Skip to content

Review

Gelbe Briefe

Alles wird gut

Gelbe Briefe
Eine bitterernste Gegenwartsdiagnose... (Foto: Alamode)

Alles wird gut

In seinem Berlinale-Gewinnerfilm »Gelbe Briefe« erzählt İlker Çatak vom Zerbrechen einer Künstlerfamilie im Schatten autoritärer Macht. Ein kluges, nicht immer ganz organisches Drama über Angst, Loyalität und Selbstverrat

Die Beschrän­kung künst­le­ri­scher Freiheit in der unter Recep Tayyip Erdoğan zunehmend auto­ri­tären Türkei ist kein eruptives Ereignis gewesen, sondern ein sedi­men­tierter Prozess; einer, der sich über Jahre in Gerichts­akten, Entlas­sungs­schreiben und stillen Droh­ge­bärden abge­la­gert hat. Ersin Karabulut hat diesen Prozess im ersten Band seiner Graphic-Novel-Reihe Das Tagebuch der Unruhe als auto­bio­gra­fi­sche Chronik beschrieben: als Geschichte eines Kari­ka­tu­risten, der seinem Vater einst versprach, niemals politisch zu zeichnen – aus Angst vor Repres­sion. Dass er dieses Verspre­chen brach, wurde zur künst­le­ri­schen Notwen­dig­keit. Karabulut erzählt von der Blüte der türki­schen Satire seit den 1980er Jahren und ihrem Nieder­gang im Gleich­schritt mit Erdoğans Macht­kon­so­li­die­rung. Mit Witz, mit Bitter­keit – und mit der fast surreal anmu­tenden Erin­ne­rung daran, dass Erdoğan einst sogar zwei Sati­re­ma­ga­zine verklagte und die Prozesse verlor. Ein Detail, das heute wie eine Parabel aus einer versun­kenen Epoche wirkt.

Von diesen Zeiten ausufernden Humors ist in İlker Çataks neuem Film Gelbe Briefe nichts mehr zu sehen, denn Gelbe Briefe (türkisch: »Sarı Zarflar«) ist kein sati­ri­scher Rückblick, sondern eine bitter­ernste Gegen­warts­dia­gnose, ja fast schon eine Versuchs­an­ord­nung. Es ist ein Film, der seine Figuren unter ideo­lo­gi­schen Druck setzt, um zu zeigen, was in Bezie­hungen zerbricht, wenn der Staat in das Intimste hinein­re­giert.

Im Zentrum stehen Derya (Özgü Namal), eine gefeierte Schau­spie­lerin am Staats­theater, und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer), Drama­tiker und Univer­si­täts­pro­fessor. In seinem neuen Stück spielt Derya die Haupt­rolle. Während der Premiere klingelt im Zuschau­er­raum das Handy des Gouver­neurs, ein Moment der Respekt­lo­sig­keit, der das Macht­ge­fälle schlag­artig offenlegt. Das Publikum feiert dennoch, doch hinter der Bühne kippt die Stimmung. Derya verwei­gert dem Gouver­neur nach der Vorstel­lung das gewünschte Foto. Eine Geste der Selbst­ach­tung, aber auch der Auslöser zu einer Ketten­re­ak­tion.

Am nächsten Morgen animiert Aziz seine Studie­renden zur Teilnahme an einer Frie­dens­de­mons­tra­tion. Kurz darauf werden sämtliche Dozenten seines Fach­be­reichs unter formalen Vorwänden suspen­diert: angeblich wegen zu geringer Wochen­stunden, angeb­li­chen Verlet­zungen von Persön­lich­keits­rechten; Kurse werden gestri­chen und Verträge aufgelöst. Auch Aziz’ Stück wird abgesetzt. Ensem­ble­mit­glieder geben Derya indirekt die Schuld. Der private Raum wird porös: Der Vermieter berichtet, die Polizei habe das Haus ins Visier genommen; man vermiete angeblich an »Verräter« und »Terro­risten«. Und über allem steht dann plötzlich auch die Frage: Wie erklärt man das der jugend­li­chen Tochter Ezgi, die sich bislang kaum für die Arbeit ihrer Eltern inter­es­sierte?

Çatak insze­niert diese Eska­la­tion nicht mit spek­ta­kulären Bildern, sondern mit struk­tu­rellen Setzungen. Ankara wird in Berlin gedreht, Istanbul in Hamburg. Deutsche Altbauten stehen für türkische Insti­tu­tionen. Wenn an einer Berliner Fassade plötzlich »Gott steh uns bei« prangt, verschiebt sich der Reso­nanz­raum. Das vermeint­lich Nationale wird entgrenzt, die Krise als univer­selles Modell lesbar. Die Schrift­ein­blen­dungen, die die Orts­ver­la­ge­rung offen­legen, wirken wie ein bewusster Verfrem­dungs­ef­fekt – ein Echo auf Bertolt Brecht. Distanz schafft Erkenntnis.

Diese ästhe­ti­sche Entschei­dung ist umso bemer­kens­werter, als Gelbe Briefe ursprüng­lich als vergleichs­weise kleines Projekt geplant war. Çatak und Produzent Ingo Fliess stellten das Vorhaben bereits 2022 mit beschei­denem Budget beim Berlinale Co-Produc­tion Market vor. Erst der inter­na­tio­nale Erfolg von Das Lehrer­zimmer, der bis zur Oscar-Nomi­nie­rung führte, verschaffte dem neuen Film größere Aufmerk­sam­keit. Beim Marché du film in Cannes 2024 wurde das Drehbuch dann in mehrere Länder verkauft. Aus einer zurück­hal­tend kalku­lierten Produk­tion wurde ein Film mit inter­na­tio­nalem Erwar­tungs­druck. Viel­leicht erklärt das dann auch die stärkere program­ma­ti­sche Zuspit­zung.

Denn Gelbe Briefe ist Çataks bislang poli­tischster Film – und der erste ohne seinen lang­jäh­rigen Dreh­buch­partner Johannes Duncker, der noch Das Lehrer­zimmer und Es gilt das gespro­chene Wort mitver­fasst hatte. Wo jene Arbeiten ihre mora­li­schen Dilemmata aus Ambi­va­lenzen entwi­ckelten, wirkt Gelbe Briefe entschie­dener, direkter, akti­vis­ti­scher.

Seine größte Stärke liegt in der Darstel­lung der Mikro-Erosion. Çatak inter­es­siert nicht das Spektakel der Repres­sion, sondern ihr Einsi­ckern in den Alltag. Das Verstummen beim Abend­essen. Die gereizte Ungeduld Aziz’, der sich vom liberalen Intel­lek­tu­ellen zum auto­ri­tären Vater verschiebt. Die Loya­li­täts­kon­flikte im Ensemble. Kunst erscheint hier nicht als Heils­ver­spre­chen, sondern als prekärer Raum der Selbst­be­fra­gung. Die Film-im-Film- und Thea­ter­szenen stellen die Frage, ob Theater die Welt retten könne, doch Çatak verwei­gert eine affir­ma­tive Antwort.

Und doch wird in der fami­liären Zuspit­zung immer wieder die Versuchs­an­ord­nung sichtbar. Der Konflikt um Ezgi gerät einen Moment lang zu deutlich konstru­iert, der Wandel Aziz’ ist zu abrupt, wird nicht erspielt, sondern behauptet. Als benötige das Drehbuch eine zusätz­liche drama­tur­gi­sche Verdich­tung, um die These unmiss­ver­s­tänd­lich klar zu machen. Hier verliert der Film an orga­ni­scher Geschlos­sen­heit; er wirkt weniger rund als Das Lehrer­zimmer, er ist weniger subtil in seinen Über­gängen.

Das ändert jedoch nichts an der Präzision der Diagnose. Gelbe Briefe zeigt, wie poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung Bezie­hungen defor­miert – nicht als Ausnah­me­zu­stand, sondern als schlei­chenden Normal­fall. Der Film verwei­gert Exotismus und verortet die türkische Krise im europäi­schen Stadtraum. Er macht sichtbar, dass die Mecha­nismen der Einschüch­te­rung, der Denun­zia­tion, der Selbst­zensur keine regio­nalen Sonder­fälle sind.

Dass der Film mit dem Goldenen Bären ausge­zeichnet wurde, erscheint vor diesem Hinter­grund folge­richtig. Prämiert wurde nicht der makel­lo­seste, beste Film des Wett­be­werbs – der in meinen Augen We Are All Strangers von Anthony Chen war – sondern jener, der ästhe­tisch tragfähig und politisch anschluss­fähig zugleich war. Gelbe Briefe mag nicht voll­kommen sein, aber er ist notwendig. Und in Zeiten, in denen gelbe Umschläge über Karrieren und Biogra­fien entscheiden, ist das viel­leicht das stärkere Argument.