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Review

Fridas Sommer

Trauriger Sommer

Einzig­artig insze­nierte Gemüts­lage

Trauriger Sommer

Fridas Sommer ist der Sommer des totalen Neube­ginns. So wie an Silvester das Feuerwerk ein neues Jahr ankündigt, beginnt auch diese Geschichte einer­seits mit einem Feuerwerk und Spaß auf den Straßen Barce­lonas, ande­rer­seits mit den geschäf­tigen Vorbe­rei­tungen für einen Umzug. Ganz unwirt­lich nah und dunkel sind die ersten Szenen in Fridas Wohnung. Letzte Dinge werden zusam­men­ge­packt, die Erwach­senen beraten flüsternd. Es ist Fridas Abschied von ihrem Zuhause, von den Groß­el­tern und von ihren Freunden. Der „Sommer 1993“ (Estiu 1993, so der Origi­nal­titel) bedeutet für das Mädchen eine einschnei­dende Verän­de­rung, denn ihre Mutter ist an Aids gestorben. Frida muss von jetzt an mit Onkel und Tante in deren Landhaus leben und ist plötzlich die große Schwester ihrer kleinen Kusine Anna.

Erst allmäh­lich erschließt sich ihr die Dramatik dieser Situation. Frida weiß natürlich, dass ihre Mutter tot ist, aber was das emotional und ganz praktisch bedeutet, kann das Kind noch gar nicht abschätzen. „Warum weinst du nicht?“ fragt sie ein Junge beim Abschied. So stolpern wir mit ihr in diese neue Heraus­for­de­rung und sind zunächst verblüfft, dass sie alles stoisch erträgt, ohne eine offen­sicht­liche emotio­nale Regung. Aber innen in ihr brodelt es. Das erkennen wir an ihrem Blick und an den zuneh­menden Verwei­ge­rungen, sich in ihre neue Familie zu inte­grieren. Wenig hilfreich sind auch die Besuche der Groß­el­tern, die Frida immer wieder aufs Neue an ihr altes Zuhause erinnern und die Versuche der Tante dadurch ins Leere laufen lassen, dem Kind eine neue Mutter zu sein. Tante und Onkel tun ihr Möglichstes, aber sie müssen dabei auch ihre kleine Tochter im Blick behalten, die sich zunehmend zurück­ge­setzt fühlt.

„Sommer“ imagi­niert stets ein Hoch­ge­fühl. Sommer, Sonne, Spaß, das wird hier auf traurige Weise konter­ka­riert. Die Sonne brennt in dieser fantas­ti­schen kata­la­ni­schen Land­schaft vom Himmel und Frida spielt mit der kleinen Kusine Mutter und Tochter. Das Spiel „so tun als ob“ der Kinder sagt stets viel über die emotio­nalen Befind­lich­keiten und unter­be­wussten Erin­ne­rungen aus. Frida liegt im Liege­stuhl, mit viel zu großen Cowboy­stie­feln an den Füssen, einer Federboa um die Schultern und eine Zigarette in der Hand. Sie lässt sich unzählige Male bitten, mit der kleinen Anna zu spielen, gibt die genervte Mutter, die sich dann doch herab­lässt, irgend­wann ihr Kind wahr­zu­nehmen. Aus der Ferne hören wir dazu Jazzmusik des Onkels aus seiner Werkstatt. Sie klingt wie eine Offen­ba­rung – es könnte so schön werden, aber Frida ist noch nicht bereit, sich wirklich auf die neue Familie einzu­lassen. Im Gegenteil, es entstehen Situa­tionen, in denen wir Angst um Anna bekommen, wenn Frida sie mit in den Wald nimmt, oder mit ihr im See herum­tollt.

Die Gemüts­lage des Mädchens ist so einzig­artig insze­niert, dass wir mit jeder Sekunde ihre Verzweif­lung spüren und jeden ihrer Schritte nach­voll­ziehen können. Eine fein beob­ach­tete psycho­lo­gi­sche Bezie­hungs­kon­stel­la­tion zwischen vier Menschen macht den Film zu einer span­nenden Versuchs­an­ord­nung. Durch­ge­hend erzählt aus Fridas Sicht, die sich nicht nur an ihre neue Familie gewöhnen muss, sondern auch in der Natur ungeahnte Heraus­for­de­rungen findet. Der Lärm der Land­schaft klingt anders als der Krach der Stadt, und der Film hütet sich davor, diese Geräusch­ku­lisse mit Musik zuzu­kle­is­tern. Eine archai­sche Natur, Freiheit soweit die Füße tragen und Tante und Onkel, die ihr Bestes geben, um der Nichte den Neustart in ein neues Leben so leicht wie möglich zu gestalten.

Das ist psycho­lo­gisch äußerst klug konstru­iert und, wie man erfährt, offen­sicht­lich selber erlebt, denn die Regis­seurin Carla Simón widmet den Film ihrer Mutter. Fridas Sommer hat seine deutsche Premiere auf der Berlinale in der Sektion Kplus gefeiert, wo er den Jurypreis für den besten Erst­lings­film und den großen Preis der Inter­na­tio­nalen Jury erhielt und neben drei Goyas in Spanien wurde er noch mit unzäh­ligen weiteren Preisen bedacht. Ein Film im besten Sinne zwischen den Gene­ra­tionen, der für Kinder glei­cher­maßen spannend ist, wie für Erwach­sene, weil er eine sehr persön­liche Sicht auf ein einschnei­dendes Ereignis in der Kindheit der Regis­seurin erzählt.