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Review

Elvis

Der verlorene Sohn

Filmszene »Elvis«
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne... (Foto: Warner Bros.)

Der verlorene Sohn

Baz Luhrmann zeigt in sogartigen, elliptischen Bildern einen Elvis der Unterschicht, der wie so viele Musiker nach ihm tragisch instrumentalisiert wird und an seiner Obdachlosigkeit zu Grunde geht

Go on back to see the gypsy
He can move you from the rear
Drive you from your fear
Bring you through the mirror
He did it in Las Vegas
And he can do it here
– Bob Dylan, Went to See the Gypsy

Wie im Märchen kamen mir nach und nach drei Wünsche in den Sinn, nachdem ich das erste Mal von Baaz Luhrmanns Elvis-Projekt gehört hatte.
1. Dass der Saal, in dem ich sitze und Elvis sehe, so toben würde, wie er bei der Premiere von Elvis während der Premiere in Cannes getobt haben soll.
2. Dass es ein Film wie Rocketman sein möge, die so wilde wie konse­quente Film­bio­grafie von Dexter Fletcher über Elton John.
Aber 3. und viel­leicht am meisten wünschte ich mir, dass die innere Geschichte von Luhrmanns Film der von Bob Dylans enig­ma­ti­schen Elvis-Song Went to See the Gypsy aus dem Jahr 1970 (auf dem großar­tigen Album New Morning) nachgehen würde, in dem Dylan (u.a.) eine Begegnung mit Elvis nach­zeichnet, die es, wie Dylan 2009 lächelnd zugab, nie gegeben hat, die aber dennoch Elvis‘ Leben und sein Wirken auf den Punkt brachte.

Keiner meiner Wünsche wurde erfüllt. Die Stimmung im Saal war mies und eigent­lich hatte hinterher jeder etwas an Luhrmanns Film­bio­grafie auszu­setzen und das nicht nur, weil Luhrmanns Film nicht weiter von Rocketman hätte entfernt sein können. Denn zeichnete Fletchers Film endlich einmal einen Musiker nach, der aus seinen Fehlern lernt und nicht dem üblichen Statio­nen­drama von Aufstieg, Fall und dann und wann Wieder­auf­stieg wie etwa im kürzlich erschie­nenen Respect über Aretha Franklin folgte, unterlegt mit dem Sound­track eines Lebens, so haben wir bei Elvis eigent­li­chen den Proto­typen dieses Schicksal-Clubs vor Augen. Aus armen Verhält­nissen kommend trans­for­miert er die Musik und sich selber und gleich auch noch die Gesell­schaft mit, geht dann aber mit seinen leiden­schaft­lich gesam­melten Attri­buten eines neurei­chen Lebens genauso sang- und klanglos unter wie so viele andere Musiker seiner und der folgenden Genera­tionen.

Und dann ist dieser Elvis auch ganz und gar nicht Dylans Elvis.
Doch schon nach zehn Minuten ist das alles egal, sollen die Wünsche ruhig unerfüllt bleiben, denn Luhrmann schafft einen anderen Elvis, stellt über­ra­schend andere Lebens­ko­or­di­naten ins Zentrum, die dann so über­zeugen und auf positive Weise pola­ri­sieren, wie das schon in Luhrmanns Adaption von Der große Gatsby der Fall war.

Denn im Kern ist Elvis nicht wie der Titel es vermuten lässt, das Porträt eines Einzelnen, sondern eine Vater-Sohn-Geschichte, die zwischen Elvis (Austin Butler) und seinem Manager Col. Tom Parker (Tom Hanks). Eine Beziehung, die nach dem frühen Tod der Mutter ähnliche Miss­brauchs-Elemente entwi­ckelt, wie zwischen Elvis und seiner Mutter (Helen Thomson), die ihren Sohn erst durch ihren Tod aus ihrer symbio­ti­schen Umklam­me­rung entlässt. Parker soll dem labilen Vater (Richard Roxburgh) zur Seite stehen und wird zur Ersatz­mutter, mit ähnlichen Erwar­tungs­hal­tungen und Gren­zü­ber­schrei­tungen, die auch die Mutter beim frühen Aufstieg ihres Sohnes setzte.

Gerade in diesem ersten Teil, dem gelun­gensten Teil von Luhrmanns Film, überzeugt Luhrmann nicht nur durch virtuos-asso­zia­tive Kame­ra­fahrten und Schnitte, die zum einen Elvis' Unter­schicht­her­kunft charak­te­ri­sieren, eine Herkunft, die Fluch und Segen zugleich ist. Denn Luhrmann zeigt in wenigen präzisen Momenten, wie etwa dem Blick durchs Astloch in eine andere Welt (der Musik), die Einflüsse durch die afro-ameri­ka­ni­sche Kultur, die Elvis sich nur deshalb aneignen konnte, weil er in ihr lebte, der es als Kind unbewusst so machte, wie später Eric Burdon, der als Erwach­sener mit afro-ameri­ka­ni­schen Musikern lebte, um den Blues und den Gospel zu verstehen.

Elvis saugt diese Kultur mit der Mutter­milch auf und kann mit diesem ja noch überhaupt nicht legalen Spagat zwischen zwei Kulturen auch gut leben und erar­beitet sich mit seiner Musik dann auch ein Allein­stel­lungs­merkmal. Denn es gelingt ihm mit seiner musi­ka­li­schen Trans­for­ma­tion, einen der Grund­bau­steine ameri­ka­ni­scher Gegen­kultur zu legen, der anders als vergleich­bare Größen der ameri­ka­ni­schen Counter Culture wie Pete Seeger, nicht nur das Great American Songbook mit dem Banjo bediente, sondern mit der Inkor­po­ra­tion von afro-ameri­ka­ni­schen Musik­ele­menten und der dementspre­chenden Körper­sprache zum ersten Mal ein Publikum (und zwar vor allem Frauen), zu eksta­ti­schen Momenten führen konnte, später und bis heute eine Selbst­ver­ständ­lich­keit moderner, populärer Musik. Aber damals in den 1950er Jahren so neu und furcht­ein­flößend, dass Elvis in Konflikt mit dem Gesetz kam.

Doch es ist dann weniger das Gesetz, das Elvis ins Strau­cheln bringt, als seine Herkunft. Denn anders als die aus bildungs­bür­ger­li­chen Familien stam­menden Musiker wie Pete Seeger (oder später Bob Dylan, Elton John oder Mick Jagger), unter­liegt Elvis den Erwar­tungs­hal­tungen seiner Klasse: große Häuser, große Autos, glit­zernde Klamotten und eine mangel­haft entwi­ckelte, »unge­bil­dete« Menschen­kenntnis, die gerne einen Manager mit einem Ersatz­vater- oder Mutter verwech­selt und erst dann reali­siert, das Haus und Hof verloren ist, wenn es bereits zu spät ist.

Diese Entwick­lung zeigt Luhrmanns Elvis atem­be­rau­bend auf und über­rascht auch im zweiten Teil des Films mit einer faszi­nie­renden Mischung aus ellip­ti­schem und epischem Erzählen und vor allem mit großar­tigen audio­vi­su­ellen Gedan­ken­spielen wie jenem der Aneignung von tradi­tio­neller afro-ameri­ka­ni­scher Musik durch Elvis, das aber nur als ein Stadium von vielen darge­stellt wird, denn plötzlich hören wir im Amerika der frühen 1960er Jahre, als Elvis hüft­schwen­kend durch die Stadt schlen­dert, Hip-Hop-Klang-und-Sprach­körper in den Straßen­zügen wummern, die Musik der Zukunft, die genauso wie die Musik von Elvis hier ihre Ursprünge hat.

Im letzten Teil verliert sich Luhrmann fast so wie Elvis selbst in Las Vegas, werden die Best-Of-Hits schall­plat­ten­artig runter­ge­du­delt und ist der Film nun wirklich pures Stationen-Drama, hält sich dabei jedoch einfach zu lange auf der Endsta­tion auf, die Austin Butler dann auch nicht mehr ausfüllen kann, weil er weder alt noch kaputt genug ist, um den durch Drogen und Depres­sionen aufge­dun­senen Elvis noch zu verkör­pern.

Dennoch gelingt es Luhrmann auch hier mit einer letzten großen melo­dra­ma­ti­schen Szene am Flughafen noch einmal all seine leiden­schaft­li­chen Register drama­ti­scher Verdich­tung und Vergröße­rung zu ziehen und am Ende dann doch für einen Moment – und das ist wunderbar – ganz bei Dylan zu sein, und seinem Elvis, dem Obdach­losen, oder wie Dylan es ausdrückt, dem »Gypsy«, den es einmal gab, der aber schon damals nicht zu fassen, nicht zu begreifen war. Wohl auch, weil er sich selbst nicht fassen und begreifen, stehen bleiben und heimisch werden konnte. Ein verlo­rener Sohn, der auch schon deshalb nicht zu seiner Familie (und sich selbst) zurück­kehren konnte und früh sterben musste, weil er keine Familie mehr hatte.