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Review

Geschichten hinter Wänden

Moralische Erzählung

Zarte Sinnlichkeit und Depression

Moralische Erzählung

Ein nicht mehr ganz junges Paar liegt im Bett. Die beiden, die offenbar nicht verhei­ratet sind, reden mitein­ander; durch ihr Gespräch ziehen sich Verweise auf ihre Oppo­si­tion zum westlich-kapi­ta­lis­ti­schen System der japa­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft, zeigt sich vor allem aber die melan­cho­li­sche Trauer um die private Vergan­gen­heit des Paares und um Versäum­nisse, die nicht wieder gut zu machen sind. An der Wand des Zimmers hängt ein Porträt von Joseph Stalin. Der Mann ist offenbar ein Strah­len­ver­letzter, und weil er nackt ist, sieht man seine schwä­rende Strah­len­wunde umso deut­li­cher. Die folgende Szene zeigt das Paar beim Sex und über­blendet auf Bilder aus Hiroshima und von Atom­ex­plo­sionen.

Die spannende Rezep­ti­ons­ge­schichte von Koji Waka­matsus Geschichten hinter Wänden ist ein Kapitel für sich. 1965 eröffnete er den Wett­be­werb der »Berlinale« und sorgte umgehend für einen heftigen Skandal. Sein­er­zeit sah man den Film, ganz im Gegensatz zum Auswahl­kom­mitee, selbst in weiten Teilen der Film­kritik als »speku­la­tiven Sex-Schocker« und ließ sich kaum auf die gegen­warts­kri­ti­schen Aspekte des Werks ein. Der Film startete zwar 1966, wurde aber indiziert und insofern nur unter dem Aspekt sexueller Tabu­brüche und den bekannten »Sex in Japan«-Klischees gesehen. Offenbar war die bundes­deut­sche Gesell­schaft 20 Jahre nach Kriegs­ende und zwei Jahre vor dem Beginn der Kultur­re­volte von 1968 sowie der ihr folgenden »Sexuellen Revo­lu­tion« für Waka­matsus Kombi­na­tion aus frei­zügigem Sex, linker Politik und Sozi­al­kritik noch nicht reif – oder aber, ganz in Gegenteil, gerade allzu reif für das provo­ka­tive Potenzial des Films, ähnlich wie das gleich­falls von Faschismus, Kriegs­nie­der­lage, Wirt­schafts­boom und US-ameri­ka­ni­scher Besatzung geprägte und massiv verän­derte Japan.

Als heraus­for­dernd wirkt im Rückblick weniger die – aus damaliger Perspek­tive viel­leicht sehr offene, aus heutiger Sicht eher scham­hafte und zurück­hal­tende – Darstel­lung der Sexua­lität als vielmehr die unver­klä­rende Darstel­lung des depres­siven Alltags der bürger­li­chen Gesell­schaft und der ihr inne­woh­nenden latenten Gewalt. Geschichten hinter Wänden verschränkt öffent­liche und private Geschichte, bietet ein Sitten­bild des modernen Lebens in Japan im Schatten von Hiroshima und Kaltem Krieg – und damit indirekt des Lebens in den technisch fort­ge­schrit­tenen, moralisch und politisch mit diversen inneren Wider­sprüchen kämp­fenden Gesell­schaften des Westens. Vor der erwähnten Eingangs­szene infor­miert ein ausführ­li­cher Vorspann im Stil einer (pseudo-)doku­men­ta­ri­schen Sozi­al­re­por­tage über »Japan – heute«. Dieser verweist auf die Anony­mität der Traban­ten­s­tädte einer verwal­teten Welt, auf »wachsende Unzu­frie­den­heit« und »die Gefahr einer sozialen Krise«. Der folgende Film zeige, so heißt es, das »Leben in den Wohn­ma­schinen, die heute das Gesicht der Städte in aller Welt prägen«. Den Titel erklären Garcia-Lorca-Zitate: »Es gibt Dinge, die hinter Wänden einge­sperrt sind und die sich nicht ändern können, weil niemand sie hört. Aber wenn sie plötzlich heraus­kämen und schrien, so würden sie das All erfüllen.«

Der eigent­liche Film spielt dann voll­s­tändig in einem modernen, viel­s­tö­ckigen Vororts­wohn­block. Dort lebt die alternde Ehefrau des Anfangs, die sich über ihre unglück­liche Ehe und allge­meine Frus­tra­tion durch das Verhältnis mit ihrem Jugend­freund tröstet – beide leiden unter dem Verlust ihrer Ideale. Die anderen Wohnungen sind mit Einsamen und Gleich­gül­tigen bevölkert. Allge­gen­wärtig sind eine depres­sive Grund­stim­mung, die Hoffungs­lo­sig­keit der Älteren und die soziale Kontrolle, unter der vor allem die jüngere Gene­ra­tion leidet. Das einzige, was für diese Gesell­schaft zu zählen scheint, ist Geld­ver­dienen und Karriere. Das zeigt sich besonders am Fall einer Familie, deren Sohn sich auf die Aufnah­me­prü­fung an der Univer­sität vorbe­reitet, und auf dessen zukünf­tige Karriere sich alle Hoff­nungen seiner Eltern richten. Doch statt zu lernen, verbringt er immer mehr Zeit damit, dass er Haus­nach­barn durch ein Fernrohr beob­achtet und versucht, die Geschichten hinter den Wänden zu erkunden. Am Ende entlädt sich der aufge­staute Frust zumindest einer Figur in Form eines blutigen Amoklaufs. Eher zufällig entstanden, verwan­delt dieser sich am Schluss in eine Meldung in der Zeitung und wird dadurch wieder allgemein.

Zuvor wird man Zeuge von Skizzen des Alltags, Moment­auf­nahmen aus Tristesse, Entfrem­dung und Ausweg­lo­sig­keit, die in ihrer Nüch­tern­heit, Lakonie und depres­siven Grund­at­mo­s­phäre der spät­exis­ten­zia­lis­ti­schen Zeit­stim­mung der 1960er-Jahre entspre­chen und mitunter an den Antonioni von L’avventura, L’eclisse und La notte erinnern – freilich erreichen sie visuell nur selten dessen Präzision. Die Bilder sind doku­men­ta­ri­scher gehalten, nehmen zwischen­durch selbst die Position des Voyeurs ein. Zugleich erzählt der Regisseur über weite Strecken dezent, in klarer, ruhiger Bild­sprache. Wie er seine Sicht auf die jüngere Geschichte seines Landes ins Symbol­hafte überführt, erweckt Bewun­de­rung. Trotz doku­men­ta­ri­scher Nüch­tern­heit imitiert er nie die doku­men­ta­ri­sche Haltung, verbindet glänzend Poesie und Verismus. Der hier­zu­lande fast unbe­kannte Regisseur Koji Wakamatsu, Jahrgang 1936, gehörte bis zu seinem Tod letzte Woche zu den wichtigen Inde­pend­ents der japa­ni­schen Film­ge­schichte. Seit 1963 hat er ein Werk von über 100 Regie­ar­beiten geschaffen. Sie kreisen oft um das verein­samte Leben der Nach­kriegs­welt, zeigen Ausge­schlos­sene, die die Welt, die sie verachtet, mit Gewalt bekämpfen. So erscheint Geschichten hinter Wänden als zu Unrecht über­se­hener Klassiker des japa­ni­schen 1960er-Jahre-Kinos, zu dessen Wieder­ent­de­ckung sich jetzt die über­fäl­lige Chance eröffnet – ein sehens­werter und trotz des zeit­li­chen Abstands, der die heutige Zeit von der Situation im Jahr 1965 trennt, aktueller Film.