Review
Elephant
»So foul and fair a day«
»So foul and fair a day«
Eine High School-Todesfuge
Die Dinge sind nicht so, wie man vielleicht auf den ersten Blick annehmen könnte. Eigentlich sind sie auch nicht ganz von dieser Welt. Spartanischer Musikeinsatz, ein wenig Beethoven. Die Kamera vage und doch sehr real, keine Angst vor der Leere. Zehn Kapitel, bei denen die verschiedenen Figuren, von denen sie erzählen, namensgebend sind. Spielort: Portland, Oregon.
Elephant zeigt Teenager an einem Tag wie jedem anderen, in der Schule und auf dem Weg dorthin. Verschieden sind ihre Pfade und werden doch irgendwie zusammengehalten durch das, wozu jeder von ihnen beiträgt – ihre eigene Welt, die Welt der Teenager, die wie eine Membran vor der Welt der Erwachsenen schützt, gleichsam semipermeabel, nur das durchlassend, was kompatibel ist. Das können ganz verschiedene Dinge sein: die Idee eines schlanken Körpers ohne ein Gramm Fett oder die in sich verkrochene Variante einer Schambehaarung, die man nicht entfernt und sich deswegen schämt. Das können Ambitionen sein, wie an der Kunsthochschule angenommen zu werden oder die Begeisterung für Waffen; die Jugendlichen sind alt genug, um sich ihrer selbst annehmen zu müssen – es klappt nicht immer auf gesunde Weise. Doch innerhalb ihrer Welt machen alle Versuche dem Leben zu begegnen gleichermaßen Sinn. Ein Urteil von außen, etwa durch die Erwachsenen, zählt nicht. Richter gibt es nur in den eigenen Reihen, und für welchen Lebensstil die Entscheidung auch fallen mag – einen Sieg trägt man immer davon. Entweder über die Mitschüler, gravierender: die Gesellschaft, oder eben sich selbst.
Verbindungen nach außen: John muss gleich zu Anfang des Films Rollen mit seinem Vater tauschen. Betrunken und mit verdelltem Auto kommt dieser angekurvt, und John muss ihn nicht nur vom Steuer vertreiben, sondern auch dafür sorgen, dass er aus dem Schulsekretariat abgeholt wird. So können Jugendliche sein. Sie können auch ganz anders sein. Alles wird ihnen in diesem Film zugestanden, er will sie bloß nicht über einen Kamm scheren. Denn das wäre das Langweiligste und Reaktionärste, was zu Zeiten von Littleton und seiner deutschen Variante Erfurt entgegnet werden könnte: dass die Jugendlichen von heute ganz besonders übel seien.
Der Film ist wie Gedicht. Eines das andeutet, nie statuiert. Das einen Haufen Körner ausstreut und im Kopf der Zuschauer Gedankenbilder wachsen lässt. Rein beobachtend und ohne Prätention dehnt Gus van Sant einen Tag des Jungseins ins Unendliche. Und seine Laiendarsteller, die allesamt wirklich in Portland, Oregon zur Schule gehen, verkörpern diese Jugendlichen so vollkommen ohne Barrieren, dass der Film fast dokumentarische Züge annimmt. Wären da nicht die planen Einstellungen, in denen die Kamera ganz ähnlich wie in van Sants letztem Film Gerry langsam verschiedenen Protagonisten folgt, auf ihrem Weg zur Schule und durch die Schulgebäude. Dabei bleibt sie seltsam ungespannt, bis auf eine einzige Bündelung: Dreimal laufen sich Eli, der Photograph, und John auf dem Gang über den Weg und die verschämte Michele im Hintergrund an ihnen vorbei. Ihr Handschlag ein Code, selbstverständliches Accessoire zweier Personen, die wahrscheinlich die integersten und irgendwie reifsten Charaktere des Films sind. Genau deshalb erzählt Elephant umso mehr über sie, wenn diese Begegnung auf dem Gang dreimal, in unterschiedlichen Einstellungen und als Fadenkreuz verschiedener Handlungsstränge stattfindet: Es ist eine eigene, kodierte, vollkommen autarke Welt, die sich die Jugendlichen erschaffen. Und genauso ist es unausgesprochenes Gesetz, dass bei diesem Spiel nicht alle mitmachen können. Weil sie wie Michele Haare am Körper haben und alle anderen Mädchen die Shaving Cream im Rucksack; oder aber einfach weil sie wie Eric Zielscheibe der Energien anderer sind, eben der Klassenspast. Wer durch das Code-Raster fällt, muss sich einen Privatkosmos erschaffen. Sich hinter Bücherbergen verschanzen, wie Michele, oder sich Waffen besorgen, um einfach mal Rache zu nehmen.
Bei alledem bleibt Gus van Sants Regie subtil und respektvoll. Er maßt sich nicht an, seine Figuren zu durchschauen. Ganz anders als Teenagervoyeur Larry Clark, der in seinem letzten Film Ken Park den Jugendlichen wieder einmal unverhohlen auf die Pelle rückt. Nach blumigeren Filmen wie Good Will Hunting und Finding Forrester beschert uns Gus van Sant ein beeindruckend nacktes und trotz seinem fatalen Finale undramatisches Werk. Es klingen ähnliche Fragen an wie in Michael Moores Bowling for Columbine, doch Elephant ist der künstlerisch wertvollere Film. Dafür gab es in Cannes die Goldene Palme und den Preis für die beste Regie. In den USA goutierte man weniger entschieden das Besondere des Films: seine Details, die inmitten der Langsamkeit unvermutet aufblitzen. Und ihn trotz der distanzierten Kamera zu einem sehr intimen Film machen, dessen große Erzählqualitäten im Nonverbalen liegen.
Der Titel des Films macht auf ähnlich indirekte Weise Sinn. Während seine Mitschüler Klopapierrollen auf ihn abfeuern, zeichnet Eric mit gesenktem Kopf Elefanten; abgesehen davon kommen sie im Film nicht vor. Daher ein Blick nach außen auf ein anglophones Sprichwort: »If there’s an elephant sitting in a room, how many people will talk about it?« Eher niemand, denn Ignoranz und Feigheit lassen sich schneller bewerkstelligen als Ursachenforschung. Man könnte sich auch an die berühmte Elefantenparabel erinnern, in der drei Blinde jeweils verschiedene Körperteile des Tieres vorgeführt bekommen. Der eine fühlt den Rüssel und denkt, es sei eine Schlange, der andere verwechselt Bein mit Baumstumpf, und der Dritte hält den Rumpf für eine Wand – das Phänomen »Elefant« wird zu einer Akkumulation subjektiver Eindrücke. Wie die aus drei verschiedenen Perspektiven wiederholte Begegnung im Gang zwischen Eli, John und Michelle. Van Sant selbst gab den Hinweis, der Titel sei einer BBC-Dokumentation von Alan Clarke über Gewalt in Nordirland entlehnt.
Es ist nicht so, dass das Desaster, man sieht es kommen, dem Film wie ein dunkler Schatten vorauseilte. Vielmehr der Weg dorthin, in seiner schon fast qualvollen Langsamkeit, interessiert: Wenn man weiß, dass jemand gleich im Militäroutfit seine Schulkameraden umbringt, dann hört man ihm anders zu, wenn er Beethovens »Für Elise« spielt; in voller Länge quält sich Eric durch die Melodie, als ginge es darum, einen Hammerwettbewerb zu gewinnen, und es sind weniger die Notenwerte, an denen er scheitert – technisch hat er das Stück gelernt, doch die Bedeutung der Töne verschließt sich ihm. Eric versteht nicht, wo sie hinwollen und hinkt ihnen hölzern hinterher, spielt jede Wiederholung auf dem Notenpapier, bis ihn kurz vor Ende des Stückes ein weiterer Verspieler zum wütenden Abbruch bringt.
Wahrnehmung und Selbststeuerung werden hier zu relativen Größen, auf die man nicht zählen kann. Gut oder böse, falsch oder richtig – Mitschüler und Lehrer abzumetzeln ist mehr als grausam. Doch was passiert mit den Amokläufern in diesen Momenten? Dachten die Mörder von Erfurt an etwas anderes, als ihre Ziele gut zu treffen und möglichst hoch zu punkten? Ihr Equipment voll auszunutzen? Nahmen sie nicht bloß diese eine Chance wahr, die verhassten Feinde aus dem Weg zu räumen? Wer schraubt den Kopf auf und misst? Gehirnwellen sagen wenig aus über die Ursache durchknallender Synapsen. Und wenn Alex zwei seinen Opfern mit dem Abzählreim begegnet, dann ist das kein plumper Fingerzeig auf Filme wie Natural Born Killers. Sicher, während Eric zu »Für Elise« die Tasten quält, metzelt Alex Bildschirmfeinde mit dem Joystick. Und während die beiden auf ihre Waffenlieferung warten, zeigt eine alte Wochenschau den gestikulierenden Hitler. Doch dies alles, scheint Gus van Sant sagen zu wollen, reicht nicht, um die Dinge wirklich zu erklären. Banalität und Irrationalität liegen manchmal arg nah beieinander. Und in direkter Linie mit einem der realen Akteure von Littleton kommt dem Alex aus Elephant beim Nachladen seines Gewehrs eine Shakespearezeile über die Lippen: »So foul and fair a day I have not seen.«
Das leise Gedicht wird in seiner Unbeirrbarkeit zur Fuge. Über Leben und Tod und die Banalität, die das Böse im Teenagerkosmos annehmen kann, als wäre es wie der dreifache Handschlag nur Zeichen von Diskontinuität. Der Monotonie des Schulalltags folgt das Massaker wie eine dahergelaufene Fußnote.