Review
Geliebte Köchin
Wovon man nicht sprechen kann, das muss man essen
Wovon man nicht sprechen kann, das muss man essen
Trần Anh Hùng folgt in seinem preisgekrönten Schlemmerfilm souverän großen Traditionen, ohne dabei eskapistisch zu sein – diskursives Kochen und Essen par excellence
Trần Anh Hùng dürfte zumindest den älteren Generationen deutscher Kinobesucher ein Begriff sein, war seine 1993 erschienene Ode Der Duft der grünen Papaya auf das einfache Leben im Vietnam der 1950er Jahre doch nicht nur in Cannes ein großer Erfolg.
Auch Hùngs Geliebte Köchin war in Cannes erfolgreich und wurde mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet und statt Anatomie eines Falls von Frankreich konsequent ins Oscar-Rennen geschickt, schied dort aber in der letzten Vorrunde aus.
So wie in Der Duft der grünen Papaya ist auch in Geliebte Köchin das Essen ein zentraler Bestandteil der Inszenierung, im Fall von Geliebte Köchin ist sie jedoch nicht nur zentral, sondern allumfassend. Und es ist auch nicht mehr Vietnam, an dem sich Hùng noch in Cyclo (1995) und THE VERTICAL RAY OF THE SUN (2000) abgearbeitet hat, sondern wie schon in seinem letzten Film ETERNITY (2016) ist es das Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Hùngs Film ist ein Film über das Essen, das hier sogar immer wieder die Dialoge ersetzt und deutlich macht, dass Sprache nicht immer nur gesprochenes Wort sein muss, sondern über andere Akte ersetzt werden kann, in diesem Fall das Kochen und das Essen. Das ist auf spielerische Weise ganz nah an Ludwig Wittgensteins Satz aus seinem Tractatus – »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen« – ist aber hier natürlich keine Kritik an philosophischen Diskursen an sich.
Vielmehr stellt Hùng eine ganz andere Frage. Zentral inszeniert er zwar eine unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen Eugénie (Juliette Binoche), die seit 20 Jahren als Köchin für den berühmten Gastronomen Dodin (Benoît Magimel) arbeitet, eine Arbeitssymbiose, von der allein gute Freunde und ausgewählte Besucher profitieren, die zu den üppigen Schlemmereien eingeladen werden und ganz selten über etwas anderes reden als über die aufgetischten Köstlichkeiten. Dass Liebe allerdings auch durch den Magen geht, um ein abgegriffenes Sprichwort zu zitieren, erfahren auch Eugénie und Dodin, ringen aber auf sehr ungewöhnliche Weise um die Hoheitsrechte dieser Beziehung und auch das, wie schon erwähnt, sehr selten verbal, sondern vielmehr über die gekochten Gerichte. Essen als Dialog.
Die Inszenierung dieser Kocheinheiten hat bei einem Regisseur wie Trần Anh Hùng natürlich nichts mit der TV-Alltagskochkunst einer Küchenschlacht zu tun, sondern orientiert sich an den großen Klassikern dieses Genres, an Gabriel Axels wunderbarem Babettes Fest, Lasse Hallströms Chocolat, Juzo Itamis Tampopo und gerade in Bezug auf die fast schon suizidale Genusssucht der eingeladenen Gäste auch an einem großen, anarchischen Klassiker wie Marco Ferreris Das große Fressen. Aber nach all den vielen, kleinen ausgestreuten Brosamen, die wir Hänsels und Gretels aufsammeln dürfen, ist Hùng am Ende dann doch ganz bei sich, ist eben nichts Anarchisches in seinem Film, sondern viel mehr das Gegenteil.
Wie in Der Duft der grünen Papaya scheint auch in Geliebte Köchin Hùng das politische Zeitkolorit nicht zu interessieren. In Der Duft der grünen Papaya war das schon mit der Kolonialzeit so; in Geliebte Köchin ist es so mit der Belle Epoque. Dabei hätte Hùng ja allen Grund dazu, waren die Jahrzehnte seit den 1880er Jahren doch das Zeitalter des Hochimperialismus, des europäischen Liberalismus und Kolonialismus, war ganz Europa von einem Drang zu überseeischer Expansionspolitik durchflutet.
Und das ist dann wohl auch die Frage, die Hùng uns stellt und auf die ich vor ein paar Absätzen schon zu sprechen kam. Denn so wie damals ist auch unsere Zeit von einer (neo-) liberalen Expansionspolitik durchtrieben, wird an allen Ecken und Enden an der vermeintlichen Sicherheit gerüttelt. Was liegt da näher, es einfach mal anders zu versuchen und sich stattdessen des 1924 erschienenen Romans La vie et la Passion de Dodin-Bouffant Gourmet des Schweizer Schriftstellers Marcel Ruff anzunehmen, um zu zeigen, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als den in eben diesen Jahren, in dem der Film spielt, von Friedrich Nietzsche formulierten Willen zur Macht zu goutieren.
Man könnte das natürlich auch als radikal eskapistisch bezeichnen. Aber das ist es in meinen Augen nicht, dafür gibt Hùng – anders als Wim Wenders in seinen weltabgewandten Perfect Days – seinem Personal zu viel Charakter und Handlungswillen für ein selbstbestimmtes, glückliches Leben mit. Zu sehr konzentrieren sich nicht nur die Hauptcharaktere auf ihre eigene Unabhängigkeit, überlegen sich selbst die Eltern der neuen Küchengehilfin Pauline (Bonnie Chagneau-Ravoire), ob sie ihre Tochter in eine andere Gesellschaftsschicht ziehen lassen wollen. Ist Leben und Liebe immer Teil eines wichtigen Diskurses über das Leben und die Liebe selbst, der sich auch non-verbal kaum besser bewerkstelligen ließe. Sei es beim Frühstück und einer Eierspeise, die selbstverständlich mit Löffeln und nicht Gabeln zu sich genommen wird oder einem Gericht, in dem ein Kopfsalat eben nicht das ist, was er für die meisten ist, und Teil eines Gerichts wird, das das Leben, so wie es ist, bestätigt und doch äußerst sublim hinterfragt.