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Review

Furiosa: A Mad Max Saga

Sündenfall & Höllenfahrt

Filmszene »Furiosa: A Mad Max Saga«
Im Angesicht des Bösen... (Foto: Warner)

Sündenfall & Höllenfahrt

In George Millers Prequel zu »Mad Max: Fury Road« liegt die Dystopie in Bibelhänden – doch bollerndes Benzingebrumm und brillant choreografierte Gewalt bugsieren den christlichen Plot überzeugend in die Zukunft

Wer sich schon vor neun Jahren gefragt hat, was Altmeister George Miller mit der cleanen Fort­set­zung seiner legen­dären, schmut­zigen drei­tei­ligen Mad-Max-Reihe (1979-1985), mit dem episch-toll­kühnen Mad Max – Fury Road eigent­lich im Sinn hatte, der sich ja von allem eman­zi­pierte, was einmal war, von Mel Gibson als Haupt­dar­steller zual­ler­erst und dem ganzen herr­li­chen B-Movie-Schmutz von damals, der sollte sich unbedingt auf Furiosa: A Mad Max Saga einlassen. Denn schon 2015 hatte Miller ja nach 15 Jahren Vorarbeit ein Szenario entworfen, das bereits die Vergan­gen­heit der Zukunft beinhal­tete, erklärte Miller seiner Haupt­dar­stel­lerin Charlize Theron ihre Rolle der Impe­ra­torin Furiosa nicht nur mit gegen­wär­tigem Plot­ge­plänkel, sondern mit akri­bi­schen Szenen aus ihrer Vergan­gen­heit, denn nur wenn du weißt, wer du warst, kannst du spielen, wer du bist.

Doch in dem eine Woche vor Kinostart in Cannes urauf­ge­führten Prequel geht es nicht nur um die Vergan­gen­heit der Zukunft, sondern viel mehr um die Welt als Ganzem, bzw. dem, was von der Welt noch übrig ist. Anders als die Anfänge dieses Fran­chises im Jahr 1979 mit Mad Max, in dem eher skizzen- und comic-artig von den Über­gängen von Zivi­li­sa­tion und dysto­pi­schem Wahnsinn erzählt wird, ist George Miller mit der Fort­set­zung seines Tripty­chons 30 Jahre später am Ende der Zivi­li­sa­tion ange­kommen, in einer Zeit, in der sogar die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausgelöscht ist.

Das schien jeden­falls nach Fury Road der Fall zu sein. In Furiosa, einer Zeitreise in die Kindheit der späteren Impe­ra­torin Furiosa, dürfen wir aller­dings erfahren, dass die Hoffnung auch in dieser Zeit zuletzt stirbt, dass sich der Gedanke der ewigen Wieder­kehr auch in diesem Endzeit­sze­nario mani­fes­tiert. Denn die Mensch­heit scheint es ein weiteres Mal geschafft zu haben, das eigene Betriebs­system neu zu starten, und mit nichts anderem als dem Anfang der mensch­li­chen Geschichte hoch­zu­fahren. Einer para­die­si­schen Enklave, in der Menschen um das Böse da draußen wissen, in dem aller­dings eine fried­liche Koexis­tenz versucht wird. Bis es wie im bibli­schen Paradies zum Biss in den verbo­tenen Apfel kommt und Eva aka Furiosa, die als junges Mädchen von Aylala Browne verkör­pert wird, für ihr Pflücken der verbo­tenen Frucht aus dem Paradies verstoßen wird und als Jugend­liche – nun von einer beein­dru­ckenden Anya Taylor-Joy gespielt – nur mehr von der Rückkehr ins Paradies träumt, während sie von einer Hölle in die nächste weiter­ge­reicht wird.

Diese Träume eines jungen Mädchens sind Träume in einer Welt des absoluten Horrors, in der es nur mehr um Terri­to­rial- und Rohstoff­ge­winne geht, um den mensch­li­chen Wahnsinn am Laufen zu halten. Also auch ein bisschen absolute neoli­be­rale Gegenwart. Der »Vorstands­vor­sit­zende« des entmensch­lichten Wahnsinns heißt hier Dementus, und wird so durch­ge­knallt irre von Chris Hemsworth durch­de­kli­niert, wie man es sich in seinen kühnsten Albträumen wünscht. Und um auch hier ein wenig biblische Drei­ei­nig­keit zu schaffen, gibt es eine Dritten im Bund, gibt es Prae­to­rian Jack (Tom Burke), der die junge Furiosa irgend­wann unter seine Fittiche nimmt, um sie zu retten und zu dem zu machen, was sie irgend­wann sein wird.

Diese Triade ist das eigent­liche drama­ti­sche Element des Films, ein Element, das sehr erratisch, ohne eine klare Handlung, entwi­ckelt wird. Man muss sich das vielmehr wie eins der Höllen­ge­mälde von Hiero­nymus Bosch vorstellen, wie etwa sein um 1500 herum fertig­ge­stelltes Gemälde Die Hölle, in das ein Betrachter ähnlich versinken kann wie in Millers Furiosa. So wie bei Bosch gibt es keine linearen Hand­lungen, sondern »Hand­lungs­bal­lungen«, Extreme des Höllen­leids, die in einzelnen, nur vage zusam­men­hän­genden Moment­auf­nahmen darge­stellt werden.
Bei Miller sind das großartig choreo­gra­fierte Action-Sequenzen mit bril­lanten, völlig irren Stunts, die die frag­men­tierten »Tribes« und die Helden von einem Leidens­extrem ins nächste stürzen. Diese Leidens­sze­na­rien sind dann auch tatsäch­lich so fanta­sie­voll ausgemalt wie bei Bosch, und auch hier nicht nur symbo­lisch biblisch unterlegt.

Das erinnert gerade durch den auch hier nicht mehr exis­tie­renden Messias stark an den vor zwei Wochen gestar­teten neuesten Planet der Affen: New Kingdom, in dem sogar das Prinzip Hoffnung, dass es wenigs­tens die Affen besser als die Menschen machen, dekon­stru­iert wird.
So wie bei Hiero­nymus Bosch ist dies auch in den Dystopien unserer Gegenwart eine nur allzu konse­quente Hand­lungs­ent­wick­lung. Denn was für die Menschen des Mittel­al­ters die Angst vor dem Jenseits war, ist für die Mensch­heit von heute die Angst vor der Zukunft, und die filmische Dystopie von heute dabei genauso eine Hand­lungs­an­wei­sung wie die Gemälde von Bosch für die Menschen des Mittel­al­ters: lasse von deinem sündigen Lebens­wandel ab und führe ein tugend­ge­mäßes Leben, um dich und die Mensch­heit vor den entsetz­lichsten Qualen zu retten.

Darum geht es dann schluss­end­lich auch in Furiosa, findet Miller für das Coming-of-Age seiner Heldin grotes­keste Bibel­ex­egesen, um der Tugend auf den Weg zu helfen und das Böse zu bannen. Allein die Strafe für Dementus – einen neuen bibli­schen Para­dies­baum aus seinem Gemächt wachsen zu lassen – ist so ver-rückt wie über­ra­schend und zeigt natürlich, dass Bibel ohne Post­mo­derne nicht mehr geht, dass selbst das Paradies die dunklen Seiten des Menschen illu­mi­nieren muss.

Wie in allen großen Opern darf man also auch bei Miller in Gedanken umher­schweifen, sollte aber keines­falls vergessen, sich an der opulenten Choreo­grafie und den exzel­lenten »Sängern« zu ergötzen, die auf ihren stin­kenden Teufels­ma­schinen durch die Weiten der Wüsten hämmern, und dem schnöden, geleckten E-Auto-Boom die Zunge hinaus­stre­cken, um in eine Zukunft hinein zu brausen, vor der wir vor Lust nur so erschauern.