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Review

Feiertag

Mei, im Schnee is schee!

Ein sympa­thi­sches Projekt ist Feiertag in jedem Fall. Das Debüt des Schau­spie­lers Detlev Bothe ist ein in jeder Hinsicht unge­wöhn­li­ches Unter­fangen. Gedreht wurde mit Mini­mal­budget, Digi­tal­ka­mera und vielen hilf­rei­chen Freunden, fast ohne Team an 12 Drehtagen im Winter. Basis war ein in Gemein­schafts­ar­beit mit den Darstel­lern entwi­ckeltes Drehbuch-Treatment, das Handlung und Figuren, sowie einen Teil der Szenen grob skiz­zierte, vieles aber der Impro­vi­sa­ti­ons­gabe der Darsteller und dem Talent des Regis­seurs überließ. Der fertige Film, für dessen Post­pro­duk­tion sich dann auch Sponsoren fanden, schaffte es 2002 immerhin in den Wett­be­werb um den »Förder­preis Deutscher Film« beim Filmfest München, und schrammte nur knapp an der hoch­do­tierten Auszeich­nung vorbei – so schlecht war das Gewissen der Jury um Oskar Roehler, dass man immerhin eine in den Statuten gar nicht vorge­se­hene lobende Erwähnung verkün­dete, und mit eigenem Geld dotierte. Diese ebenfalls unge­wöhn­liche Vorge­schichte muss hier erzählt werden, schon um deutlich zu machen, wie steinig der Weg heute für einen sein kann, der in der Gegenwart dem alten Ansatz der Auto­ren­filmer die Treue halten, und unge­achtet von einge­fah­renen Bahnen des deutschen Film­be­triebs »einfach rausgehen und Filme machen« will.

Das Ergebnis, das jetzt in die Kinos kommt, trägt alle Spuren dieser Vorge­schichte. Wer an einzelnen, für jeden offen­sicht­li­chen Schwächen von Feiertag herum­nör­geln will, tut gut daran, sich zuvor noch einmal dessen Entste­hungs- und Verleih­be­din­gungen ins Gedächtnis zu rufen. Auch wenn die Dialoge sprach­lich mitunter hilflos wirken, auch wenn das Licht nicht immer richtig gesetzt, und auch wenn man daran zweifeln darf, jede Low-Budget-Produk­tion – so auch diese – in den Pres­se­infos flugs im zum »Dogma«-Film zu adeln, ist klar, warum der Film so aussieht, wie er aussieht. Feiertag ist kein Anlaß zu den neuer­dings wieder beliebten Grund­satz­be­trach­tungen über die Gefähr­dung der Würde des Kino­bildes durch die Verwen­dung von Video­ma­te­rial – auch hier kommt erst das Fressen und dann die Moral: Solange es konkur­renzlos billig ist, wird vom Homemovie bis zum Avant­gar­de­werk alles abseits des Main­stream digital herge­stellt werden.

Die Handlung kreist um eine Gruppe von jungen Städtern, die sich lose zu drei Paaren grup­pieren, und sich in der Hütte eines Tiroler Berg­dorfes zur gemein­samen Sylvester-Party verab­redet haben. Ange­kommen wird so viel getrunken wie gestritten, vor allem aber langweilt man sich mitein­ander. Für die Umgebung inter­es­sieren sie sich kaum – in der Gleich­gül­tig­keit, die sie beim Kontakt zu den Dörflern an den Tag legen, in der um sich selbst krei­senden Ober­fläch­lich­keit, die ihr sonstiges Verhalten prägt, dem alltäg­li­chen Geplapper und den von Anfang an kaum über­tünchten, Span­nungen unter­ein­ander, sind sie ein recht authen­ti­sches Abbild der Jeunesse Dorée unserer Gegenwart. Erstaun­lich gut gelingen hier dem Regisseur kurze intensive Einblicke, filmische Verhal­tens­for­schung.

Parallel dazu erzählt Bothe das Schicksal des 50jährigen Dorf­be­woh­ners Sam. Die Schwester will den elter­li­chen Hof endlich verkaufen, 500 Jahre Fami­li­en­be­sitz inter­es­sieren sie nicht, der Bruder wehrt sich in aussicht­loser Position – jede Seite entwi­ckelt also ihre eigene Form der Dekadenz. Bei diesem Hand­lungs­strang trifft man stärker auf Klischees vom primi­tiven Landleben, vom Frust des Provinz­lers, wie sie so doch wohl vor allem in den Köpfen der Stadt­be­wohner herum­spuken. Einige Momente erinnern dann aber mit ihren schrägen Touristen und Skileh­rern auch hier wieder an die gebro­chenen Heimat­bilder aus Filmen von Achtern­busch und Harather, oder an Skizzen aus Büchern Thomas Bernhards – wenn es auch nie so wie dort zu einem kreativen Panorama aus Irrsinn und Perver­sion verschmilzt. Dazu fehlten wohl die Zeit, viel­leicht auch Inspi­ra­tion. Dafür gefällt die Inten­sität, die der Sam-Darsteller Dietmar Mössmer seiner Figur gibt: Egal ob der sich eine Kugel in den Kopf schießen will, oder lustlos Pornos guckt, ob er seiner Misan­thropie gerade freien Lauf lässt, oder sich im Beisein seiner Schwester kurz mühsam zusam­men­reißt – es ist spannend zu sehen, wie Sams Charak­ter­maske langsam, aber unver­meid­lich verrutscht. Neben Mössmer bieten Safia de Monney und Mavie Hörbiger als zwei der Städter besondere Darstel­ler­leis­tungen.

Erwar­tungs­gemäß eska­lieren beide Erzähl­stränge, um dann mit der Gewalt zweier unge­bremster Züge aufein­ander zu prallen. Übrig bleibt ein Leichen­haufen, und es ist für den Beob­achter schwer zu entscheiden, ob hier die pessi­mis­ti­sche, jeden filmi­schen Trost verwei­gernde Zeit­dia­gnose des Filme­ma­chers oder die Notwen­dig­keit, der Story nach Anfang und Mitte nun auch ein Ende zu geben, die Oberhand behielten.

Inter­es­santer als viele der Main­stream­pro­duk­tionen, die Woche für Woche mit ihrem Einerlei die Leinwände füllen, ist Feiertag auf jeden Fall, und man kann sich gut vorstellen, dass Detlev Bothe mit mehr Unter­s­tüt­zung noch weitaus bessere, trotzdem hoffent­lich nicht strom­li­ni­en­för­mi­gere Filme machen wird. Sein Debüt hält sich – teils willent­lich, teils aus der Not eine Tugend machend – nur an wenige Konven­tionen. Der Film lebt von seiner Spon­ta­n­eität, seinem Drive, der Unver­schämt­heit, mit der hier einfach eine Geschichte erzählt wird: Straight und unver­fälscht. Die immer spürbare Energie tröstet über manche Mängel leicht hinweg.