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Review

Eva Hesse

Reise in eine Zeit von Aufbruch und Freiheit

In den 60er Jahren jung gewesen, und dort geblieben: Eva Hesse, die viel zu früh verstorbene Künstlerin

Reise in eine Zeit von Aufbruch und Freiheit

»There’s not been one normal thing in my life. Not one.« – Eine Frau erzählt aus dem Off. Dazu sieht man alte Super8- und 16mm-Aufnahmen, leicht verschwommen mitunter und etwas grob­kör­niger als gewohnt, mit warmen Tech­ni­color-Farben. Warm ist auch die Frau­en­stimme, die aus dem Off uns Zuschauern ihr Leben erzählt. Sie gehört zwar nicht der Frau um die es hier geht, der Künst­lerin Eva Hesse, sondern von der ameri­ka­ni­schen Schau­spie­lerin Selma Blair gelesen, aber sie ist dieser Origi­nal­stimme sehr ähnlich, die wir später in einigen seltenen Momenten hören.

Eva Hesse ist ein Mythos. Ein paar Jahre lang war sie ab Mitte der Sechziger eine der gefrag­testen Gegen­warts­künst­le­rinnen, gerade auch in ihrem Geburts­land Deutsch­land. Dann starb sie mit erst 34 Jahren an einem Gehirn­tumor. Zurück blieb ihr Werk, blieben Erin­ne­rungen ihrer Mitmen­schen und persön­liche Aufzeich­nungen. »Eine auto­bio­gra­phi­sche Skizze eines Niemand« – so benannte die Künst­lerin Eva Hesse im Alter von 19 Jahren ihr Tagebuch. Etwas später aber klingt sie selbst­ge­wisser: »Ich bin eine Künst­lerin!« Gerade ihre ungemein reich­hal­tigen Briefe, Notizen und Tage­bücher, dazu Texte ihrer Familie, bilden die Grundlage des Doku­men­tar­films, in dem die New Yorker Regis­seurin Marcie Begleiter in ihrem ersten Debüt den Mythos Eva Hesse jetzt auf besonders spannende, eindring­liche Weise lebendig macht.

So folgt der Film ihrer Lebens­bahn: 1936 in Hamburg geboren, als Jüdin von ihren Eltern kurz darauf mit einem Kinder­trans­port nach England vor der Mord­ma­schine der deutschen Faschisten in Sicher­heit gebracht, dann später mit Eltern, Groß­el­tern und Schwester in New York aufge­wachsen. Hesse studierte Malerei und Archi­tektur, wurde von Marcel Duchamp angeregt, und begann ab Anfang der 1960er Jahre eine Karriere als Künst­lerin – was zu dieser Zeit für eine Frau immer noch unge­wöhn­lich war.

Hesse war ein junges Genie, das 1965, als sie nach einer Jugend im ameri­ka­ni­schen Exil in ihre deutsche Heimat zurück­kehrte, schon mit noch nicht einmal dreißig die west­deut­sche Kunst­szene durch­ein­an­der­wir­belte. Ein paar Jahre lang war sie Avant­garde: Ganz vorn in der Kunst-Szene von Manhattan und Europa.

Hesses oft abstrakte Objekt­kunst, die der Arte Povera und der Prozeßkunst zuge­rechnet werden, zeichnen sich durch einen ganz eigenen, auch eigen­wil­ligen und unver­wech­sel­baren Stil aus.

Geprägt wird Beglei­ters Doku­men­tar­film neben Inter­views mit Wegge­fährten, Künstlern und Ausstel­lungs­ma­chern, durch atem­be­rau­bende alte Film­auf­nahmen, Archiv­ma­te­rial, Texte Hesses, die aus dem Off gelesen werden – als ob die Künst­lerin ihr Leben selbst erzählt. Dabei spricht sie offen über Selbst­zweifel, Einsam­keit, aber auch die freudige Erregung des Künst­le­rin­nen­da­seins.

Dies ist darum auch ein Film über das Erwach­sen­werden beider Geschlechter in einer von den Alten beherrschten Welt, und über die Durch­set­zung und Eman­zi­pa­tion einer Frau in einer von Männern domi­nierten Ordnung. Über den Kampf um Gleich­be­rech­ti­gung. Gerade auch, weil Hesse das Etikett einer »weib­li­chen Kunst« strikt ablehnte.

Künst­ler­do­ku­men­tar­filme sind nicht unpro­ble­ma­tisch. Entweder handelt es sich um ausge­wei­tete Lexi­kon­ar­tikel, oder sie sind drama­ti­siert. Dann folgen sie dem Modell des verkannten Genies oder der immer schon ange­legten Erfolgs­ge­schichte. Oder sie beschreiben Scheitern, frühen Tod und Nachruhm, oder erzählen von Schick­sals­schlägen, die in Form von Kunst­werken fruchtbar werden. Alles Kitsch im Grunde.
Künstler wissen nichts von solchen Senti­men­ta­lismen und Phrasen. Das alles vermeidet Begleiter. Ihr Film faszi­niert nicht allein als Hommage an eine faszi­nie­rende Frau. Er ist auch eine fesselnde Zeitreise in jene Jahre, als Europa jung und progressiv war, den alten Muff der Kriegs-und Nach­kriegs­zeit abschüt­telte. Eine Zeit, in der – so kommt es einem vor – die Menschen Hoff­nungen und Ideale hatten und eigent­lich vieles besser war.

Eine ungemein freie Zeit muss es gewesen sein in den späten fünfziger und den sechziger Jahren. Man beginnt sich als Zuschauer sofort danach zu sehnen, möchte selbst in so einer zukunfts­zu­ge­wandten Epoche des Aufbruchs leben. Ob wir Zeit­ge­nossen so viel Freiheit und Hoffnung auch noch irgend­wann einmal erleben wie Eva Hesse? Zu hoffen wäre es. Einst­weilen bleibt ein Film wie dieser.