Review
Fikkefuchs
Buddeln in den Wunden unseres Alltags
Buddeln in den Wunden unseres Alltags
»Wir Männen wollen, dass man sich für uns interessiert – als Penis.«
– Franz Rogowski als Thorben in Fikkefuchs»Ich mag junge Frauen. Ich bin mir da treu geblieben.«
– Jan Henrik Stahlberg als Rocky in Fikkefuchs»Patriarchat hört sich immer so an, als ob die Männer die Gewinner wären, aber ich habe im Puff keinen einzigen Mann erlebt, der sich wie ein Gewinner gefühlt hat. Sie fühlten sich abgehängt, verschämt, irgendwie unter Druck, wussten irgendwie auch nicht und hatten darauf gehofft, dass Paula ihnen beim Sex irgendwas wegmacht, damit sie sich auf ihre Arbeit, ihre Kinder und ihre Frau konzentrieren können.«
– Ilan Stephanie im Interview mit Ann-Kathrin Eckardt in der Süddeutschen Zeitung vom 20.10.2017
Wie jede gute Komödie polarisiert auch Jan Henrik Stahlbergs Fikkefuchs bis in die Grundfesten. Als ich nach der Weltpremiere von Fikkefuchs auf dem Münchner Filmfest meine Kollegin Dunja Bialas traf, konnten die Eindrücke nicht unterschiedlicher sein (ihr Verriss siehe unten). Und mit Kollege Leo Mayer ging es mir nicht anders. Der fasste sich nur an den Kopf.
Doch bei Fikkefuchs, einem nur mit Crowdfunding-Geldern, an den üblichen Filmförderungs-Gremien vorbei realisiertem Film, reicht die Polarisierung ein paar Tage vor Filmstart sogar noch weiter als über die gewöhnlichen, inzestuösen Kritikerstreitereien hinaus: In Frankfurt und München dürfen die Werbeplakate für Fikkefuchs nicht an den Bus- und Bahnhaltestellen platziert werden, weil sie den jeweiligen Stadtwerken zu anzüglich sind. »In der U-Bahn kommt die Werbung einem viel näher, man kann ihr schlechter ausweichen – gerade auch mit Kindern. Das hat zu unserer Ablehnung geführt«, erklärte Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft, die Entscheidung gegenüber der »Bild«-Zeitung. Für die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main ist das Plakat gleich noch mehr, nicht nur anzüglich, sondern auch sexistisch und frauenfeindlich.
Willkommen in einem weiteren Zeitabschnitt menschlich-moralischer Restauration, willkommen in einem Deutschland, das schon lang den Anschluss an die wirklich radikale, weil sich um keinen Deut scherende Komödienkultur verloren hat. Doch zum Glück wird Jan Henrik Stahlbergs Film nicht auch noch gleich verboten, müssen wir also nicht mit Sehnsucht auf thematisch und politisch ähnlich inkorrekt ausgerichtete Komödien wie Judd Appatows The 40 Year Old Virgin blicken.
Wie bei Appatow will auch in Fikkefuchs ein Mann endlich wissen, was es mit Sex und sexualisierter Männlichkeit auf sich hat. Thorben (Franz Rogowski) ist deswegen schon auffällig und straffällig geworden und wendet sich schließlich an seinen mutmaßlichen Vater Rocky (Jan Henrik Stahlberg), von dem er bislang kaum etwas wusste, der aber von sich behauptet, alles über Frauen zu wissen, vor allem über junge Frauen und wie man sie für sich gewinnt.
Was sich in dieser kurzen Zusammenfassung ein wenig plump anhören mag, ist es in Stahlbergs Film allerdings überhaupt nicht. Denn Fikkefuchs geht in seiner gnadenlosen Bestandsaufnahme männlicher Sprachlosigkeit, Sexualität, Sehnsucht und Selbstdefinition über den tiefschwarzen Humor von Stahlbergs Debüt Muxmäuschenstill noch einmal hinaus, werden zwar auch in Fikkefuchs Momente grausamer Peinlichkeit gezeigt und Fremdschämmomente derartig grotesk ins Bewusstsein des Betrachters gemeißelt, dass man kaum mehr weitersehen möchte – würde man nicht gleichzeitig lachen.
Doch gelingt es Stahlberg und seinem Ko-Autor Wolfram Fleischhauer selbst diesen »Point-of-no-return« einfach einzusacken und aus der grotesken Komödie im letzten Drittel des Films in eine zarte Tragödie umzuschwenken. Und auch damit überzeugend zu bleiben und explizit anzudeuten, dass es in Fikkefuchs wie Stahlberg sagt, »nicht um Frauen als Opfer, sondern Männer, die sie zu Opfern machen und eben dabei selbst total arme Würste sind« geht. Und um die Sehnsucht eines jeden Menschen, auf seine wie auch immer verquere Art zu lieben und geliebt zu werden. Damit wird auch deutlich, wie weit der Weg war, den Stahlberg und Fleischhauer gehen mussten, um dieses wilde, raue, ungeschliffene Komödien-Destillat zu brennen – war Fleischhauers eigentliche Inspiration doch Eve Enslers »Vagina-Monologe«, die er nicht auf weiter Flur stehen lassen, sondern ihnen ein paar 'Penis-Monologe' an die Seite stellen wollte.
Das Schöne an Fikkefuchs ist dabei, das Stahlberg und Fleischhauer es ein wenig wie die Farrelly-Brüder in ihren Komödien halten und den Bogen auch mal überspannen, Ekel ausstellen ohne witzig zu sein; sich offensichtliche Timing-Fehler leisten; mal intuitiv, dann wohl bedacht mit einem Ideen- und Geschichtenkonvolut umherschmeissen, das nicht allen gefallen will und auch nicht allen gefallen wird, über dass es sich aber gerade im Rahmen der zwar dringend notwendigen, aber inzwischen hyperventilierenden Me Too-Debatte toll streiten lässt. Dabei war der schon 2015 abgedrehte Film gar nicht als Subkommentar zu dieser Debatte gedacht, aber was damals vielleicht noch nicht auf Promi-Ebene angekommen war, lag zweifelsohne schon damals in den Wunden unseres Alltagsvollzugs bloß und macht Fikkefuchs damit zu einem kongenialen Soundtrack der Empörung unserer Tage.