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Review

Eyes Wide Shut

Spiegel und Maske

Spiegel und Maske

Stanley Kubricks Reise in die Nacht der Seele

»...und sie redeten von den geheimen Bezirken, nach denen sie kaum Sehnsucht verspürten und wohin der unfaßbare Wind des Schick­sals sie doch einmal, und wär’s auch nur im Traum, verschlagen könnte.«

Im Bade­zimmer steht eine junge Frau und legt ihr Kleid ab. Für einen Augen­blick ist sie nackt. Dieser Auftakt ist ein Signal: es geht nach innen, die äußere Haut wird abge­streift, unge­schützt und verletzbar präsen­tieren sich die Menschen.
Dann sieht man die Frau wieder angezogen, mit ihrem Mann vor dem Spiegel. Beide legen letzte Hand an ihr Äußeres, ziehen ihre gesell­schaft­li­chen Masken auf und verkleiden sich für ein großes Fest. In wenigen Minuten, in weichen, fließenen, zum Takt wohliger Walzer­klänge schwe­benden Kame­ra­be­we­gungen führt uns Stanley Kubrick ein in die Welt seiner Haupt­fi­guren: Bill (Tom Cruise) und Alice (Nicole Kidman) sind ein Paar, dem es gut geht. Nichts scheint ihr Dasein irri­tieren zu können, ihr Leben inmitten der reichen »happy few« im New York am Ende unseres Jahr­hun­derts. Einen Abend lang begleiten wir beide, beob­achten ihr gekonntes Spiel auf dem sozialen Parkett, die kleinen Versu­chungen und Geheim­nisse und die Liebe, die sie verbindet.

Am nächsten Abend wird ein harmlos begin­nendes Gespräch alles verändern, wird Alice ihren Gatten auslachen, und seine Illusion von Liebe und Treue ein für allemal ent-täuschen. In wenigen Minuten wird diese Welt, in der alles zum Besten bestellt war, aus den Fugen geraten, und nichts mehr so sein, wie es war. Dieser bravuröse, minu­ten­lange Auftritt von Nicole Kidman ist der entschei­dende und inten­sivste Moment in Eyes Wide Shut. Hier nimmt das Weitere seinen Anfang, nun werden wir Zeugen einer Reise in die Nacht, in der für die Prot­ago­nisten die Grenzen zwischen Traum und Wirk­lich­keit verschwimmen, und sie gezwungen sind, ihre – gesell­schaft­li­chen wie privaten – Masken abzulegen, und sich selbst in die Augen zu sehen.

Der letzte Film des im März 70jährig verstor­benen Stanley Kubrick ist vieles auf einmal. Zunächst eine Lite­ra­tur­ver­fil­mung, freilich eine sehr unge­wöhn­liche. Denn ihre Vorlage, Arthur Schnitz­lers im Wien der Jahr­hun­dert­wende ange­sie­delte »Traum­no­velle« (1925), ist in vielem präziser, damit aber auch eindi­men­sio­naler, als der Film. Wo Schnitzler Motive nennt, zeigt Kubrick Verhalten. Eyes Wide Shut ist dadurch para­do­xer­weise in manchem 'lite­ra­ri­scher' als der Text. Er vermeidet, was man Lite­ra­tur­ver­fil­mungen oft zum Vorwurf macht: Alles zu zeigen, nichts offen­zu­lassen, zu bebildern und zu klären, was die Worte nur andeuten. Hier deuten Bilder an, was dort die Worte klären, und geben Schnitz­lers Geschichte eine ungeahnte Mehr­deu­tig­keit.
Bei Kubrick ist es bis zum Ende offen, was an der Gren­züber­schrei­tung, die sein Prot­ago­nist Bill (Tom Cruse, mit passend bubihaft-unschul­diger Ausstrah­lung) nach dem erschüt­ternden Gespräch erfährt, real ist oder geträumt. Klar ist nur, dass für ihn, der wie Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, die Welt buchs­täb­lich eine andere geworden ist, voll von Versu­chung, Albtraum und Verschwö­rung.

Weil hinter Privatem auch allge­meine Zustände aufblitzen, ist dieses Portrait einer Wahr­neh­mungs­stö­rung auch Milieu­ana­lyse und mora­li­sche Anklage der Dekadenz der (Nur-)Reichen. Glaub­würdig para­l­el­li­siert Kubrick Schnitz­lers Fin de Siècle mit dem unsrigen. Wer die Story heute für unglaub­würdig hält, weil sich doch manches geändert habe, wer manches für Altmän­ner­phan­tasie hält, übersieht aber, daß sich Eyes Wide Shut doch zuallerst in imaginären Räumen abspielt, und in den zeitlosen Abgründen der Seele.

Ob nun Vermächtnis oder Meis­ter­werk – man braucht derartige Super­la­tive gar nicht, um unge­ach­tetet gering­fügiger Einwände die Qualität dieses Films zu erfassen. So genau und gefühl­voll wird selten erzählt. Und dabei gibt Kubrick auch eine Antwort, was übrig­bleibt, wenn alle Masken fallen, wenn alle Ideo­lo­gien, Lügen, aber eben auch produk­tiven Schein­ge­flechte und Lebens­lügen zerstört sind. Was für letzte Worte eines der ganz großen Filme­ma­cher des Jahr­hun­derts, der wie wenige ein Philosoph war, kompro­mißlos und konse­quent, gnadenlos, aber nicht aus persön­li­cher Eitelkeit versucht hat, den großen Fragen nicht auszu­wei­chen sondern auf den Grund zu gehen: »Laß uns ficken!«