Review
Foxtrot
Die Rückkehr der inneren Wunden
Die Rückkehr der inneren Wunden
Eine Tür öffnet sich und das Gesicht einer Frau erscheint. Für einige lange Sekunden starrt sie ungläubig in die Kamera, bevor sie unvermittelt aus dem Bildkader kippt. Dabei gibt sie den Blick auf ein abstraktes Gemälde an der Wand frei: ein unruhiges Geflecht aus Linien und rechteckigen Formen, das sich zur Mitte hin wie ein Strudel verdichtet. Schon die ersten Bilder des Films verraten es: Foxtrot führt uns in einen Abgrund aus schicksalshaften Verstrickungen. Bedächtig fährt die Kamera auf das finstere Zentrum des Strudels zu, macht kurz davor einen Bogen und steuert ins Innere der Wohnung, das Zuhause der Familie Feldmann in Tel Aviv. Michael Feldmann hat sich bereits im Türrahmen des Wohnzimmers aufgestellt, erstarrt wie ein in die Enge Getriebener, dem nichts anderes mehr bleibt als das Unausweichliche zu erwarten. Die Besucher vom Militär verkünden, was Michaels Frau Dafna gleich geahnt hat: Ihr Sohn Jonathan ist im Einsatz gefallen.
Für Foxtrot erhielt der israelische Regisseur Samuel Maoz im letzten Jahr den Silbernen Löwen. Es ist bereits seine zweite Auszeichnung bei den Filmfestspielen von Venedig, nachdem er 2009 mit Lebanon, der aus dem Inneren eines israelischen Panzers vom Libanonkrieg 1982 erzählt, den Goldenen Löwen gewann. In Foxtrot geht er mit ähnlicher konzeptioneller Klarheit vor: Seine Familiengeschichte teilt er in drei deutlich voneinander getrennte Episoden auf. In jeder davon erfindet sich der Film neu, jede ist in ganz eigenem Tonfall, in eigens ausgeklügeltem filmischem Stil erzählt. Die erste konzentriert sich auf Michaels Schock über den Tod seines Sohnes. Minutenlang fokussiert die Kamera sein Gesicht, während eine Tirade routinierter Anweisungen aus dem Off auf ihn einprasselt. Es ist jetzt ganz besonders wichtig, regelmäßig etwas zu trinken. Armeebeauftragte und Verwandte geben sich die Klinke in die Hand, sodass bald zahlreiche Akteurinnen und Akteure das kammerspielartige Szenario bevölkern und es mit Trauer und abgeklärter Organisationspragmatik bespielen. Indes taumelt Michael immer wieder durch den endlosen Gang seiner Wohnung, von einer Kamera in albtraumhaft langsamer Bewegung begleitet, vom Geschehen entkoppelt. Nur dem Hund ordentlich eins zwischen die Rippen geben, das funktioniert noch. Jonathans Tod ist für Michael eine Konfrontation mit den eigenen Dämonen. Das Interieur seiner Wohnung, all die streng angeordneten Möbel und Formen und Linien, gefilmt in akkuraten Symmetrien, machen klar: Hier hat sich jemand eine Ordnung errichtet, um äußerlich Kontrolle über das Chaos in seinem Inneren zu erlangen. Nun, da das Chaos sich erneut seinen Weg bahnt, wird diese Ordnung zum einengenden Raster. „Ich muss raus, ich krieg keine Luft“, krächzt Michael einmal, nur um sich in der nächsten Einstellung wieder in einem Gebäude mit ähnlich klaren Strukturen wiederzufinden. Als er endlich handelt, ganz zum Schluss des ersten Teils von Foxtrot, mit der Entschiedenheit von einem, der etwas wiedergutzumachen hat, da fällt er eine fatale Entscheidung.
Worüber Michael bisher nie gesprochen hat, sind die traumatischen Erfahrungen, die er während seiner eigenen Zeit in der Armee durchleben musste. Erfahrungen, die nun auch Jonathan macht. Das Trauma tanzt hier Foxtrott: Egal, wo du hingehst, du landest immer am selben Ausgangspunkt. Das gilt zum einen für Michael ganz persönlich. Wie sehr er die eigene Schwachstelle auch zu verbergen sucht – dem Gefühl, schuldig zu sein, wird er in diesem Film nicht mehr entkommen. Zum anderen gilt es, so die wohl zentrale These von Foxtrot, für die israelische Gesellschaft ganz allgemein. Für Samuel Maoz ist sie von militaristischen Strukturen geprägt und gibt das Trauma des Krieges so von Generation zu Generation weiter. Trotz der seit 1949 geltenden Wehrpflicht für beide Geschlechter erzählt Maoz von diesem Trauma als männlicher Angelegenheit. Für Frauen, so erläutert er im Interview, sei es wesentlich leichter, den Einsatz in gefährlichen Gebieten zu umgehen. Tatsächlich ist der Einsatz in Kampfeinheiten für Frauen freiwillig. Ihr Anteil steigt zwar stetig, liegt aber immer noch im einstelligen Prozent-Bereich.
Eine spätere Episode gibt uns ein Bild des Militäreinsatzes. An einem verlassenen Checkpoint, an dem sich die rostige Schranke nur unter größter Anstrengung für gelegentlich vorbeitrottende Dromedare hebt, leisten vier junge Männer ihre Pflicht. Zäh fließt die Zeit im trocken-staubigen Nirgendwo und die Sehnsucht nach einem anderen Ort steht den Soldaten förmlich ins Gesicht geschrieben. Vielleicht nach dem Schoß der Blondine, deren Abbild mit keckem Lächeln von der bröckelnden Werbefläche eines Kleintransporters zu ihnen herüberschielt, während einer der Soldaten in einem so sinnlichen Moment, wie ihn nur das Kino kann, einen flotten Foxtrott auf dem imaginären Parkett eines Schotterwegs hinlegt. Zauberhafte Leichtigkeit und melancholische Schwere durchziehen die Szenerie gleichermaßen. Alles kann hier eine Illusion sein. Offenkundig wird auf diese Weise nicht versucht, ein filmisches Abbild der Realität zu erschaffen. Der kulissenhaft hergerichtete Schauplatz ist vielmehr Bühne für die allegorische Darstellung einer Gesellschaft, die sich in einer Schieflage befindet – so wie der Wohncontainer der Soldaten zu einer Seite hin zunehmend absackt und zu versinken droht. Eine Wahrnehmung, die von der Angst vor dem Feind geprägt ist, kann einen manchmal täuschen. Das müssen die jungen Männer erfahren, als die grausame Wirklichkeit des Krieges in ihre Traumwelt einbricht.
Foxtrot ist sorgfältig komponiertes, bestechend visuelles Kino. Alles hat hier seinen Platz, im Aufbau des Bildkaders ebenso wie in der Struktur der Erzählung. In einem Netz aus Bezügen, Dopplungen und wiederkehrenden Motiven werden Details mit metaphorischer Bedeutung aufgeladen. Vielfach hat man das Gefühl, es schließe sich nun ein Kreis, ein kleiner Kreis von vielen. Die inneren Wunden, die Michaels Hund von all den Tritten davonträgt, werden uns wieder begegnen. Sogar das Dromedar – dieses Mal um die Absurdität des Krieges auf die Spitze zu treiben. Am Ende des Films hat sich nicht nur im penibel arrangierten Bücherregal der Feldmanns das Chaos breitgemacht. Auch das Gemälde mit seinem düsteren Strudel ist in Schieflage geraten.