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Review

Exil

Die dunkle Seite der Integration

Filmszene »Exil«
Draußen vor der Tür oder doch im Haus? (Foto: Alamode)

Die dunkle Seite der Integration

Exil ist nicht nur ein mit dezenten Suspense-Elementen unterlegter Film über Mobbing, Ehekrisen, Büroalltag und Xenophobie, sondern auch ein hervorragender Film über die fragile Psyche eines »integrierten« Migranten

Will you, or will you not, quit me?‘ I now demanded in a sudden passion, advancing close to him.
»I would prefer not to quit you«, he replied, gently empha­si­zing the not.

― Herman Melville, Bartleby the Scrivener

Wer sich noch an Claude Chabrols Eifer­suchts­drama DIE HÖLLE (1994) mit Emma­nu­elle Béart und François Cluzet erinnert, den dürften nach Visar Morinas EXIL ganz ähnliche Gefühle beschlei­chen. Denn beides sind Filme, die in ihrer Inten­sität und ihrem gnaden­losen Abtauchen in die Abgründe mensch­li­cher Psyche so filigran wie wuchtig zugleich sind, dass man sie nicht missen, gleichsam aber nie wieder­sehen möchte.

Doch anders als Chabrol mit seiner dezidiert »privaten« Proble­matik, der zwischen Wahn und Wirk­lich­keit chan­gie­renden Eifer­sucht, gelingt Morina dieser Grenzgang auf einem sehr anderen Gebiet, der Verschrän­kung von Mobbing und Alltags­ras­sismus, der sich der in Deutsch­land lebende, aus dem Kosovo stammende Phar­ma­in­ge­nieur Xhafer (Mišel Matičević) zunehmend auf seiner Arbeits­stelle in einem kleinen Phar­ma­kon­zern ausge­setzt fühlt. Obwohl seine deutsche Frau (Sandra Hüller) versucht, seine Gefühle zu hinter­fragen, mani­fes­tieren sich seine Verdachts­mo­mente gegenüber seinem Vorge­setzten Urs (Rainer Bock) immer stärker, und auch die beiden Kinder, die das Paar hat, vermögen Xhafer nicht mehr zu erden, denn Morina gelingt es durch zunehmend kafkaeske Situa­tionen, die Grenzen zwischen Wahn und Wirk­lich­keit weiter aufzu­lösen.

Doch parallel zu diesem Grenzgang insze­niert Morina eine Alltags­wirk­lich­keit, die es in sich hat, die so düster wie realis­tisch ist. Dass Morina Alltag in all seinen auch düsteren Schat­tie­rungen mit wenigen Strichen hyperreal abrufen kann, hat er bereits in seinem vielfach prämierten Lang­film­debüt Babai (2015), einer Vater-Sohn-Geschichte im länd­li­chen Kosovo, bewiesen, doch was Morina hier gelingt, geht weit über sein Debüt hinaus. Denn mit seinem hervor­ra­genden Ensemble, allen voran Mišel Matičević, Sandra Hüller und Rainer Bock, durch­pflügt Morina nicht nur die Niede­rungen einer an ihre Grenzen gelan­genden Ehe, sondern auch die Abgründe beruf­li­chen Büro­all­tags, der in seiner Inten­sität und traurigen Alltä­g­lich­keit mit seinen grotesken Hier­ar­chien an die besten Stellen von Herman Melvilles »Bartleby« erinnert.

Doch weit mehr als eine mit dezenten Suspense-Elementen operie­rende Studie über Mobbing, Ehekrisen, Büro­alltag und Xeno­phobie ist Exil vor allem auch ein Film über das, was der Titel schon andeutet: die psychisch-prekäre Seite des ewigen Exilanten. Denn Morina macht schmerz­lich bewusst, dass selbst scheinbar geglückte Inte­gra­tion nur ein fragiler Zwischen­zu­stand ist, dass Heimat nicht nur relativ, Fluch und Trost zugleich sein kann, sondern dass auch unbewusst heran­ge­tra­gene Xeno­phobie, sei sie subtil oder brutal, im Nu vernichten kann, was über Jahre mühsam aufgebaut wurde.

Exil zeigt aber nicht nur die externen Wirk­me­cha­nismen in ihrer kris­tal­linen Form, sondern macht eindring­lich und psycho­lo­gisch sehr diffe­ren­ziert deutlich, wie Frem­den­feind­lich­keit von den Betrof­fenen selbst inter­na­li­siert wird und im schlimmsten Fall auto­ag­gressiv und selbst­de­struktiv funk­tio­niert. Diese Proble­matik haben wir erst kürzlich in dem US-ameri­ka­ni­schen Film Waves im Ringen um eine afro-ameri­ka­ni­sche Identität beob­achten können; durch Morina werden wir daran erinnert, dass wir in unserem Ringen um eine euro­päi­sche Identität mit ganz ähnlichen Problemen konfron­tiert sind.