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Review

Fear and Loathing in Las Vegas

Acid-Culture

Acid-Culture

Terry Gillliams beein­dru­ckende Zumutung aus den Jahren, als das Wünschen plötzlich nicht mehr geholfen hat

Ein perverser, schreck­li­cher, sehr guter Film, zynisch und zuschau­er­ver­ach­tend, den man gesehen haben muß. Nicht um mitreden zu können, denn zu reden ist da nicht viel, sondern weil hier selten im Kino- wirklich etwas zu erleben ist.

Angenehm ist das nicht gerade. Gut möglich, daß den einen oder anderen der Würgreiz kitzelt, und man kann auch keinen Tip geben, ob es besser ist, den Film mit vollem oder leerem Magen zu sehen, vorher schon ein Bier zu trinken oder nicht, denn das kommt auf die Konsti­tu­tion jedes einzelnen an.

Jeden­falls sollte man zweimal in diesen Film gehen: Einmal um die Über­ra­schung zu erleben, die er jedem bereitet, der Terry Gilliam-Übliches erwartet, wie Brazil oder Münch­hausen. Obwohl es genau betrachtet hier wie dort um Befrei­ungs­ver­suche geht, und um das Erreichen des Punktes, an dem solche Versuche zwangs­läufig fehl­schlagen.
Beim zweiten Mal wird man den Film besser finden, denn man weiß, was auf einen zukommt: Keine Geschichte, keine Logik, keine Hollywood-Drama­turgie, aber auch kein inde­pen­den­t­hafter Lang­weiler-Realismus, bei dem man eine Vier­tel­stunde zwei Leuten beim Kaffee­trinken zuschaut. Godard oder Truffaut, das ist für Gilliam nicht die Frage. Er macht keines von beidem. Sein Film ist ein Trip hinein ins Herz des ameri­ka­ni­schen Alptraums, zwangs­läufig ekelhaft, denn man kann nicht zwei Stunden in Scheiße wühlen, und dabei saubere Hände behalten.

In Cannes, als Fear and Loathing in Las Vegas urauf­ge­führt wurde, haben die manier­li­chen Franzosen alle Manieren verloren, und auf die verrückten, perversen Ameri­kaner geschimpft. Sie meinten eher die message, aber sie schlugen auf den Über­bringer Terry Gilliam ein, der doch nur in surrealer und gerade darum sehr tref­fender Manier erzählt, wie es war in jener Zeit, als das Wünschen plötzlich nicht mehr geholfen hat.
»Fear and Loathing in Las Vegas« von Hunter S. Thompson ist ein Buch aus dem Jahr 1971. Es handelt von dem Moment, an dem die Welt plötzlich kompli­ziert wurde: Die ersten Jahre nach der Revolte, als es sich Nixon gerade im White House so richtig gemütlich machte, und mit Old-Metter­nich Henry Kissinger den Vietnam-Frieden herbei­bombte. Die schönen Jahre waren vorbei, man zog sich in hallu­zi­no­gene Innen­welten zurück und alle Drogen rein, die man bekommen konnte. Las Vegas wird zur verzerrten, extremen vers­tö­renden Metapher Amerikas und gleich­zeitig zum Paradies jener »Acid Culture«.

Gilliam schuf keine kreuz­brave »Lite­ra­tur­ver­fil­mung«, sondern einen der subjek­tivsten, damit auch angreif­barsten US-Filme der letzten Jahre. Hektisch, verrückt, kaum erträg­lich, eine Zumutung. Ob der Film deshalb schon richtig gut ist, läßt sich schwer sagen. Aber immerhin ist es eine Sicht der Dinge.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kiffen sie noch heute.