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Review

Feuerwerk am helllichten Tage

Ein Detektiv auf Abwegen

Farben als Stimmungsträger

Ein Detektiv auf Abwegen

Bilder sind es nicht zuletzt, die von diesem hervor­ra­genden Film bleiben: Eislaufen bei Nacht. Sex in der Kabine eines Riesen­rads. Ein mensch­li­ches Auge in der Nudel­suppe eines Billig­im­biss. Ein Schla­fender an einer Straße im Schnee. Und ein »Feuerwerk am hell­lichten Tag« – so wie der deutsche Titel dieses Films höchst poetisch lautet.

Alles beginnt wie ein ganz normaler Krimi. »Tatort« in China. Eine Leiche wird gefunden, und obwohl sie zerteilt ist, schnell iden­ti­fi­ziert. Die Polizei ermittelt, verschie­dene Menschen sind verdächtig, darunter auch eine Frau, die Witwe des Toten. Dann versiegen die Ermitt­lungen im Sand.
Und eine Verhaf­tung, die in ein Blutbad mündet, zerstört das Leben von Zhang Zili, des ermit­telnden Poliz­ei­kom­mis­sars der Mord­kom­mis­sion. Er verliert seinen Job, muss sich mit Gele­gen­heits­ar­beiten durch­schlagen und beginnt zu trinken.

Jahre später setzt dieser Film dann nach einer guten Vier­tel­stunde zum zweiten Mal ein, und beginnt gewis­ser­maßen noch einmal von vorn. Und alles hat sich verändert. Der ganze Charakter des Films hat sich zu einer Sozi­al­studie gewandelt. Sie spielt irgendwo im land­schaft­lich gesichts­losen Nordosten Chinas, der kargen Kohle­re­gion, die von Förder­türmen und Geröll­halden geprägt ist, durch­zogen von Trans­port­trassen der Bahn. Es ist dort kalt und windig, und weil der Film nicht nur meist nachts sondern auch vor allem im Winter spielt, sind Straßen und Häuser oft schnee­be­deckt. Aber die Gefühle sind um so hitziger, die Leiden­schaften glühen so still wie dauerhaft vor sich hin.

Black Coal, Thin Ice, »Schwarze Kohle, dünnes Eis«, hieß dieser Film des chine­si­schen Regis­seurs Daio Yinan im Februar im inter­na­tio­nalen Vertriebs­titel, als er bei der Berlinale, für viele über­ra­schend, aber keines­wegs unver­dient den Goldenen Bären der Berliner Film­fest­spiele gewann. Jetzt kommt er unter dem Titel Feuerwerk am hell­lichten Tage heraus, der ausnahms­weise einmal recht treffend die etwas bizarre Poesie dieses Films verdichtet, seine Wider­sprüch­lich­keit, mit der hier Extreme verbunden werden.

Denn Feuerwerk am hell­lichten Tage ist ein Film über das China von heute, über eine Gesell­schaft im extremen Wandel und mora­li­schen Verfall bei gleichz­ei­tiger rasanter tech­ni­scher Moder­ni­sie­rung. Das dünne Eis ist auch eine soziale Metapher.

Dies ist ein Film der Metaphern: Hitze, Kälte, Amoral. Es sind Metaphern für die Folgen der Hyper­mo­der­ni­sie­rung, des rasenden Wandels im China von heute. Die Haltung des Regis­seurs im Blick auf die Gesell­schaft ist erkennbar kultur­kri­tisch und -pessi­mis­tisch, aber nie nost­al­gisch. Keiner sehnt sich hier nach irgend­wel­chen alten Zeiten zurück. Es geht Daio Yinan um präzise Beob­ach­tungen und Bestands­auf­nahmen und hierin, im kühlen Blick auf das Abgrün­dige, verbunden mit der Sympathie für die Menschen, mit ihren Schwächen, steht Daio Yinan seinen Kollegen des chine­si­schen Gegen­warts­kinos, insbe­son­dere dem Neorea­lismus der »Sechsten Gene­ra­tion« im Gefolge des berühmten Jia Zhang-ke nahe.

So ist Feuerwerk am hell­lichten Tage zugleich ein Film über einzelne Menschen in dieser Gesell­schaft. Da ist zual­ler­erst Zhang Zili, der Polizist, der am Anfang ermittelt. Wir wissen, dass er gerade eine Scheidung hinter sich hat. Bald darauf scheitert er auch beruflich: Nach einer fehl­ge­schla­genen Verhaf­tung wird er vom Dienst suspen­diert, muss sich als Tagelöhner verdingen und trinkt zuviel. Nach dem Zeit­sprung setzt der Film damit wieder ein, dass seine ehema­ligen Kollegen ihn um Mithilfe bitten. Aus der zerstü­ckelten Leiche vom Anfang ist eine rätsel­hafte Mordserie geworden, und die Witwe weiterhin verdächtig. Er soll als eine Art Privat­de­tektiv verdeckt ermitteln, sprich sich an die geheim­nis­volle Schönheit heran­ma­chen, die in einer Reinigung arbeitet.

Und natürlich kommt es bald, wie es kommen muss: Der Ermittler verliebt sich in sein Ziel­ob­jekt, wie einst Robert Mitchum in Veronica Lake – ein Detektiv auf Abwegen und eine Femme fatale von nebenan, in deren masken­haft-schönem Gesicht keine Spur von Schuld und Sühne zu entdecken ist. In ihrem Leben gibt es – wenig über­ra­schend – noch einen anderen Mann. Und es gibt immer neue Morde, auch welche, die mit scharfen Eiskufen verübt werden, die in dieser Gegend jeder Zweite über den Schultern trägt.

So verbinden sich sozialer Realismus und Melodram zum fast klas­si­schen Film-Noir aus China, einem aufre­genden, visuell sehr anspre­chenden Licht-Schatten-Spiel, das auch vom mora­li­schen Zwielicht handelt.

Dies ist also das leider zu seltene Beispiel eines Films, in dem Form und Inhalt einander ganz entspre­chen. Eine moderne Spielart des Detektiv-Genres, spannend bis zum Schluss und so poetisch wie ein Klassiker der fran­zö­si­schen »Schwarzen Serie«.