Skip to content

Review

Elysium

Moxyland, abgebrannt

Irrster Punk

Moxyland, abgebrannt

Nur auf den ersten Blick verwun­dert es, dass der bislang faszi­nie­rendste, intel­li­gen­teste und aufre­gendste Block­buster des Jahres von einem Regisseur gedreht worden ist, der die ersten achtzehn Jahre seines Lebens in Südafrika sozia­li­siert worden ist. Denn schon ein zweiter Blick macht klar, dass daran nichts Verwun­der­li­ches ist, dass Südafrika nicht erst seit dem Ende der Apartheid eine der künst­le­risch krea­tivsten Nationen ist. Allein schon die Literatur. Ange­fangen bei »Hoch­li­te­ratur« wie die des Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers J.M. Coetzee oder der großen Marlene van Niekerk mit ihren Meis­ter­werken »Triomf« [1] und »Agaat« [2] bis zu modernen Varianten wie dem wuchtigen Schwu­len­roman »Men of the South« [3] von Zukiswa Wanner oder die Genre-Werke der SF-Autorin Lauren Beukes, deren letzter Roman »The Shining Girls« [4] gerade von der Produk­ti­ons­ge­sell­schaft von Leonardo DiCaprio zur filmi­schen Verwer­tung akqui­riert wurde. Doch schon frühere Bücher von Beukes sind sprach­lich wie inhalt­lich atem­be­rau­bend und voll düsterer Zukunfts­vi­sionen, die sich bereits in Teile des kollek­tiven Unter­be­wussten einge­graben haben dürften. Viel­leicht auch in jenes des eingangs erwähnten Regis­seurs Neill Blomkamp, dessen District 9 der erste große Jahr­hun­dert­wurf eines Science-Fiction-Films gewesen ist, der zeigte, was Science Fiction im Kontext gegen­wär­tiger globaler sozialer Kata­stro­phen leisten kann.

Blomkamps zweiter SF-Großfilm, Elysium, erinnert in seinen Cyborg-Visionen und der Beschrei­bung einer zukünf­tigen Gesell­schaft stark an Passagen aus Lauren van Beukes ersten Roman »Moxyland« [4], doch wählt Blomkamp nicht das filmische Äqui­va­lent sprach­li­cher und inhalt­li­cher Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit, für die sich Beukes in ihrem Roman entschieden hatte. Blomkamp geht den geraden Weg, den Block­bus­terweg – und tut gut daran.

Der gerade Weg ist für Blomkamp nach District 9 erneut einer der verbrannten Erde, ein Dystopia des Elends, Alltag in Teilen Südafrikas und an Blomkamps Drehorten in Mexiko. Aber anders als in seinem Vorgän­ger­film bedarf es dieses Mal keiner Außer­ir­di­schen, um die fest­ge­fügten Hier­ar­chien von Arm und Reich, Fremd und Heimisch zu dekon­stru­ieren. Blomkamp bedient sich statt­dessen reichlich aus unserer Gegenwart, um das Jahr 2154 zu porträ­tieren. So wie heute ist die Welt zwei­ge­teilt, doch sind es heut­zu­tage kaum seetüch­tige Boote, mit denen die Flücht­linge aus Nord­afrika nach Europa gelangen wollen, sind es bei Blomkamp rampo­nierte, von Schleu­ser­banden gekaperte Raum­schiffe, die gegen Bezahlung versuchen, Flücht­linge in ein Habitat in der Erdum­lauf­bahn zu bringen, das allein denen vorbe­halten ist, die es sich leisten können, dort zu leben, dem Elysium. Die alte Dicho­tomie in einer neuen Dimension. Ähnlich wie heute, gelingt es den wenigsten, ihr Ziel zu erreichen, doch anders als heute ist einer der Haupt­gründe für die Flucht weniger das völlig unrea­lis­ti­sche Sess­haft­werden in der gläsernen Welt Elysiums als die Chance auf die perfekte medi­zi­ni­sche Behand­lung, die auf der Erde kaum mehr gewähr­leistet ist.

Blomkamp operiert in diesem Setting mit einem gelun­genen perso­nellen Trium­virat. Dem Underdog Max (Matt Damon), der aus strikt persön­li­chen Gründen das außer­ir­di­sche Habitat erreichen will und seinen beiden Gegen­spie­lern, der Vertei­di­gungs­mi­nis­terin des Habitats (Jodie Foster) und ihrem ausfüh­renden Organ, dem Agenten C.M. Kruger, der durch Sharlto Copley genüss­lich verkör­pert wird, einem alten südafri­ka­ni­schen Jugend­freund Blomkamps, der bereits in District 9 die komplexe Rolle des apoli­ti­schen Böse­wichts mit burischen Wurzeln gegeben hat.

Blomkamp verwei­gert sich aller­dings dieses Mal dem Humor, den District 9 letztlich zu einer unge­wöhn­li­chen, fast grotesken Komödie werden ließ. Elysium ist eine bitter­ernste Geschichte über die dispa­raten und mitunter kaum erträg­li­chen Zustände unserer Gegenwart und reiht sich damit in die rezente Reihe von ebenfalls bril­lanten, poli­ti­schen »Wider­stands­filmen« wie Kinds­köpfe 2, The East und The Company You Keep – Die Akte Grant ein. Dabei gelingt Blomkamp aller­dings der »weltigste« Film. Konz­en­trieren sich Adam Sandler, Zal Batman­glij und Robert Redford aller­dings stark auf Zustände in den USA (auch wenn sie durchaus woanders ange­sie­delt sein könnten), ist Blomkamps Elysium tatsäch­lich ein Film über die Welt von Morgen, in der es keine Nationen und Konti­nente mehr gibt, sondern tatsäch­lich nur noch zwei Entitäten. Reich und Arm.

Das mag sich für einen Moment etwas simpel und gerade bezogen auf die Boat-People von heute etwas über­stra­pa­ziert anhören, eine aufge­bauschte Nachricht, die man schon zu oft gesehen hat, der jeder über­drüssig ist. Doch was Blomkamp in seinem tief­grün­digen Action-Spektakel daraus macht, ist nicht nur konden­sierte südafri­ka­ni­sche Krea­ti­vität, knallige Realität voller Kitsch und Pathos, sondern schlichtweg auch der irrste Punk.

[1] Marlene van Niekerk, Triomf. Jonathan Ball Publis­hers SA, 2011.
[2] Marlene van Niekerk, Agaat. Tin House Books, 2010.
[3] Zukiswa Wanner, Men of the South. Kindle Edition, 2009.
[4] Lauren Beukes, The Shining Girls. HarperCol­lins 2013.
[5] Lauren Beukes, Moxyland. Angry Robot, 2011.