Review
Forever Young
Als die Kunst noch spannend war...
Als die Kunst noch spannend war...
Das Glück der Nostalgie: Valeria Bruni Tedeschi zeigt die 80er Jahre als Gegenentwurf zum heutigen Neo-Biedermeier
Wer sich an die 80er Jahre erinnern könne, so der unvergessliche österreichische Popstar Falco, habe die 80er Jahre überhaupt nicht erlebt.
Die Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi, inzwischen eine sehr bekannte Filmschauspielerin, erinnert sich trotzdem, und das ziemlich gut: Sie war damals in den frühen 80ern als Schauspielschülerin Teil der »École des Amandiers« am gleichnamigen Theater im Pariser Vorort Nanterre. Es wurde seinerzeit vom legendären Theater- und Opernregisseur Patrice Chéreau geleitet. Vieles, was man in diesem Film sieht, ist also tatsächlich passiert, und zeigt, wenn auch alles hier angemessen fiktionalisiert wird, bekannte Figuren der französischen Kunstszene wie in einem Schlüsselroman.
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Les Amandiers heißt auch dieser Film im Original. Er steht für eine sehr französische Tradition des Autorenkinos: Zum einen der, Erfahrungen und historische Momente aus dem Leben der Regisseure selbst ans Publikum weiterzureichen. Zum anderen für die Gewohnheit, die eigene nationale künstlerische Tradition zu pflegen, und klassische Künste, Literatur oder Musik oder Malerei mit der »Siebten Kunst«, der des 20. Jahrhunderts, mit dem Kino zu verbinden. In diesem Fall das Theater.
Gleich zu Beginn erleben wir Anfang der 80er – das ist für das Verständnis wichtig: nicht wie jetzt geschrieben wurde »Ende der Achtzigerjahre« – ein paar junge Menschen bei der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule. Die nun folgende Geschichte basiert im Kern auf dem im Kino regelmäßig wiederkehrenden – und, offen gesagt, ein wenig klischeehaften – Muster, das spätestens seit Fame – Der Weg zum Ruhm ein eigenes Genre bildet: Eine Gruppe von jungen ambitionierten Menschen will auf einer renommierten Kunstschule aufgenommen werden. Während des harten Aufnahmeprozesses und der noch härteren Ausbildung durchleben die Jugendlichen in dem geschlossenen Raum der Schule höchst intensiv und leidenschaftlich alle Arten von beruflichen, amourösen und existenziellen Krisen, Sehnsüchten und Erfolgen.
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Bruni Tedeschi tut allerdings noch mehr: Die Regisseurin verbindet ihre eigene autobiographische Geschichte und die der Theatergruppe mit der der 80er Jahre: Dem postmodernen Umbruch der Moderne, der sich vor allem durch eine auffallende Zahl an Erklärungen eines Endes auszeichnete: Das »Ende der großen Erzählungen«, das »Ende der Utopien«, das »Ende des Wachstums«, das »Ende der Geschichte«. »No Future!«
Mitte der 1980er Jahre war zugleich der Moment, in dem AIDS ins Alltagsleben der Menschen eindrang – und zwar aller Menschen, nicht nur der Schwulen- oder der Künstlerszene. Die Immunkrankheit, die Debatten über Sexualität, der Beginn der öffentlich sichtbaren Homosexuellenbewegung spielen alle eine große Rolle in der Filmhandlung, ebenso die Drogen: Mehr Heroin, als Kokain. Auch Tschernobyl kommt vor, aber alles nicht dramatisch, vor allem nicht »betroffen«.
Der
Film hat eine große Authentizität. Er schafft es, sein Publikum in diese Zeit und an diesen Ort zurückzuversetzen. Und das ohne mit großem Drama, mit Plot und »Handlung« aufzutrumpfen. Das Geschehen treibt dahin, wie das Leben selbst.
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Hochinteressant für Theaterfans ist nicht zuletzt auch die Darstellung des Theaterrevolutionärs Patrice Chéreau. Wir erleben hier Szenen der Arbeit mit Pierre Boulez, an seinen berühmten Inszenierungen von Bernard-Marie Koltès und von Tschechows »Platonov«.
Einem Stück über das Ende der Jugend.
Die junge Schauspielertruppe wird mit den hohen Anforderungen eines Regisseurs konfrontiert, der alle Schauspieler, vom Hauptdarsteller bis zum Nebendarsteller, als
Hauptakteure betrachtet.
Die Intensität des Privatlebens geht in die Inszenierung ein: »Platonov« wurde 1986 beim Festival von Avignon gezeigt und 1987 von Chéreau mit dem Film Hôtel de France verfilmt. Zu den jungen Schauspielern, die damals neben Valeria Bruni Tedeschi dabei waren, gehören Vincent Pérez, Agnès Jaoui, Marianne Denicourt und Bruno Todeschini.
Im Film werden sie
allesamt von anderen jungen Schauspielern gespielt, angeführt von einer rätselhaften Nadia Tereszkiewicz als Alter Ego der Regisseurin. Den Patrice Chéreau spielt Louis Garrel genau in so einer Mischung aus Unberechenbarkeit und Loyalität, wie Chéreau dies im richtigen Leben gehabt haben muss.
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Es ist ein Film voller Charme, und Leidenschaft. Es geht immer um alles in diesem Film – den Figuren wie der Regisseurin.
In einem gewissen Sinn widerlegt die Regisseurin mit diesem Film selbst all diese ganzen, oben beschriebenen 80er-Jahre-typischen End-Erklärungen: Valeria Bruni Tedeschi erzählt nämlich eine ganz universale, klassische, »große« Geschichte: Sie handelt von den Träumen und Visionen aller Künstler dieser Erde zu allen Zeiten, eine Geschichte von sehr viel Liebe, sehr viel Sensibilität und sehr viel Kraft.
Insofern ist dies auch die Geschichte einer Jugend, die einerseits der Gegenwart durch ihre Kraft und Selbstermächtigung verbunden ist, andererseits von ihr getrennt, weil viel weniger Empfindlichkeiten bestehen – gerade in den sexuellen Beziehungen, von denen die Regisseurin sehr freizügig und offen erzählt.
Und in den Vorstellungen aller Beteiligten vom Kunstbetrieb. Kunst ist hier nämlich unbedingt elitär und hierarchisch, von Autorität geleitet und
undemokratisch. Er werde nicht demokratisch sein, sagt der Chéreau des Films kühl, der auch »in echt« selbstverständlich mit Schauspielern Sex hatte oder Beziehungen, und sich eher selten einer weichgespült-»achtsamen« Sprache bediente.
In der ehrlichen, wertfreien Erinnerung an diese nahen fernen, fremden, libertinären Zeiten, die manches »Schneeflocken«-Gemüt betrüben dürften, liegt der philosophisch-politische Clou dieses Films, seine Stärke und sein Charme.
Denn auch in diesem Sinn ist Forever Young unter anderem ein nostalgischer Film. Nicht nur die Regisseurin sehnt sich nach einer Zeit, in der volljährige Menschen keine öffentlichen Betragensnoten bekamen, in der man sich nicht in allem Möglichen anständig und »gut« benehmen müsste, in der man rauchte, trank, freien Sex hatte, Drogen nahm, und das nicht sofort »Drogenmissbrauch« hieß.
Nach einer Zeit, in der manche Künstler sich womöglich weniger
wohlgefühlt haben, und Einhaltung der Arbeitszeiten nicht das zentrale Thema war, die Kunst selbst aber einfach besser war, wichtiger, spannender, kommunikativer und darum in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert besaß.
Das färbte dann wiederum auch auf das Selbstbewusstsein der Menschen ab.
Glücklich, wer das erlebt hat, und sich erinnern kann!