Review
Ewige Jugend
Ewige Weiterentwicklung
Ewige Weiterentwicklung
Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino ist erst Mitte Vierzig und scheut sich trotzdem nicht, sich in unmittelbaren Wettbewerb mit Federico Fellini – neben Michelangelo Antonioni der Überregisseur seines Landes überhaupt – zu begeben. Nach La grande bellezza (2013) zeigt Ewige Jugend erneut, dass dies erstaunlicherweise tatsächlich eine Begegnung auf Augenhöhe ist. Dabei ist Sorrentinos neues Meisterwerk in seiner Tiefe ein deutlicher Schritt nach vorne – nicht in Richtung Grab, sondern hin zu einem reifen Neubeginn.
La grande bellezza wirkte fast wie eine inoffizielle Fortsetzung zu Fellinis La Dolce Vita (1960), in der Sorrentinos Stammhauptdarsteller Toni Servillo die Rolle des gealterten Journalisten und Lebemanns verkörpert, die bei Fellini dessen Stammhauptdarsteller Marcello Mastroianni innehatte. Beide Filme zeigen eine in Dekadenz versunkene römische Gesellschaft, an welcher der Protagonist ebenso teilhat, wie er sich ironisch von ihr distanziert. Was bei Fellini jedoch eine große Leichtigkeit besitzt, ist bei Sorrentino von einer unübersehbaren inneren Schwere überschattet. Mit über 60 Jahren muss Jep Gambardella einsehen, dass er trotz seines geistigen Abstands zu seinen Freunden auch nicht mehr aus seinem Leben gemacht hat, da er lieber Partys gefeiert hat als hart zu arbeiten. Sein Leben ist an einem toten Punkt angekommen.
An so einem toten Punkt stand ebenfalls Fellini, nachdem er mit La dolce vita sein bisher bedeutendstes Werk geschaffen hatte. Den Filmemacher drängte es nach künstlerischer Weiterentwicklung, ohne dass er eine Richtung wusste. Schließlich thematisierte er einfach seine Schaffenskrise in Achteinhalb (1963) und schuf damit einen weiteren Meilenstein seines Schaffens – direkt am Schnittpunkt seiner neorealistischen und seiner surrealen Schaffensphase. Unübersehbar dockt Sorrentino mit seinem neuen Film direkt an Achteinhalb an. Der erneute direkte Bezug zu Fellini ist in diesem Fall noch gewagter, da die beiden Protagonisten in Ewige Jugend noch einmal deutlich älter als Jep Gambardella in La grande bellezza ist.
In dem Film verkörpern die gealterten Charakterdarsteller Michael Caine und Harvey Keitel die beiden gealterten Künstlerfreunde Fred Ballinger und Mick Boyle, die gerade – wie jedes Jahr – einen gemeinsamen Kuraufenthalt in einem luxuriösen Schweizer Grandhotel verbringen. Der berühmte Komponist und Dirigent Ballinger (Caine) wird von seiner Tochter und Assistentin Lena (Rachel Weisz) begleitet, die wiederum mit dem Sohn des berühmten Filmemachers Boyle (Keitel) verheiratet ist. Ballingers Schaffenkraft ist seit dem Tod seiner Frau erloschen. Schon lange hat er kein Stück mehr komponiert. Boyle arbeitet zwar wie besessen an einem neuen Film, aber ob dieser jemals gedreht werden würde, was angesichts seines bereist stark verblassten Sterns unklar ist. Auch Lena leidet, da ihr Mann Julien (Ed Stoppard) sie für das aufgedrehte Popsternchen Paloma Faith (als sie selbst) verlassen hat »weil diese besser im Bett ist«. Derweil macht ihr ein uriger Schweizer Bergführer mit Rauschebart Avancen, die Lena zunächst eher zu amüsieren scheinen.
Dies ist nur der innere Kern des skurrilen Figureninventars des Schweizers Grandhotels, in dem einst Thomas Mann seinen »Zauberberg« schrieb. Zu diesem gehören weiterhin Charaktere, wie der durchgeknallt-frustrierte junge Star-Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano) und ein groteskes verfettetes Diego Maradona-Double mit Atemmaske und riesigem Karl Marx-Tattoo. Hinzu kommen famose Gastauftritte einer unerwartet reflektierten Miss Universum und Jane Fonda als dem so bärbeißigen, wie zerknitterten Alt-Star Brenda Morel. Sie alle sorgen dafür, dass es in Ewige Jugend neben vielen melancholischen Altersreflexionen auch jede Menge zu lachen gibt.
So verzerrt Sorrentino die Parade der leicht schrulligen Charaktere in La grande bellezza in Ewige Jugend des öfteren zu einer grotesk-surrealen Freakshow. Passend hierzu wirkt der neue Film trotz seiner erneut barock-schwelgerischen Bilder von Sorrentinos Stammkameramann Luca Bigazzi auf seiner optischen Ebene des öfteren geradezu technoid zerhackt. Da folgen auf Bilder von alten Männern beim Baden und bei der Massage plötzlich surreale Einlagen in Gestalt eines Hitler-Doubles oder einer Traumsequenz, die so poppig-grell, wie der neuste Viva-Teen-Pop-Videoclip daherkommt. Dies verleiht Ewige Jugend den Eindruck einer geringeren Geschlossenheit als bei La grande bellezza. Der optische und auch akustische Wahnwitz sind Ausdruck von Sorrentinos gestalterischem Hang zum Exzess, der bis hart an die Grenzen des guten Geschmacks geht und diese auch gerne einmal überschreitet.
Des weiteren kommt bei genauer Betrachtung unterhalb dieses barocken Überschwangs eine glasklare Struktur zum Vorschein, deren Figurenkonstruktion fast überkonstruiert wirkt. In Ewige Jugend arbeitet Sorrentino mit Doppelungen in Form der beiden sich gegenseitig spiegelnden Künstler-Freunde und der analogen Liebesbeziehungen ihrer Kinder. In allen Figuren spielt das Thema der (verflossenen) Jugendlichkeit eine Hauptrolle. Auf fast musikalische Weise erscheint dieses Leitmotiv in Form vielfältiger Resonanzen ebenfalls in allen wichtigen Nebenfiguren. Gemeinsam bilden sie eine große Sinfonie der Jugend, die von diesem seltsamen Zauberberg in den Schweizer Alpen widerhallt.
Ewige Jugend ist nur bei oberflächlicher Betrachtung eine melancholische Trauer alter Herren um die längst vergangenen Tage ihrer Jugend. Im Kern zeigt Sorrentino in seinem neuen Werk die erstaunlich reife Einsicht, dass Ewige Jugend keine Frage ewiger jugendlicher Schönheit, sondern ewiger innerer Weiterentwicklung ist.