Review
Gavagai
Wer spricht für wen?
Wer spricht für wen?
Ulrich Köhler gelingt ein vielschichtiges Spiegelkabinett über Kunst, Aneignung und die strukturelle Unmöglichkeit des Verstehens. Und ein Film, der auch zeigt, wie moralische Gewissheiten in globalen Machtverhältnissen entstehen
Ulrich Köhlers Kino war nie eines der schnellen Gewissheiten. Seit seinem Debüt Bungalow (2002) bewegt er sich in jenem präzisen Zwischenraum aus Beobachtung und Irritation, der immer wieder gern als »Berliner Schule« gelabelt wurde. Mit Gavagai treibt er dieses Verfahren auf eine selbstreflexive Spitze und in einen Film hinein, der nicht nur von Missverständnissen erzählt, sondern sie strukturell produziert und sich dabei auch noch unablässig selbst beobachtet.
Schon der Titel, entlehnt dem sprachphilosophischen Gedankenexperiment von Willard Van Orman Quine, setzt in Köhlers Film die prägende Tonalität, denn »Gavagai« bezeichnet nichts anderes als die Unmöglichkeit, Bedeutung eindeutig zu fixieren. Was ist ein »Kaninchen«, wenn wir nicht wissen, ob der andere damit das Tier, seine Teile oder nur eine momentane Erscheinung meint? Köhler überträgt diese epistemologische Unschärfe auf ein Geflecht aus Kunstproduktion, postkolonialen Machtverhältnissen und intimen Beziehungen. Kommunikation wird hier nicht gestört, sie ist von Anfang an strukturell prekär.
Der Film im Film – eine Medea-Adaption im Senegal – fungiert dabei als Labor. Dass ausgerechnet Medea, die radikal Fremde, zur Projektionsfläche wird, ist natürlich kein Zufall. Die Konstellation ist doppelt gebrochen: Eine weiße Regisseurin appropriiert einen europäischen Mythos im afrikanischen Kontext, während Köhler als weißer deutscher Regisseur diese Appropriation wiederum inszeniert. Diese Spiegelung erzeugt jene »Hall of Mirrors«, von der man hier nicht metaphorisch, sondern sogar strukturell sprechen kann.
Und gerade hier gewinnt eine Perspektive an Schärfe, die über den Film hinausweist. In seinem Essay Das afrikanische Theater und die westlichen Klassiker argumentiert Hamed Ben Mohamed Mahdawi, dass kulturelle Aneignung längst keine Einbahnstraße mehr ist. Afrikanische Theatermacher greifen seit Jahrzehnten auf westliche Stoffe zurück, transformieren sie, setzen sie in lokale Kontexte und kehren dabei die Blickrichtung um: Nicht mehr der Westen eignet sich das »Fremde« an, sondern das vermeintlich »Periphere« nimmt sich die kanonisierten Texte und schreibt sie um. Diese Praxis ist oft freier, weniger durch Schuld- und Legitimationsdiskurse belastet; gerade weil sie sich nicht permanent rechtfertigen muss.
Köhlers Film reflektiert genau diese Verschiebung, allerdings in einer bewusst komplizierten Brechung. Denn hier ist es eben nicht ein senegalesisches Ensemble, das sich Medea aneignet, sondern eine europäische Regisseurin, die diese Aneignung organisiert und rahmt. Die scheinbare Umkehrung bleibt also vermittelt, kontrolliert, vielleicht sogar domestiziert. Der Film legt damit den Finger auf den auch im Film so benannten »Elefanten im Raum«: Selbst dort, wo Diversität und Öffnung behauptet werden, bleiben die strukturellen Machtachsen oft erstaunlich stabil.
Was am Set geschieht, ist weniger Handlung als Verdichtung: Hierarchien, subtile und offene Rassismen, Klassendifferenzen, das permanente Aneinander-Vorbeireden. Der Mikrokosmos Filmproduktion wird zum Modell einer globalisierten Gegenwart, in der moralische Positionen stets schon in asymmetrische Machtverhältnisse eingebettet sind. Erinnerungen an Bruce Chatwins Beschreibung der Dreharbeiten von Cobra Verde – an den Wahnsinn eines kolonial codierten Drehs – sind dabei wohl nicht zufällig. Doch wo Herzog ins Exzessive driftete, bleibt Köhler kühl, fast sezierend.
Zentrum dieser Versuchsanordnung ist die Beziehung zwischen Maja (Maren Eggert) und Nourou (Jean-Christophe Folly). Ihre Affäre wirkt weniger wie ein emotionaler Kern als wie ein weiteres Experimentierfeld: Wer interpretiert hier wen? Wer spricht für wen? Wer glaubt, das »Richtige« zu tun und reproduziert dabei genau jene Strukturen, die er zu überwinden meint? Wenn Maja Nourou in Berlin »rettet«, nachdem ein Sicherheitsbeamter ihn rassistisch behandelt hat, verschiebt sich das Machtgefüge sofort: Hilfe wird zur Geste der Überlegenheit, moralische Klarheit zur neuen Blindheit. Und in all das dringt natürlich immer wieder auch der Hypotext der Medea ein, eröffnet Schnittmengen, schließt aber auch offene Räume.
Köhler interessiert sich nicht für Auflösung. Im Gegenteil: Die Eskalation auf der Pressekonferenz – ein fast schon satirischer Kulminationspunkt – zeigt, wie jede Position sofort in ihr Gegenteil kippt. Whitewashing, Blackwashing, moralische Selbstvergewisserung: Jede »Blase« produziert ihre eigene Wahrheit, ohne dass eine verbindliche Perspektive entsteht. Der Film verweigert die bequeme Identifikation ebenso wie die einfache Kritik.
Bemerkenswert dabei ist, wie konsequent Gavagai seine Metaebenen offenlegt. Wenn eine Figur fragt: »Magst du unseren Film? Vielleicht etwas zu verkopft…«, ist das keine ironische Brechung, sondern eine Selbstdiagnose. Der Film zitiert sich selbst, kommentiert seine eigene Überdeterminiertheit und macht genau daraus seine ästhetische Strategie. Das vermeintlich »Verkopfte« ist hier kein Defizit, sondern Methode. Denken wird hier zur Form.
Dabei bleibt Köhler erstaunlich präzise in der Inszenierung des Unbehagens. Kleine Gesten, etwa ein Blick, ein Nicht-Reagieren, ein übersehener Nebendarsteller, tragen mehr Bedeutung als jede explizite Aussage. Die Kamera beobachtet, ohne zu bewerten, wodurch dann auch die uneindeutige, produktive Spannung entsteht, weil der Zuschauer gezwungen wird, die Leerstellen selbst zu füllen, ahnend, dass jede Deutung prekär bleibt, prekär bleiben muss.
So ist Gavagai letztlich weniger ein Film über Kolonialismus, Kunst oder Moral als über die Unmöglichkeit, diese Themen eindeutig zu verhandeln. Er entlarvt die Mechanismen moralischer Selbstgewissheit, ohne selbst in Zynismus zu verfallen. Die Unsicherheit wird nicht aufgelöst, sondern als Erkenntnisform ernst genommen.
Man kann das natürlich anstrengend finden. Man kann es, wie der Film selbst vorschlägt, »zu verkopft« nennen. Doch gerade in dieser insistierenden Reflexivität liegt die eigentliche Stärke, die Wucht, dieser filmischen Versuchsanordnung. Gavagai ist kein Film, der Antworten gibt, sondern vielmehr ein Film, der zeigt, warum es Antworten manchmal nicht geben kann, mehr noch: nicht geben darf.