Review
Farland
Etüden über die Leere
Etüden über die Leere
Kühl ohne kalt zu sein: Michael Kliers wahrhaftiges Drama Farland
Ein junges Mädchen in rotem Lederdress, mit Cowboyhut. Aber nicht im Western befindet man sich, Farland ist die Frontier unmittelbar vor Berlin. Selbst Ausbruchsträume haben hier denkbar biedere Gestalt; und das Girl im Country-Look, das lächelnd, aber mit leeren Augen ihren Werbe-Text für Fertighäuser zum x-ten Mal aufsagt, passt nicht wirklich hierher. Das ist ihr gleich anzumerken: Eine Fremde. Dann bekommt sie einen Anruf, und muss heimkehren an den Ort, den sie einst verließ. Doch auch dort wird sie sich nicht heimischer fühlen.
Aufbrechen, Heimkehren, die Einsamkeit verlorener Kinder, die Fremdheit der Rückkehrer und die Depression der Daheimgebliebenen – es sind, wenn man es so betrachtet, tatsächlich Motive aus der Western-Mythologie, die Farland dominieren. Noch der Titel von Michael Kliers neuem, seinem vierten Spielfilm, lenkt unser Unterbewußtsein in die Ferne der nordamerikanischen Prärie, in die Erinnerung an Cowboyfilme und Roadmovies: in »weites Land«. Doch Farland, das ist nicht nur eine Stadt, die es tatsächlich gibt in Brandenburg, sondern in diesem Film auch ein imaginärer, gesichtsloser Ort. Eine Geisterstadt, und zugleich eine Synthese tausender Orte. Jedem bekannt und völlig austauschbar.
Hierhin kehrt Karla, so heißt das Mädchen mit dem Cowboyhut, nur zurück, weil ihre Schwester mit dem Auto verunglückt ist. Die Mutter ist verreist und einstweilen nicht aufzufinden. Bis dahin will Karla sich um die Schwester kümmern, die im Koma liegt – ob sie je aufwacht ist ungewiß. Neben der Schwester liegt auch deren Freund, der das Auto fuhr, gleichfalls im Koma. Ihn besuchen seine Eltern, die seit langem getrennt sind. Den Vater, einen starr gewordenen Mann, wird Karla in den nächsten Tagen etwas besser kennen, aber nicht lieben lernen.
Mit ruhigem Atem entfaltet Michael Klier diese Situation. Er beobachtet, wie Karla sich zögerlich in sie hineintastet, ein Bild zu gewinnen sucht. Er zeigt, wie sie sich im »Etap Hotel«, wo selbst der Portier durch einen Automat ersetzt ist, ein Zimmer mietet, weil sie nicht zuhause wohnen will. Er zeigt, wie sie Plätze aufsucht, die sie von früher kennt: Eine Diskothek, die kaum besucht wird, ein Shopping-Center. Wie sie Leute von früher wiedertrifft, alte Bekannte, aber auch Frank, ihren Ex-Freund, den sie verlassen hat, und der den Absprung nicht mehr schaffen wird: »Du hast Dich verändert«, sagt er. »Du Dich nicht«, antwortet sie – und damit ist alles gesagt. Klier vermeidet Psychologisierung: »Was is'n besser ohne mich?« fragt Frank nach. »Du bist halt so anstrengend.« Dabei bleibt es.
Stattdessen wird gezeigt: Gesichtslose Häuser, einsame Straßen. Darüber ein weißgrauer Himmel. Eine deprimierend hoffnungslose Welt. Es sind Etüden über die Leere, die Klier und sein Kameramann Hans Fromm in bezwingende, genau komponierte, zumeist statische Bilder fassen. Viele Plansequenzen, wenig Großaufnahmen, kaum Schwenks, Ruhe, die oft zu bleierner Starre wird, einer Starre wohlgemerkt, die in den Verhältnissen und Zuständen liegt, die Farland
beschreibt. Trotzdem ist Farland ein Film, dessen Thema nicht die Zeit, sondern der Raum ist, und der sich damit recht gut in eine wichtige Tendenz des neueren deutschen Kinos fügt. So wie Wenders, Herzog, und auf andere Weise auch Schlöndorff Zeit-Filme gemacht haben, begegnet man in den Werken des gegenwärtigen Kinos vor allem Raum-Konzeptionen und -Beobachtungen.
Fromm arbeitete bisher auch viel mit Christian Petzold, führte die Kamera in fast all seinen
Filmen. Es ist aufschlußreich, Farland mit Petzolds letztem Film Wolfsburg zu vergleichen. Auch dort geht es um die zögerliche Annäherung zweier Menschen, die durch ein Unglück verbunden sind. Auch dort bildet der Betrieb des Krankenhauses ein fixes Zentrum der Handlung, die sich von dort ausgehend elliptisch entspinnt.
Doch wo Petzold symbolisiert, mehr als einen
Film gleichzeitig im Kopf hat und auf einer zweiten Ebene präsent hält, beschränkt sich Klier aufs Beobachten und Abbilden der vorgefundenen Wirklichkeit, verzichtet auf deren Stilisierung. Als Stilisierung funktioniert allein die leitmotivisch eingesetzte Shopping-Mall. Dieses Zentrum des neuen Konsumverhaltens, zugleich ein Ort der »Amerikanisierung« des Lebens, wie der Eroberung Ostdeutschlands durch den Westen seit 1989, ist eine ästhetische und eine soziale
Erfahrung zugleich. Solche Räume der von allem Zauber befreiten, unter Kitsch versteckten Depression, mögen zwar nicht neu sein (etwa in Barbara Alberts großartigem Böse Zellen gab es ähnliches), hat man im deutschen Kino aber noch nicht gesehen.
Farland interessiert sich für Situationen und Personen. Es gelingt dem Film in großartiger Weise, die zur Zeit so allgegenwärtige Atmosphäre aus Krise und Tristesse, aus ratloser Zukunftsangst und Kälte zu fassen. Immer spürbar ist das Glücksverlangen der Menschen hier, doch sie finden Trost höchstens in sich selbst, nicht in den Anderen. Nicht falsche Coolness ist es, die daran Schuld trägt, sondern Unfähigkeit zur Kommunikation. Und ein veränderter Umgang mit Gefühlen: »Es war lustig, heute in der, morgen in der Stadt zu sein, manchmal merkt man den Unterschied gar nicht. Genauso war’s mit den Männern. Alles geht dann schneller. Auch wenn man mal traurig ist. Es ist schneller vorbei und fängt schneller an...« Die Begegnungen bleiben scheu und kurz. Nur fragmentarisch enthüllen die Bilder etwas von dem, was im Inneren der Menschen vorgeht, suchen feine Spuren.
Ein wenig wird gegen Ende das Koma zur gefälligen Metapher. Auch der von Daniel Brühl gespielte Ex-Freund wirkt als Running Gag eher fehl am Platz. Und wenn der Vater am Nebenbett (Richy Müller) gegen Ende zusammenbricht, alle Welt um Verzeihung bittet, hat dies nicht nur berührende, sondern auch weinerliche, unfreiwillig lächerliche Züge. Mehr als aufgewogen wird dies aber durch die überragende Laura Tonke in der Hauptrolle der Karla. Eine Verlorene, trotzdem Starke. Enigmatisch und faszinierend, wie einst Anna Karina bei Godard. Kein Ton ist hier falsch. Ihr glaubt man das stille Drama, die lebensnotwendige Verzweiflung.
Farland ist ein Film, der die Vergangenheit als einen Raum beschreibt, den man verlassen darf. Dass das Vergessen auch eine Tugend sein kann, ist zwar lange und mit gutem Grund im deutschen Kino nicht gesagt worden. Hier ist das Ergebnis ein im besten Sinne existentieller Film: Nüchtern und kühl, ohne kalt zu sein. Präzis und manchmal wunderschön.