Review
Frantz
Europa bewahren
Europa bewahren
Warum nur gerade jetzt einen Film über den 1. Weltkrieg und seine Folgen, jetzt da die wichtigsten 100-Jahr-Feiern begangen worden sind, etliche Filme wie Russel Crowes Water Diviner bereits erfolgreich platziert wurden und keiner eigentlich mehr so recht was damit zu tun haben will, da es mit historischen Jubiläen inzwischen ja so ist wie mit literarischen Neuerscheinungen; drei Monate, dann rappelt in der feuilletonistischen ADHS-Kiste nichts mehr und das Thema ist vom Tisch? Und nicht nur das, sondern auch noch ein Remake eines Ernst Lubitsch-Films, dessen Filmen auch nach vielen Jahren nur selten noch etwas hinzuzufügen ist.
Doch so plötzlich dieser Gedanke in einem zu nagen beginnt, so langsam, aber ausschließlich löst er sich auch wieder auf. Denn François Ozon transformiert in Frantz nicht nur die in Lubitschs Broken Lullaby ins Zentrum gestellten Schuldgefühle eines französischen Soldaten, der nach dem Krieg nach Deutschland fährt, um die Frau und die Eltern des von ihm erschossenen Soldaten Frantz zu besuchen und ihn – ohne das die Beteiligten um seine Täterschaft wüssten – zu »ersetzen«; sondern er verändert auch die Perspektive und erweitert Maurice Roustands Theaterstück, auf das Lubitsch Film 1931 basierte, auch inhaltlich gravierend.
Nun ist es vordergründig Anna (Paula Beer) und nicht Adrien (Pierre Niney), aus deren Perspektive Adriens Besuch erzählt wird. Und mit seiner zunehmenden Präsenz Annas Denken und Fühlen ins Wanken bringt Frantz. Diese Übergänge, das auch sprachliche Oszillieren zwischen Deutsch und Französisch und die schauspielerische Finesse, mit der diese Entwicklung plastisch wird, macht Frantz an sich schon zu einem ungewöhnlich sehenswerten Film. Mehr noch, als in dieser Entwicklung wohltuend Ozons Vorliebe für uneindeutige Prosa mit einfließt, so, wie er sie etwa schon In ihrem Haus oder in 5x2 durchgespielt hat. Doch da Frantz durch den historischen Kontext unweigerlich auch ein politischer Film sein muss, wird schnell deutlich, dass Ozon nicht nur die Lüge Adriens seinen Schuldgefühlen vorzieht, sondern sie im Laufe des Films immer mehr mit den politischen Lügen verwebt, die zum Krieg geführt haben und die bereits erneut am Keimen sind, um den nächsten Krieg zum »Blühen« zu bringen.
Diese Gratwanderung Ozons zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Lügen, ein inhaltliches wie formelles, verschwiegenes und undurchdringliches Schlingern, bleibt auch im zweiten, »hinzugefügten«, von Ozon neugeschriebenen Teil, im Zentrum des Plots. Anna begibt sich nach Frankreich und stößt dabei – ohne es Recht zu wollen – nicht nur auf »Frantz« ambivalentes Leben im Paris der Vorkriegszeit.
Ozon wechselt damit jedoch nicht nur von der deutschen Provinz nach Paris und dann die französische Provinz, changiert nicht nur zwischen Mikro- und Makroperspektive, sondern auch zwischen Farb- und Schwarzweißfilm. Diese Übergänge, die aus der Not eines knappen Budgets geboren wurden, erzielen jedoch vielleicht noch mehr als aufwendige Rekonstruktionen historischen Materials, genau das, was Ozon will: Eine fast unheimliche Historisierung, die allein durch unser schwarzweißes Erinnern dieser entfernten Vergangenheit funktioniert. Also nichts anderes, als eine weitere, wohltuende „Lüge“.
Ozon macht damit nicht nur unaufdringlich deutlich, wie ambivalent Lügen benutzt werden können, wie sehr Lebenslinien und nationale Befindlichkeiten gleichermaßen manipuliert werden. Denn der eigentliche Subtext dieses wunderbar dichten, präzisen und dann wieder fast traumwandlerischen Films, ist bei aller Ambiguität etwas völlig Eindeutiges – und ein kaum zu übertreffender Kommentar zu den gegenwärtigen rechtspopulistischen Angriffen auf die Idee eines vereinten Europas: das von Ozon gezeichnete Europa der Zwischenkriegszeit ist so sehr unheimlicher Zerrspiegel unserer Gegenwart, das Frantz einem poetisches Manifest gleicht, einem Manifest, dass nur allzu deutlich daran erinnert, wie destruktiv die Strukturen waren, die Europa überwunden hat und das, was wir stattdessen geschaffen haben schätzen sollten statt im Zuge banalsten historischen Vergessens plötzlich wieder Ideen zu hofieren, die unweigerlich in einen erneuten Zyklus der Zerstörung führen würden.