Review
Femme Fatale
To catch a thief
To catch a thief
Über den Dächern von Cannes
»I am a bad bad girl, rotten to the heart« – Gleich zu Beginn wird man hineingeworfen in das Universum des Kinos, dem sich dieser Regisseur schon immer ganz besonders verbunden fühlte: Eine Frau liegt nackt auf dem Bett und sieht im Fernsehen Billy Wilders Double Indemnity. Barbara Stanwyk spielt hier genau so eine klassische Femme Fatale, ein verruchtes, unberechenbares,schlangenhaftes Weib, wie jene, in die sich die junge Frau gleich ebenfalls verwandeln wird: Laure ist eine Jet-Set-Gangsterin, Glamour und kühle Gewalt verschmelzen in ihr zu einer fatalen Mischung.
Mit Schlangen hast es Brian DePalma in letzter Zeit öfters. Snake Eyes hieß sein letzter Film, dies nur nebenbei, diesmal geht es gleich zu Beginn schon um eine Schlange – so heißt ein wertvolles Diadem, das Laure gleich stehlen soll. Schlangenhaft schlängelt sich auch die Musik, eine moderne Variation von Ravels Bolero – in einer Eingangssequenz, wie man sie lange nicht gesehen hat, begleitet sie die Kamera, die Laure begleitet, bei einem Raubüberfall. Fast eine Viertelstunde dauert das Ganze, nebenbei schlängelt sich auch mal ein Gangsterwerkzeug durch ein kleines Loch und scheucht eine Katze auf – nur ein kurzes Schmuckstück in einem opulenten, von Einfällen überbordenden Film.
All das ironischerweise mitten auf den Filmfestspielen von Cannes. Film und Wirklichkeit verschmelzen: Einerseits ist Femme Fatale fast übervoll mit manchmal spielerisch-sinnvollen, manchmal auch absichtlich Verwirrung stiftenden, Verweisen auf die Filmgeschichte, andererseits doch ein gradliniger Thriller in der Nachfolge Hitchcocks. Spannung und Unterhaltung mischen sich zu höchster Kunst. Auch Sir Alfred scherte sich um Glaubwürdigkeit wenig. Bei DePalma sind es immer Situationen und Bewegungen, kleine Etüden, die ihn interessieren. Dabei, auch das zeigt der Film, behält er das Masterpiece immer mit im Auge.
Später, inzwischen befindet man sich in Paris, will die Gangsterdame ein neues Leben beginnen. Wie immer in solchen Fällen, jedenfalls im Kino, kommt das alte Leben dem Neuen, kommt die Vergangenheit der Zukunft in die Quere – diesmal in Form des cleveren Paparazzo Nicolas. Ungewollt verrät er Laure an ihre früheren Komplizen, und bald fühlt er sich verantwortlich für die Täterin, die zum Opfer geworden ist...
Vielleicht verhält sich aber auch alles ganz anders. Brian De Palmas neuester Streich ist ein Vexierspiel ganz im Stil der anderen großen Werke dieses Regisseurs: Obsession, Dressed to Kill, Body Double oder zuletzt Snake Eyes, mit Verweisen auf den Film Noir, Antonioni und so manches mehr. Ob es wirklich aufgeht, muss jeder selbst überprüfen, aber ein großes, vielschichtiges Vergnügen ist Femme Fatale auf jeden Fall.