Review
EO
Menschendämmerung
Menschendämmerung
Das Spätwerk EO des polnischen Altmeisters Jerzy Skolimowski ist ganz aus Perspektive eines Esels erzählt und dankt lustvoll den Menschen ab
»E-O«, oder ins Deutsche übersetzt: »I-A«. So schlicht, mit zwei onomatopoetisch aneinandergefügten Buchstaben, beginnt das jüngste Werk eines filmhistorischen Urgesteins. Der heute 84-jährige Jerzy Skolimowski hatte in den Sechzigerjahren die Neue polnische Welle losgetreten und Meisterwerke wie Le départ (1967) und die Dialoge für Roman Polanskis Das Messer im Wasser (1962) geschaffen, als dieser als Enfant terrible des osteuropäischen Kinos noch bewundert wurde. Skolimowski warf mit seinen Filmen Erzähl- und Produktionskonventionen über Bord, pflegte den kreativen Anarchismus und erzählte vom Schicksal listiger Überlebenskünstler am Rande der Gesellschaft. Mit einfachsten Mitteln entstanden Geschichten über strauchelnde Kleinkriminelle, traumhafte politische Parabeln oder kraftvolle Schicksalserzählungen, die die Welt filmisch auf den Kopf stellten.
Das trifft auch für EO und seinen Protagonisten zu. Der Film erzählt schlicht und ergreifend von den misslichen Abenteuern eines Esels namens »Eo«, eine Art Remake von Robert Bressons Klassiker Au hasard Balthazar. Skolimowski spitzt den in das Verderben führenden Plot zu einem fast epischen Leinwand-Schelmenroman zu. Erzählt wird, wie Esel Eo vom Regen in die Traufe kommt, von einer zunächst glücklichen Existenz in einem Zirkus, wo er mit Dompteurin Kasandra ein inniges Verhältnis hat und viel Liebe erfährt. Das Verderben beginnt, als wohlmeinende Tierschützer den Esel aus dem Zirkus befreien und er von da an von einem Herrn zum nächsten geschubst wird, bis er schließlich die Flucht in die Freiheit antritt. Denn obwohl sich sein Schicksal zu Beginn jeder Episode gut anlässt – am Ende landet er doch nur unter dem Eselsgeschirr und zieht einen Karren, wird angetrieben und ausgepeitscht, weil die Menschen die Geduld verlieren, wenn der Esel nicht so will wie sie. Sehr, sehr oft blickt man in ein überaus trauriges schwarzes Eselsauge.
Der Film wird konsequent aus der Perspektive von Eo erzählt und kommt folglich fast ganz ohne Dialoge aus. Statt dessen sind auf einer ausgefeilten Soundspur allerlei Tierlaute zu hören: das schnarrende Krabbeln von Ameisen über einen Baumstamm, das U-huen eines Käuzchens im Wald, das Bellen der Hunde auf den Höfen, das schrille Aufkreischen hässlicher Hyänen und das ohrenbetäubende Aufwiehern von Zuchtpferden auf einer Koppel. Letzteres wird visuell unterstützt durch Weichzeichner und Zeitlupe, man fühlt sich wie in einem Pferdefilm für Erwachsene. Und natürlich ist ganz oft zu hören, wie der Esel sein Klagelied in die Nacht hinausruft: »I-A! I-A!« Da werden sogar Steine weich.
Es ist durchaus ungewöhnlich, auf Spielfilmlänge der Wahrnehmung eines Esels zu folgen und ein Tier als Identifikationsfigur zu akzeptieren. Dies verändert den Blick auf die Welt: Immer treten in den Szenen als erstes die Tiere ins Zentrum. Die Menschen sind in diesem Universum nicht mehr als eine Randerscheinung, sind diffuse Umwelt, auch wenn sie mit niederen Absichten das Schicksal der Tiere in der Hand halten. Sie zeigen sich laut und brutal (man weiß vom sensiblen Hörempfinden der Tiere), selbst die Gegenstände entfachen mehr Empathie als die Kreaturen auf zwei Beinen. Wenn ein Fußball gekickt wird, wie einmal, als Eo auf ein Spielfeld gelangt, geht die Kamera auf Ballhöhe und erzählt von dem gewaltigen Stoß, den der Fußball erleidet.
Karen Barad hätte ihre größte Freude daran. Die amerikanische Physikerin hat die Theorie des »agentiellen Realismus« in die Welt gesetzt, nach der die Welt nicht von »Dingen bevölkert wird, die sich mehr oder weniger voneinander unterscheiden. Beziehungen hängen nicht von ihren Relata ab, sondern umgekehrt«. Übersetzt heißt das: jedes Wesen und jeder Gegenstand kann Zentrum der Welt sein – nicht nur der Mensch, den Immanuel Kant als konstituierendes Subjekt auf den anthropozentrischen Thron gehoben hat. Auch die Theorien der Animal Studies der feministischen Cyborg-Theoretikerin Donna Haraway drängen sich auf, die in ihrer späten Phase die Tiere entdeckt hat. Mit den »companion species« betrachtet sie Haus- und Nutztiere nicht aus einer Menschenperspektive wie zum Beispiel Konrad Lorenz, sondern sieht die Tiere auch als selbstbestimmte Akteure. Akteure, oder wie bei Skolimowski: Protagonisten, die sogar einen ganzen Film tragen können.
EO ist so ein durchweg überraschender Beitrag zu diesen überaus angesagten Theorien. Trotzdem kann getrost angezweifelt werden, dass Skolimowski diese beiden eminenten Philosophinnen gelesen hat. In erster Linie ist EO ein flammendes Plädoyer für die Liebe zu Tieren, für ihre Achtung und sogar für den Vegetarismus. Das berührt, ist manchmal plakativ, oft auch verstörend. Meistens aber wirkt es ganz natürlich, wenn die Tiere über die Montage miteinander zu kommunizieren beginnen und der Perspektivwechsel einsetzt.
Anders als in Tierfabeln, etwa der armenische Border (2009) von Harutyun Khachatryan, der einen freiheitsliebenden Büffel im Grenzgebiet von Armenien-Aserbaidschan als symbolhaften Helden für die jüngere Geschichte inszenierte, drängt sich in EO eine allegorische Ebene und soziopolitische Gleichnisse nicht auf. Im Gegenteil: Skolimowski meint seine Geschichte von den bösen Menschen und dem aufrechten Esels durchaus wörtlich. So wagt er in seinem Spätwerk noch einmal den Angriff auf das herrschende System, das hier nichts weniger als den Menschen meint, und setzt sich erneut an die Speerspitze eines politischen Kinos, das die narzisstischen Probleme und globalen Krisen der allgegenwärtigen Menschendämmerung aufspießt.