Review
Ex Machina
Maschine mit Bewusstsein?
Maschine mit Bewusstsein?
Ein schüchterner Programmierer, ein exzentrischer Internetunternehmer und eine betörend schöne Roboterfrau gehen im Regiedebüt des britischen Roman- und Drehbuchautors Alex Garland eine schwer durchschaubare Dreiecksbeziehung ein, über die der Film auf kluge und fesselnde Weise große Fragen anschneidet: Was macht den Menschen wirklich aus? Wo liegen die Unterschiede zu ausgeklügelten Maschinen? Und was wäre, wenn sich die Grenzen plötzlich auflösten? Müssten wir den menschengleichen KI-Wesen dann nicht auch ein Recht auf freie Entfaltung einräumen? Gedankenspiele, die das Science-Fiction-Genre seit dessen Anfängen beherrschen. Und die sich hier in einem Kammerspielszenario entfalten, das dem Betrachter ein ums andere Mal den Atem raubt.
Im Gegensatz zu Wally Pfister, der in seiner allenfalls mittelprächtigen Zukunftsvision Transcendence das Thema „Künstliche Intelligenz“ in einem übergeordneten Bedrohungsumfeld verhandelt, konzentriert sich Garland ganz auf seine drei Hauptfiguren und seinen zentralen Handlungsort. Ein befremdliches, aber ebenso aufregendes High-Tech-Anwesen aus Glas, Holz und Stein. Ausgestattet mit hypermodernen, unterirdischen Laborräumen und umgeben von einem rauen, unzugänglichen Naturraum, der mit dem Forschungsrefugium eine interessante Allianz eingeht. Ein Felsen ragt mitten in eines der Zimmer hinein, und Pflanzen sind fester Bestandteil der von Menschenhand erschaffenen Villa.
Nicht nur optisch ist das Durchdachte untrennbar mit dem Wilden, Ungezähmten verbunden. Auch im Umgang der Protagonisten miteinander spielt das Zusammenwirken von rationalen Überlegungen und unkontrollierbaren Gefühlswallungen eine entscheidende Rolle. Immerhin soll der bei einem Internetgiganten angestellte Informatiker Caleb (Domhnall Gleeson) für seinen Arbeitgeber Nathan (Oscar Isaac) testen, ob dessen jüngste Schöpfung, die Androidin Ava (Alicia Vikander), tatsächlich über ein menschenähnliches Bewusstsein verfügt. Ein vielleicht bahnbrechendes Experiment, das die Emotionalität des bildhübschen Maschinenwesens belegen soll und das Publikum auf eine alles andere als staubtrockene Reise in eine nicht allzu ferne Zukunft entführt.
Von Anfang an beschwört Garland eine latent beklemmende Atmosphäre herauf, die sich vor allem aus den ambivalenten Beziehungen der Hauptfiguren speist. Der Internetmilliardär Nathan – von Shooting-Star Oscar Isaac wunderbar abgründig verkörpert – tritt uns als leicht ungehobelter, viriler Frankenstein-Verschnitt gegenüber, der den Hausgast Caleb mit launischem Verhalten mehrmals aus der Fassung bringt. Gibt sich der Technik-Guru in einem Moment kumpelhaft, ist er in anderen Augenblicken von den lehrbuchmäßigen Vorträgen des jungen Programmierers dermaßen genervt, dass er ihre Gespräche in regelrecht absurde Bahnen lenkt. Komisch, aber verstörend ist etwa eine bizarre Tanzszene, die nicht nur Nathans hedonistische Ader unterstreicht, sondern auch den Wahnsinn aufblitzen lässt, der in seinem genialischen Hirn lauert.
Caleb wiederum wirkt neben diesem potenten Alphamännchen fast wie ein kleiner Junge, der nicht recht weiß, wie ihm geschieht. Ein Eindruck, der auch dann entsteht, wenn sich der Informatiker mit Nathans Schöpfung auseinandersetzt. Schnell gewinnt die umwerfend gestaltete Roboterfrau sein Vertrauen und weckt weitaus mehr als bloßes Forscherinteresse. Erotische Fantasien liegen irgendwann in der Luft. Genauso wie die unheilvolle Warnung Avas, Caleb solle Nathan nicht vertrauen. Wohl der Moment, der den Zuschauer endgültig in den mit Bedacht entwickelten Handlungssog hineinzieht.
Verunsicherung und Unbehagen nehmen, begleitet von mal kontrollierten, mal quälend-eindringlichen Klängen (Musik: Geoff Barrow und Ben Salisbury), weiter zu, ohne dass Garland auf plumpe oder willkürliche Aktionsausbrüche setzen müsste. Vielmehr genügt dem Neuregisseur der konsequente Blick auf sein kleines Figurenpersonal (zu dem auch eine schweigsame Bedienstete zählt) und das zunehmend klaustrophobisch erscheinende Setting. Denn so beeindruckend Nathans Forschungskomplex auch sein mag, erinnert er zugleich an ein Gefängnis, in dem der Hausherr spezifisch männlichen Allmachtsfantasien frönt.
Gut gehen kann das nicht, wie man schnell begreift. Und doch ist es schlichtweg erstaunlich, auf welche Art und Weise der Film seine Spannungen im wendungsreichen Schlussdrittel eskalieren lässt. Einem Finale, das die Gefahren der digitalen Vernetzung zur Sprache bringt und die Hybris des Menschen schonungslos seziert. Verraten sei an dieser Stelle nur, dass Garland der Spagat zwischen Überraschung, Schaudern und tiefem Mitgefühl nahezu perfekt gelingt. Die Krönung eines auch visuell famosen Regiedebüts!