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Review

Fallen Angels

Night on Earth

Night on Earth

plASTiK:knallrot.bunt.lackig.schim­mernd.manch­mal­ge­blümt; leucht­re­klamen.soft­ei­s­und­fern­sehen.totes­fleisch.kirsch-lippen. engeflure.leere­fast­food-buden.tunnel­fahrten.Nacht.

Ganz Hong Kong ist ein Bonbon­laden, poppig, verschach­telt und klebrig, erleuchtet von Neon­röhren, weit und beliebig, prall und flüchtig und voller Menschen, die verloren durch die grelle Dunkel­heit streifen. Fast schwindlig macht einen das wahn­wit­zige Einstiegs­tempo, vermit­telt – wie in einem Alptraum, in dem man die fremde Umgebung nicht richtig erkennen kann – ein Gefühl von Unsi­cher­heit, Unruhe. Doch dann verlang­samt sich allmäh­lich die Fahrt und läßt uns ein Stück mal mit diesem, mal mit jenem Umher­trei­benden mitlaufen. Da ist ein Berufs­killer, dessen Morde wie schöne Feuer­werke aussehen und die man ihm deswegen nicht übel­nehmen kann. (Wir ahnen ja, daß er sich eigent­lich nur nach Liebe sehnt und sich dies nicht einge­stehen will.) Oder seine Auftrag­ge­berin (von der man sich komi­scher­weise nie fragt, wieso sie eigent­lich in diesem Metier arbeitet – so zerbrech­lich schön ist sie doch, so unnahbar und unschuldig): wenn er nicht da ist, verzehrt sie sich in seiner leeren Wohnung nach ihm und sucht in dem, was er wegge­worfen hat, nach seiner Seele. Ein lebens­froher, stummer junger Mann (grotes­ker­weise sprachlos seit dem Verzehr einer verfal­lenen Dose Ananas) bricht nachts in Läden ein und erweckt diese zur Nacht­schicht. Oder verfolgt Fremde, bis diese vor Verzweif­lung seinen verspon­nenen Willen ausführen.

I should have shooten you so you feel the same thing in the chest just as I do – click!...what did I do to you?

Uner­bitt­lich und liebevoll reißt Wong Kar-Weis Blick sie uns auf, diese Menschen, zeigt sie uns ganz ganz nah – beinah so auf- und eindring­lich, wie der Stumme bei seinen »Opfern« verfährt. Extreme close-ups bohren uns ihre Sucht nach extremen Erleb­nissen in die Brust; extreme Weit­winkel drängen die Menschen an den vorderen Bildrand, bis in der Leere des Raums und in der Ferne der sich im Hinter­grund abspie­lenden Ereig­nisse die meta­phy­si­sche Kälte auch uns beschleicht. Und obwohl wir persön­lichste Gedanken von ihnen erfahren, so bleiben sie uns doch fremd, bleibt ihr Tun uns genau so unver­s­tänd­lich wie ihnen selber auch. Sicher­lich wirken die Monologe aus dem Off teilweise etwas unbe­holfen und banal gegenüber der ausge­reiften, eigen­wil­ligen Bild­sprache Wong Kar-Weis. Auch einige alberne, vermut­lich verspielt-scherz­haft gemeinten Szenen oder überlange Einstel­lungen noch so schöner Motive stiften in ihrer Über­spannt­heit eher Verwir­rung. Es scheint fast, als ob der Regisseur in der Befürch­tung, nicht verstanden zu werden, auf über­trie­bene Zeichen setzt – eben wie der Stumme, der bisweilen mit clown­ar­tigen Verren­kungen durch das Bild hüpft: so you feel the same thing in the chest just as I do! Viel­leicht sind es aber auch nur die deutschen Synchron­stimmen, die unpassend gerade und klar wirken inmitten dieses Treibens, viel­leicht ist es auch einfach nur eine bestimmte Nuance des chine­si­schen Humors, die wir nicht richtig zu deuten vermögen. Und viel­leicht sind wir auch schon so abgebrüht, das wir das Extreme bedürfen, um überhaupt noch etwas wahr­zu­nehmen.

I am a creep – I´m so fucking special – What the hell am I doing here?

Für das Grund­ge­fühl seiner Figuren aber hat Wong Kar-Wei einen univer­sell vers­tänd­li­chen, stimmigen Erzähl­stil gefunden: Blicke durch Fenster, Spiegel, Rahmen, Video­ka­meras oder gar film­blut­be­spritzte Kame­ra­ob­jek­tive versinn­bild­li­chen unmerk­lich Distanz und erzählen von der Ferne zu sich selbst. Denn die ist allen diesen Menschen zueigen, die in ihrem Universum wie Fische in einem Aquarium hin und her schwimmen, sich das eine oder andere Mal begegnen und selbst bei guten Vorsätzen immer nur bis zur Glas­scheibe kommen. Das Leben ist simpel, scheint dieser Film zu sagen: man wird geboren, rennt hin und her und eines Tages ist man tot. Nicht ganz: denn bis dahin können sich noch so einige wunder­same Dinge ereignen in diesem kleinen aber filmo­genen Leben.