Review
Fallende Blätter
Die ewig Wartenden
Die ewig Wartenden
Aki Kaurismäki übertrifft sich selbst: Fallende Blätter ist ein meisterhaftes Spätwerk, eine komische und bittere Rückkehr in eine ausgestoßene Welt
Treffen wir uns am Kino!? Kaurismäki lässt seine Hauptfiguren einen Film sehen. Romantik soll das Date versprechen, aber wo bleibt die Romantik? Einsichten soll die kulturelle Begegnung verschaffen, aber welche Einsichten? Allein, es fehlt eine Sprache, das Erfahrene überhaupt beschreiben zu können. Zwei altkluge Herren fühlen sich beim Verlassen des Saals an Bresson und Godard erinnert – es lief Jim Jarmuschs Zombiekomödie The Dead Don’t Die. Wenn Ansa und Holappa das Kino verlassen, dann übertüncht immerhin das Gefühl einer geteilten Situation ihre Sprachlosigkeit. Doch Kaurismäki wird sie wieder entzweien. Abwechselnd warten beide vor jenem Kino, um einander wiederzusehen. Doch man verpasst sich. Die schwülstig vielbeschworene Magie des Kinos wird bei Kaurismäki zum hoffenden Warten, dass alles einmal besser werden möge, wohlwissend, dass dieses Bessere mit einer bloßen Weltflucht nie zu erreichen ist. Es benötigt ganz andere Wege des Austauschs.
Einmal wird Ansa enttäuscht. Im Kino werden bereits die Lichter gelöscht, Holappa ist nicht da. Auf dem Boden findet man nur noch eine verglimmende Zigarette. Das ist einer dieser poetischen, in ihrer nüchternen Beobachtungsgabe herzzerreißenden Momente, von denen der Film eine ganze Reihe auffährt. Fallende Blätter ist in nur 81 Minuten Laufzeit ein ungeheuer stilsicheres, mit unverkennbarer Handschrift inszeniertes, ausgefeiltes Spätwerk. Jede Pointe sitzt, jede kleinste Regung in all der nonverbalen Kommunikation ist mit Bedeutung aufgeladen. Ein „kleines“ Werk höchstens, weil es keine großen Gesten braucht, sondern sich bedächtig anschleicht und den Fokus auf verschiedene, nebeneinanderstehende Vignetten richtet, die aber von großen Fragen und Zusammenhängen erzählen.
Was kostet die Liebe?
Kaurismäki ist ein Bewahrer eines proletarischen Kinos, das mit einzigartigem Gespür für Milieus und Beziehungen in die Welt der Übersehenen eintaucht. Alma Pöysti und Jussi Vatanen spielen die beiden melancholischen Figuren, welche Kaurismäki dieses Mal durch den Alltag von Helsinki begleitet. Beide leben in prekären Verhältnissen, tingeln von einem Job zum nächsten, der wieder nur geringen Lohn zum Leben bietet. Kaurismäkis Figuren sind zu reich, um zu verhungern, aber zu arm, um sich überhaupt unbeschwert verabreden zu können. Blumen, Geschirr, Sekt – Was kostet das erste Date?
In einer Karaokebar lernen sich Ansa und Holappa kennen, wo Stimmen gefunden und Stimmen geölt, wo sehnsuchtsvolle Schlager gesungen werden. Überhaupt die Schlager und all die anderen Songs! Sie liefern die Begleitung, wenn Männer in Kneipen trinken, weil sie frustriert sind, und frustriert sind, weil sie trinken. Sie erhellen die Stimmung nach den beschwerlichen Arbeitstagen. Aber sie bieten auch die Möglichkeit, den Raum überhaupt noch mit Emotionen zu füllen, die man sich sonst nicht auszudrücken vermag. Sie bringen die Welt wieder ins Sprechen, die mit Kaurismäkis Das Mädchen aus der Streichholzfabrik 1989 in völliger Tristesse erstarrt zu sein schien. Insofern gerät Fallende Blätter zu einer Art versöhnlichem Epilog für seine frühere proletarische Trilogie.
Ansas und Holappas sehnsüchtige Liebe will allerdings nicht so recht in die Gänge kommen: Sie scheitert an Unglücken, Zufällen, an Holappas Alkoholsucht. Ansa sagt sich zunächst von ihm los. Der Alkohol hat in ihrer Familie Verheerendes angerichtet. Doch ist damit das letzte Wort gesprochen? Kaurismäki fasst seine Figuren keineswegs mit Samthandschuhen an. Gewiss, sein Kino ist von einer altlinken Melancholie durchdrungen, welche nach dem Ursprünglichen, Emotionalen in einer verarmten Arbeiterklasse suchen will, während die kapitalistische Sphäre in Kälte verkümmert. Aber Fallende Blätter genügt keine romantische Verklärung!
Die alten Untoten
Kaurismäki versieht seine Charaktere mit so vielen Ecken und Kanten, so vielen Widersprüchen. Verletzendes tun sie sich an. Man lebt aneinander vorbei. Über ihr Reflexionsvermögen lässt uns ihr Verstummen im Unklaren. Ihre Schönheit entsteht aus der Gleichzeitigkeit, mit der ihre mal schroffe, mal nachdenkliche, herzliche Art des Umgangs mit der Brutalität und den systemischen Mechanismen ihres Milieus kollidiert. So, wie auch Kaurismäkis Kino seinen berühmten trockenen Humor aus der Überlappung von Grausamkeit, Weisheit und Situationskomik speist.
Der Finne inszeniert in angerauten Bildern alltägliche Verrichtungen, die das Wirtschaften und Konsumieren am Laufen halten: das Befüllen der Regale, Scannen von Fleisch an der Kasse, das Reinigen von Gläsern, Ackern in den Fabriken und auf den Baustellen, wo Arbeiter kommen und gehen und Ausfall nicht gestattet ist. Wo lieber Kündigungen ausgesprochen werden, anstatt sich Problemen zu stellen, die die Produktivität hemmen könnten. In den Privaträumen mit dem alten Mobiliar scheint indes die Zeit stillzustehen. Würde nicht im Radio vom Ukraine-Krieg gesprochen werden, könnte man denken, die Figuren befänden sich in einem vergangenen Jahrhundert.
In der Tat hausen dort Gegenwärtige, die aus der Zeit fielen. Sie wurden von einer Welt überholt, die verschweigt, dass das Versprechen von Wohlstand und Freiheit eben nicht für alle gilt. Man lässt sich hier von Tag zu Tag treiben, ohne irgendeine Perspektive auf Besserung erhaschen zu können. Eine zombifizierte Welt der Routinen – da sind wir wieder bei den Untoten im Kino! Kaurismäki speist aus dieser Zombifizierung und ihrem Sowohl-als-Auch inszenatorische Meisterklasse und er versieht sie mit einer spannenden selbstreflexiven Zäsur über die Fallstricke und Grenzen des Einfühlens.
Von der Möglichkeit des Umschaltens
Doppelte Grenzen werden aufgezeigt. »Verdammter Krieg!«, sagt Ansa über die Nachrichten im Radio. Doch das Schreckliche der Welt ist leicht aus der Wahrnehmung verdrängt. Umschalten: Auf dem nächsten Sender singt man wieder Schlager. Susan Sontag schreibt in ihrem berühmten Essay »Das Leiden anderer betrachten« dazu: »Menschen können für Schrecken unempfänglich werden, weil sie den Eindruck gewinnen, dem Krieg – jedem Krieg – sei kein Ende zu machen. Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muss in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.«
Die Verhärtung, von der Sontag daran anschließend spricht, begegnet einem auch in Fallende Blätter in vielerlei Gestalt. Die Anpassung an die ökonomische Ordnung, Ohnmacht, Mitleid als empfundene Pflicht, während man mit dem eigenen Elend genug beschäftigt ist – all das legt die gedanklichen Scheuklappen an. Man wartet einfach weiter. Was nicht bedeutet, dass Kaurismäkis Figuren nicht hochsensible, hochempfindsame Menschen wären! Nur zeigt er das Empfinden als uneindeutigen Zustand, der, wie bereits erwähnt, das Fühlen und Abstumpfen, Nähe und Ferne, Zuneigung und Grausamkeit in das staubtrockene Tragikomische übersetzt. Allein so scheint ihm das Beobachten und Überdenken dieser Welt noch möglich zu sein.
Wie begegnet denn das Publikum nicht nur dem Krieg, sondern dem gesamten Prekariat auf der Leinwand? Susan Sontag: »Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffenen Menschen aufbringen, beiseite zu rücken und statt dessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien […] mit ihren Leiden verbunden sind, insofern etwa, als der Wohlstand der einen die Armut der anderen zur Voraussetzung hat – das ist eine Aufgabe, zu deren Bewältigung schmerzliche, aufwühlende Bilder allenfalls die Initialzündung geben können.«
Also versucht es Kaurismäki mit dem erzählten Bruch, mit Sprüngen und Auslassungen. Mit Schicksalsschlägen, die dem Drama der schwülstigen Schlager das Wasser reichen können, aber dem Aufwühlenden keine reißerischen Effekte schenken. Seine provozierte Initialzündung, wenn man davon überhaupt sprechen will, braucht eine solche Form der Irritation. Und er versucht es im Zweifelsfall mit dem Lachen statt der Sentimentalität und dem aufgesetzten, betulichen Mitgefühl, um uns zum Reflektieren zu bewegen. Von der subversiven Kraft des Lachens wusste schließlich auch Chaplin, der nun als kleiner Hund durch diese Bilder spukt.