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Review

Emma & Marie

Sie küssten und sie schlugen sich

Filmszene »Emma & Marie«
Innige Feindschaft
26. Filmfest München 2009

Sie küssten und sie schlugen sich

Anders, als es der Titel erwarten lässt, scheint es in Sophie Laloys' Drama Emma & Marie zunächst wenig zu geben, was die beiden jungen Frauen gemeinsam haben: Auf der einen Seite ist da Marie (Judith Davis) vom Land, mit ihren bunten, tief ausge­schnit­tenen T-Shirts und dem lustig wippenden Pfer­de­schwanz; auf der anderen haben wir die kühle Emma (Isild Le Besco), die allein in Lyon wohnt und Marken­klei­dung trägt. Früher waren sie mal befreundet, bis die eine die andere irgend­wann nicht mehr angerufen hat. Als Marie ein Klavier­stu­dium am Konser­va­to­rium in Lyon beginnt und nach einem Zimmer sucht, in dem sie ungestört üben kann, kommt es gelegen, dass Emma eine so große Wohnung besitzt. Samt sperrigem Instru­ment zieht Marie bei Emma ein.
Nun gibt es immer Gründe, warum Freund­schaften irgend­wann enden. Und je länger die beiden Frauen zusam­men­wohnen, umso deut­li­cher wird, dass es wohl auch diesmal nicht lange gut gehen wird. Ganz leise und unmerk­lich kommt das (selbst)zerstö­re­ri­sche Potential zum Vorschein, das sowohl in den Mädchen als auch im fran­zö­si­schen Origi­nal­titel steckt: Je te mangerais – Ich werde dich verschlingen. Wer hier wen frisst, scheint anfangs leicht zu beant­worten, denn Emma entscheidet genauso über den Platz für das Klavier in der Wohnung wie sie die Regel aufstellt, dass es doch einfacher für beide sei, wenn sie keinen Männer­be­such empfingen. Marie, die auf das Zimmer ange­wiesen ist, akzep­tiert. Allmäh­lich dringt Emma in alle Lebens­be­reiche ihrer Mitbe­woh­nerin vor, in ihre Familie, in ihren täglichen Wett­be­werb im Konser­va­to­rium, in ihr Liebes­leben. Marie zieht aus – vorerst, denn so leicht gibt sie sich nicht geschlagen, und ihr Klavier­spiel nicht auf.

Man könnte einen Film voll Misogynie und böser Abrech­nung mit dem weib­li­chen Geschlecht erwarten, der die »wahren« Seiten der Frauen zeigen will, um sie am Ende dann doch ihrer eigenen Lächer­lich­keit preis­zu­geben. Emma und Marie behalten jedoch auch dann noch ihre Würde, wenn sie längst am Boden liegen. Laloys verliert nie den Respekt vor ihren Figuren, sie werden nicht karikiert und nicht vorge­führt – und zwar deshalb, weil die Regis­seurin noch nicht einmal im Ansatz versucht, die Distanz zu wahren. Sie erzählt die Geschichte von innen, nicht mit dem Blick von außen. Und obwohl ihre Prot­ago­nis­tinnen mani­pu­lieren, sticheln, berechnen, sich gegen­seitig und sich selbst wider­spre­chen – die extremen Nahauf­nahmen von Emmas Gesicht, die bewusst gesetzten Point-of-View-Shots auf Maries Körper schaffen eine Vertraut­heit und ein stilles Einver­s­tändnis der Figuren, das sich auf den faszi­nierten Zuschauer überträgt und dem er sich nicht entziehen kann.

Laloys lässt die Grenze zwischen den Stereo­typen des guten und des bösen Mädchens, zwischen Lachen und Weinen, Dominanz und Hilf­lo­sig­keit, Liebes­spiel und Kampf verschwimmen. Die Frauen kämpfen auf Augenhöhe, und vor allem kämpfen sie weiblich, mit Blicken, Gesten und Sprache. Ihre Gesichter sprechen Bände, erzählen von Neid und kochender Wut; von Gefühlen, die nicht direkt ausge­spro­chen werden dürfen, sonst ist man ausge­schieden aus dem Spiel, das sich doch bis zum Ende Freund­schaft nennt. Die span­nungs­ge­la­dene, sich ins Tragische stei­gernde Atmo­sphäre wird von den Themen der klas­si­scher Musik getragen, Bach, Schuhmann und Ravel, die Marie für das Studium übt, an denen sie verzwei­felt und die sie am Ende doch beherrscht. Und die zum Glück das ewige fran­zö­si­sche Chanson ersetzen. Wohl­be­merkt spielt der Film in Lyon, und nicht in Paris. Ganz ohne Konven­tionen kommt er letzt­end­lich dann aber doch nicht aus: Die Mädchen erfüllen leider einige männliche Wunsch­vor­stel­lungen von fran­zö­si­schen Frauen, wenn die üppige, kindliche Brünette mit ihren Haaren spielt und die strenge Blondine kühl die Lippen schürzt. Obwohl sich Laloys doch so sehr bemüht, einen weib­li­chen Blick auf die Frauen zu zeigen. Das schafft sie ansonsten auch, indem sie alle Facetten einer Beziehung zwischen zwei jungen Frauen zeigt. Wenn der Eindruck entsteht, man sei mit dabei, wenn sie sich lieben und hassen, sich verachten und sich dennoch gegen­seitig brauchen. Denn letzten Endes gibt es doch das Paar »Emma & Marie« – ein Gegen­ein­ander, das ohne das Mitein­ander nicht auskommt.