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Review

Electric Girl

Exstase auf Valium

Zwischen Wahn und Realität

Exstase auf Valium

In Ziska Riemanns Electric Girl spielt Victoria Schulz die Poetry-Slammerin Mia. Diese erhält die Chance, die Anime-Heldin Kimiko zu synchro­ni­sieren. Je länger Mia diesen neuen Job ausübt, desto stärker iden­ti­fi­ziert sie sich mit der japa­ni­schen Welten­ret­terin. Bei ihrem Nebenjob als Barfrau ahmt Mia Kimikos Bewe­gungen nach und auf einer Party springt Mia wie Kimiko von einem Dach. Irgend­wann meint Mias verspulter Nachbar Kristof (Hans-Jochen Wagner) dass Mia krank sei. Doch wie kam es dazu?

Mia ist ähnlich hyper­aktiv wie die zu Vanilla mutierte Maggie in Tiger Girl. Doch selbst in ihren wildesten Ausbrüchen wirkt Mia immer ein Stück weit wie auf Valium. Selbst wenn sie wild herum­wir­belt, erscheint sie wie auf Watte zu wandeln. Das hat zum einen sicher­lich mit ihrer Iden­ti­fi­ka­tion mit der Anime-Figur Kimiko zu tun. Auch diese bewegt sich schnell, aber dabei äußerst geschmeidig. Es zeigt aber auch, wie Mia immer stärker von der Realität entrückt, wie sie immer mehr in den Wahn abgleitet.

Beide Bewe­gungen treffen zusammen, als Mia hinter dem Bartresen in die Rolle von Kimiko schlüpft. Voller Energie streckt sie ihre Arme aus, bis sie eine Helden­pose einnimmt. Doch anstatt über­stei­gert herum­zu­fuch­teln, führt Mia sanft gleitende Bewe­gungen aus, die sich exakt mit denen von Kimiko in ihren Anime­aben­teuern deckt. Diese flüssigen Bewe­gungen sind ein Ausdruck von Kimikos Kontrolle und Kraft. Immerhin kann KImiko die Elek­tri­zität kontrol­lieren. Zugleich spiegeln Mias sanft gleitende Bewe­gungen jedoch auch ihr allmäh­li­ches Abgleiten in die Manie.

Es ist erstaun­lich, dass man bei Electric Girl keinen exakten Zeitpunkt ausmachen kann, an dem Mias selbst­be­wusstes Agieren in die Psychose kippt. Eben war sie noch cool, dann ist sie auch schon krank. Aber wann das eine aufhört und das andere anfängt, lässt sich nicht wirklich sagen. Mia dreht auf und dann dreht sie durch. Mia hat die komplette Kontrolle und Mia ist komplett durch­ge­knallt.

Dass der Zeitpunkt, an dem Mia den Kontakt zur Realität verliert, nicht klar auszu­ma­chen ist, liegt auch daran, dass Mia von Anfang an leicht entrückt ist. Die Stimmung in Electric Girl hat zu Beginn nichts Elek­tri­fi­ziertes. Mia wirkt ein Stück weit wie das Kiemen­wesen in Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers – sie scheint wie unter Wasser zu schweben. Es beginnt mit der Welten­trückt­heit ihrer Arbeit im Synchro­ni­sa­ti­ons­studio. Hier verschwindet Mia in Kimikos Comicwelt. Und zum Ausgleich geht sie auf Partys, auf denen die Menschen ander­weitig der Welt entrücken.

Das Scharnier zwischen der Comicwelt und der Partywelt bildet Mias Wohnung. Obwohl diese ziemlich gewöhn­lich ist, verwan­delt Mia auch sie in einen Rück­zugsort von der Realität. Kaum ist sie zu Hause ange­kommen, blendet sie die Außenwelt aus, indem sie die Vorhänge zuzieht. Diese schützen vor der Sonne und vor zu viel Realität. Doch die Realität dringt sehr eklig in Mias Leben in Form einer toten Ratte ein. Wie gut, dass man sich vor der Realität ins Internet flüchten kann. Pech nur, wenn einen auch dort die fiese Realität in Gestalt von Mias todkrankem Vater per E-Mail einholt.

Viel­leicht ist die ausweg­lose Situation ihres Vaters der Knack­punkt, der Mias Allmachts­fan­ta­sien triggert. Wenn sie schon den Vater nicht retten kann, dann will Mia wenigs­tens eben schnell noch einmal die Welt retten. Spätes­tens auf der Geburts­tags­party ihres Vaters ist auch klar, dass Mia nicht mehr cool, sondern nur noch fürch­ter­lich nervig ist. Selbst­ver­s­tänd­lich sieht Mia das jedoch völlig anders.

In dem Pres­se­heft zum Film verweist die Regis­seurin und Co-Autorin Ziska Riemann auf die Auffas­sung, dass die Manie „die schönste Krankheit der Welt“ sei. Ebenso zitiert sie eine Aussage aus der Doku­men­ta­tion Stephen Fry: The Secret Life Of The Maniac Depres­sive. In dieser Doku fragt Stephen Fry seine Protagonisten: »Wenn jetzt hier vor dir ein Gerät stünde mit einem Knopf, um die Krankheit ein für alle Mal loszuwerden, würdest du drauf drücken?« Er erntet nur ein kräftiges Kopfschütteln.

Electric Girl zeigt jedoch, dass der manische Rausch auch seine starken Schat­ten­seiten hat. Zwar versinkt Mia am Ende nicht so wie viele andere Manische in abgrund­tiefen Depres­sionen. Dafür versinkt sie im Wasser. Was könnte Passender sein? Schließ­lich erschien sie bereits von Anfang an, wie eine unter Wasser Wandelnde.