, die sich verkleiden und in knappe Kostüme zwängen und die dann in einem rausch­haften Karneval in Ekstase geraten.

Diese sehr sinnlich gezeigten Männer im argen­ti­ni­schen Karneval weisen Elemente schwuler Camp-Ästhetik auf, sie bringen eine starke homo­ero­ti­sche Kompo­nente in das Gezeigte ein. Die mit doku­men­ta­ri­schem Gestus erfassten Aufnahmen erweisen sich immer mehr als deli­rie­rende Trug­bilder, die dem Nach­mittag des nackten Fauns entsprungen zu sein scheinen. Der Kame­ra­blick lädt sich mit schwulem Begehren auf und zieht all die Wahr­neh­mungs­splitter von der Ranch und vom Karneval in einen verwir­renden Sinnes­taumel: Krude Fleisch­teile, in die geschlach­tete Tiere zerlegt werden, auf Zäunen aufge­spießt, von Vögeln zerpickt, Gerät­schaften wie Messer und Gewehre, Insignien der Gaucho-Masku­linität, nackte Haut, Täto­wie­rungen, der Karne­vals­gla­mour, die rauh-buko­li­schen Szenerien: Imaginäres und Reales vermählen sich hier auf betörende Weise.

Die Gauchos sind in Argen­ti­nien und Uruguay ein fester Bestand­teil der Natio­nal­kultur, sie wurden idea­li­siert und mythi­siert, sie verkör­pern das Element der Zähmung der Wildnis und haben selber noch teil an dieser Wildnis – der Gegensatz von Barbarei und Zivi­li­sa­tion, der eine Art Grün­dungs­le­gende des argen­ti­ni­schen Staates im 19. Jahr­hun­dert darstellt, drückt sich in ihnen auf anschau­liche Weise aus.

Martín Farina lässt sie zu Projek­tionen homo­ero­ti­schen Begehrens werden, indem er sie konfron­tiert mit den Bildern des Karnevals in der im Osten Argen­ti­niens gelegenen Klein­stadt Guale­gu­aychú nahe der Grenze zu Uruguay, die weit über Argen­ti­nien hinaus berühmt ist für ihre spek­ta­ku­lären Karne­vals­feiern.
Die Bilder aus diesem Karneval stammen übrigens aus Marco Bergers Doku­men­tar­film Guale­gu­aychú: El país del carnaval, für den Martín Farina die Kamera führte und in dem die beiden Darsteller aus El Fulgor, Vilmar Paiva und Franco Heiler, ebenfalls vorkommen. Indem er Aufnahmen aus Bergers Film in seinen eigenen Film inte­griert, kontex­tua­li­siert er sie durch seine Montage (für die Farina auch selbst verant­wort­lich zeichnet) voll­kommen neu. Er über­schreitet dadurch den doku­men­ta­ri­schen, eher repor­ta­ge­haften Ansatz Bergers aufs Poetisch-Sugges­tive hin. Die homo­ero­ti­schen Konno­ta­tionen sind freilich bei Berger (wie in dessen gesamtem Werk, übrigens häufig in Zusam­men­ar­beit mit Farina) schon sehr deutlich. Farina gibt ihnen aber in El Fulgor eine elementar-archai­sche Kraft und eine schil­lernde Geheim­nis­haf­tig­keit.

Farina zeichnet nicht nur für Regie, Kamera und Schnitt verant­wort­lich, er wirkte auch an den Kompo­si­tionen für den Score des Films mit: er ist ein eigen­wil­liger Vertreter eines noch unbe­kannten unab­hän­gigen poeti­schen Kinos in Argen­ti­nien, der sich bereits mit einem Porträt des legen­dären argen­ti­ni­schen Inde­pen­dent-Meis­ter­re­gis­seurs Raúl Perrone einen Namen gemacht hat.