Skip to content

Review

Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

„Seid bereit – immer bereit“

Spannend, unterhaltsam, universell – für Kinder als auch Erwachsene

„Seid bereit – immer bereit“

Das war die Gruß­formel der Jungen Pioniere. Ihre Losung prangt in Fritzis Klasse auf der Tafel. Die Bürger*Innen der DDR, die mit ihr aufge­wachsen sind, sollten stets bereit dafür sein, Unrecht zu verhüten. Doch die Geschichte zeigt ständig: Das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.

Jubiläen sind auch so eine zwei­schnei­dige Ange­le­gen­heit. Der Blick zurück erklärt uns, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist. Die Geschichte soll uns helfen, die Fehler der Vergan­gen­heit nicht zu wieder­holen. Bei solchen Produk­tionen mit „Bildungs­auf­trag“ sind die mora­li­schen Urteile von vorn­herein gefällt. Die Rollen zwischen Guten und Bösen klar verteilt. Dementspre­chend fallen künst­le­ri­sche Leistung und Unter­hal­tungs­wert mau aus.

Im Jahr 1989, also vor 30 Jahren, fiel die Mauer zwischen Ost- und West­berlin und damit die Grenze zwischen der BRD und der DDR. Bücher, Artikel, Dokus und Event-Filme über ihr Ende häufen sich wie Lebkuchen und Schoko-Weih­nachts­männer zur Weih­nachts­zeit. Manchmal jedoch sticht ein Buch oder ein Film über die voraus­seh­bare Masse der Event­film­pro­duk­tionen hinaus. Selten über­strahlt er sogar das Event bzw. sein Jubiläum, so wie Fritzi – Eine Wende­wun­der­ge­schichte.

Zu den Gründen, die zu so diesem großar­tigen Ergebnis führten, gehört natürlich die lite­ra­ri­sche Vorlage. Das Jugend­buch FRITZI WAR DABEI stammt von Hanna Schott. Die Illus­tra­tionen von Gerda Raidt. Als die beiden schrieben und zeich­neten, dachten sie kaum an irgendein Jubiläum, das gefeiert werden muss. Sie erfanden die Geschichte eines jungen Mädchens, Fritzi, das die letzten Monate vor dem Mauerfall miterlebt.
Der Dreh­buch­au­torin, Beate Völcker und ihrem Co-Autor Peter Péter Palátsik ist es zu verdanken, dass Fritzi in der Verfil­mung nicht nur eine passive Zuschauerin der histo­ri­schen Ereig­nisse ist. Sondern eine Heldin, die lernt, sich einmischt und mutig handelt, obwohl sie noch ein Kind ist.

In der Diskus­sion über Filme, die nach dem Ende der DDR das Leben im selbst ernannten „Arbeiter-und-Bauern­staat“ zeigen, hört man immer wieder, die meisten seien von Wessis gemacht. Deshalb präsen­tierten sie nur die westliche Perspek­tive. Dieses Dilemma haben die Produ­zenten quasi salo­mo­nisch gelöst. Die Regie wurde von einem Duo über­nommen. Ralf Kukula wuchs in der DDR auf. Matthias Bruhn in der BRD.
Nun, wenn künst­le­ri­sche, perso­nelle Entschei­dungen durch die Quote entschieden werden, fällt das Ergebnis meistens gerecht aus aber auch enttäu­schend. Anders bei diesem Film. Den Regis­seuren ist es kongenial gelungen, das Drehbuch spannend und unter­haltsam zu verfilmen. Als auch, sozusagen nebenbei, die drama­ti­schen, poli­ti­schen Ereig­nisse. Fritzis persön­liche Abenteuer und die Geschichte der DDR gipfeln in einem mitreißenden Höhepunkt, der Öffnung der Berliner Mauer.

Bei so viel Begeis­te­rung liegt die Vermutung nahe, dass es nichts mehr zum Loben gibt. Doch es gibt noch mehr. Fritzi ist ein Zeichen­trick­film. Norma­ler­weise versuchen sich Anima­ti­ons­filme gegen die über­mäch­tige Konkur­renz der Realfilme zu behaupten, in dem sie schneller, schriller, lauter und bunter sind. Anstatt mit den Stärken ihrer Gattung zu wuchern. Die Animation bietet nämlich ganz besondere Möglich­keiten, Charak­tere zu poin­tieren, ohne sie zu verraten. Sowie Ereig­nisse zu verdichten, ohne die Realität zu verbiegen. Auch das ist den Story­boar­dern, Designern, Layoutern, Anima­toren, Sprechern und Musikern gelungen. Fritzi verführt den Zuschauer durch genau das Tempo, die Laut­s­tärke und Farben, die so eine Wende­wun­der­ge­schichte braucht. Dank des moderaten Einsatzes aller Stil­mittel ist FRITZI ein feiner Film geworden und kein effekt­hei­schendes Produkt, bei dem die Marke­ting­ab­tei­lung das letzte Wort hatte.
Nein, die Lobes­hymne ist noch nicht zu Ende. Obwohl Fritzi in Deutsch­land spielt und von Deutsch­land handelt, ist seine Geschichte univer­sell. Sie wird überall Zuschauer rühren und mitreißen, wo Kinder anfangen, die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Und wo Erwach­senen dämmert, dass die Wahr­heiten, mit denen sie aufge­wachsen sind, schöne Lügen waren.