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Review

Feuchtgebiete

Auf seine Art ein Horrorfilm

Pippi im Ficki-Kacka-Land

Auf seine Art ein Horrorfilm

Eine Grat­wan­de­rung, eine beein­dru­ckende Haupt­dar­stel­lerin und ein Film wie ein Punk­kon­zert: David Wnendts Feucht­ge­biete – eine Gast­kritik der Schau­spie­lerin Susanne Bormann

Wer anfällig für Herpes ist, sei gewarnt vor diesem Film – ich habe gleich zwei bekommen. Trotzdem bereue ich nichts.

Feucht­ge­biete ist definitiv ein gren­zwer­tiges Kino­er­lebnis, was aber gerade den Reiz dieses Film ausmacht, ihn sehens­wert macht für mich. Er rockt einfach, ist ein bisschen wie ein Punk-Konzert – es macht nur Spaß, wenn’s auch ein bisschen weh tut und so manche Grenze definitiv über­schritten wird.

Feucht­ge­biete ist auf seine Art ein Horror­film, nur dass es nicht um Zombies geht und die Angst vor dem Tod ins Extrem getrieben und auf die Schippe genommen wird, sondern in diesem Fall die Angst vor Keimen, vor Krankheit. Gnadenlos wird abge­rechnet mit unseren modernen Hygie­ne­vor­stel­lungen, damit, dass Hygiene teilweise einen größeren Stel­len­wert erlangt als die eigene Gesund­heit.

Ich hatte das Buch nicht gelesen, weil ich mir, nach allem, was ich darüber gehört hatte, sicher war, dass ich daran keine Freude haben würde. Als nun David Wnendt dieses Buch mit Peter Rommel verfilmte, war ich wirklich gespannt auf das Ergebnis, weil ich beide sehr schätze für ihre Arbeit.

Heraus­ge­kommen ist für mich eine gelungene Grat­wan­de­rung zwischen Ekel­hor­ror­film und berüh­render Innen­an­sicht einer jungen Frau, die total verloren ist und sich gegen jede Wand schmeißt, die sich ihr bietet, in der Hoffnung, irgend­wann einmal an einer kleben zu bleiben und endlich Halt zu finden. Damit steht die Haupt­figur Helen für viele junge Menschen in unserer Gesell­schaft. Dieses Gefühl, nirgendwo hinzu­gehören, keinen Platz zu haben, in dem man geborgen ist, und sich nach der Suche nach Aner­ken­nung durchs Leben zu strampeln. Insofern finde ich diesen Film durchaus relevant.

Ich bin ehrlich beein­druckt, wie David Wnendt seine Haupt­dar­stel­lerin Carla Juri unbe­schadet durch diesen Film manövriert, sie mit Avocados Sex haben kann und trotzdem als unan­ge­foch­tene Heldin durch dieses Chaos geht. Mögli­cher­weise ist es für junge Menschen sehr befreiend, diesen Film zusehen, denn im Zeitalter von Facebook und Smart­phone, wo alles bewertet und kommen­tiert wird, ist es sicher­lich eine große Heraus­for­de­rung, als Jugend­li­cher seinen eigenen Weg zu finden. Selbst­be­wusst­sein für das eigene Tun zu entwi­ckeln, jenseits der Bewer­tungs­che­mata Anderer. Genau das macht Helen. Auch wenn ich ihre Ansichten nicht teile, finde ich diese Form von Eman­zi­pa­tion beacht­lich.

Inter­es­san­ter­weise können viele Männer, mit denen ich gespro­chen habe, mit diesem Film weniger anfangen. Woran liegt das? Wir sehen in Filmen in der Regel sehr oft männlich phan­ta­sierte Frau­en­bilder. Auch Frauen selbst orien­tieren ihr eigenes Selbst­bild weit­ge­hend an männ­li­chen Vorstel­lungen, versuchen zum Beispiel, in ihrer eigenen Sexua­lität der männ­li­chen Phantasie zu entspre­chen. Ich würde nicht sagen, dass die Helen in Feucht­ge­biete einer typisch weib­li­chen Sexua­lität entspricht. Aber sie wagt es, eine eigene Sexua­lität zu entwi­ckeln, jenseits der Vorstel­lungen anderer. Und das ist das Revo­lu­ti­onäre! Und ich denke, das ist auch der Teil, der so viele befremdet. Jedoch – ohne Carla Juris Natür­lich­keit würde dieses filmische Expe­ri­ment nicht funk­tio­nieren. Klar ist Helen durch­ge­knallt. Aber die Ehrlich­keit und Selbst­ver­s­tänd­lich­keit in Carla Juris Spiel bringt mich dazu, dass ich ihre Helen so annehme, wie sie ist und mich nicht abwende. Sie in Herz schließe, sie beschützen will. Das gilt übrigens für alle Figuren in diesem Film, die durchweg einen Knall haben – wie alle Menschen – aber eben mit Wärme erzählt werden.

Dieser Film hat Chuzpe und das finde ich gut für das deutsche Kino. Feucht­ge­biete geht auf volles Risiko und lässt es ordent­lich krachen. Davor habe ich Respekt. Er erinnert mich am ehesten an gelungene Thea­ter­abende von Armin Petras: Krass, sehr lustig, tun auch immer irgendwo weh, gleichz­eitig voller Sehnsucht und einer großen Liebe für seine Figuren und das Leben überhaupt.