Skip to content

Review

Get Carter – Die Wahrheit tut weh

Es liegt kein Kohlen­staub in der Luft von Seattle.
Als Jack Carter noch Michael Caine hieß, da schien jedes Bild getränkt von Dreck, von Fins­ternis. Da klebte das Schwarz in jeder Pore. Carter trug den Tod nach Newcastle, in diese uralte Kapitale der Industrie, wo alles zu riechen schien nach dem dunklen Brenn­stoff, den man dort aus dem Boden schürfte. Und Carter, auf der Spur der Mörder seines Bruders, musste heraus­finden, dass da noch ganz andere, noch dunklere Geschäfte liefen, dass der wahre Rohstoff für gnaden­losen Kapi­ta­lismus der Mensch ist.
Fast genau dreißig Jahre später kommt ein anderer Jack Carter in die Haupt­stadt einer anderen Art von Industrie – nach Seattle, der Hochburg für Software und High-Tech. The more things change, the more they stay the same – die »New Economy« ist die »Old Economy« mit Webadresse. Auch in Seattle ein toter Bruder, auch in Seattle finstere Machen­schaften. Die Kinder­pornos sind jetzt auf Discs statt auf Super 8 – that’s all.
Aber es liegt kein Kohlen­staub in der Luft von Seattle.
Die Fassaden sind glatt und modern, und weil auch dieser neue Get Carter sich die Düsternis nicht nehmen lassen will, müssen die Regen­ma­schinen Über­stunden machen und Carter seine Runden meistens nachts drehen.

Das eine Jahr, das der Film gebraucht hat, um nach seinem Miss­er­folg an ameri­ka­ni­schen Kino­kassen doch noch den Weg auf deutsche Leinwände zu finden, hat ihn schon fast zu einem Histo­ri­en­film werden lassen. Und es ist schon eine Leistung, dass er nicht insgesamt lächer­lich wirkt, obwohl seine Fantasie vom unbe­grenzt mächtigen und reichen Internet-Startup-Chef nach dem Zusam­men­bruch der Neuen Märkte schon anmutet wie ein komischer Traum, aus dem wir alle erwacht sind.
Das verdankt Get Carter nicht zuletzt seiner Besetzung. Keinen Besseren als Sylvester Stallone hätte es geben können für diese Rolle. Es ist irgend­wann in den ‘80ern Mode geworden, Stallone zu unter­schätzen, ihn zur Witzfigur zu erklären. Dabei ist er einer der letzten großen, wahren ameri­ka­ni­schen Männer-Schau­spieler, einer, der die Fahne eines Mitchum, eines jungen Eastwood hochhält. Einer, der pure Präsenz, pure Physis an Stelle mimischer Vielfalt setzt. Er war immer die Antithese zu Schwar­ze­negger, der Cyborgs, Klone, Comic­fi­guren spielte – Stallones Körper war Natur-Körper gegenüber Arnolds Kunst-Leib. Und als die Action-Helden zunehmend in virtu­ellen Räumen zu operieren hatten, sank Stallones Stern – sein Sieg über die Mensch-Maschine Ivan Draco in Rocky V war schon nur noch nost­al­gi­scher Wunsch­traum.
Wer besser also als er, dessen adernüber­säte Oberarme dauernd aus dem Designer-Sakko zu platzen drohen, wer besser als dieses geballte Paket reiner Fleisch­lich­keit, um in das digitale Babylon von Seattle herein­zu­fahren in heiligem Zorn, aufzu­räumen im virtu­ellen Sünden­pfuhl. Und welch eine Freude, ihn dann auch noch in Konfron­ta­tion zu sehen zu einem anderen dieser Testo­steron-Gesteine, zu Mickey Rourke.

Es ist fast immer unfair, Remakes am Original zu messen. Es muss erlaubt sein, Geschichten wieder, neu, anders zu erzählen. Aber dieser Get Carter macht es einem – obwohl er sich offiziell nur auf den Roman beruft, nicht auf Mike Hodges Klassiker – so verdammt schwer, das Vorbild nicht stets auch mitzu­sehen. Das beginnt bei der Musik, die das Haupt­thema der briti­schen Version aufgreift um es mit elek­tro­ni­schen Beats fort­zu­spinnen: Schon im Vorspann wird der Wahr­neh­mungs­pro­zess so zu einem des ständigen Verglei­chens, der unab­lässig präsenten Differenz zu etwas anderem statt der Konzen­tra­tion auf etwas Eigent­li­ches. Von den weiteren Paral­lelen ist die Besetzung Michael Caines in einer Neben­rolle nur die offen­sicht­lichste.
Wer so bewusst und stetig den Vergleich aufmacht zu einem anderen Film-Text, der sollte dann aber auch etwas Eben­bür­tiges zu bieten haben. (Tim Burton beispiels­weise gelingt das in Planet of the Apes deutlich besser.) Dieser neue Get Carter aber begnügt sich mit einer dauernd zur Schau gestellten Moder­nität, die keine Tiefe hat, die geschmäck­le­ri­sche Ober­fläche bleibt. An den entschei­denden Punkten öffnet er stets nur inter­es­sante Perspek­tiven, verfolgt sie aber nie konse­quent genug. Da wird bereits zu Beginn auf dem Sound­track minu­ten­lang Moby gedudelt, ob’s passt ist gleich­gültig, Haupt­sache es ist aus den Charts und klingt nach »heute«. (Was es, das ist die Gefahr dabei, aber kaum länger als ein paar Monate tun wird.) Da wird mit jump cuts und verschie­denen hinter­ein­an­der­mon­tierten Takes der selben Einstel­lung gehubert, weil’s hip aussieht. Aber es wird nie zu Ende gedacht, was es bedeutet, in Seattle statt Newcastle zu sein, wirken die Unter­schiede der Orte, Länder, Zeiten eher wie zu bewäl­ti­gende und auf das Bekannte zurück­zu­füh­rende Stör­fak­toren denn als produk­tive Denk­an­s­töße.

Dieser Get Carter ist selbst zu sehr schon Produkt, Produkt einer Unter­hal­tungs-Industrie, die in ihren schwächsten Momenten stets nur auf Konsens-Lösungen aus ist. Der britische Get Carter hatte eine wortlose, mythische Klarheit und Größe, war gemeißelt wie grie­chi­sche Tragödie, auswegs- und kompro­misslos. Der ameri­ka­ni­sche bemüht sich nun doch, alles wieder ins Private, Konkrete, Gewohnte zurück­zu­holen, muss aus dem Prot­ago­nisten doch wieder eine Sympa­thie­figur machen – da braucht dann auch ein Jack Carter eine Vergan­gen­heit, rührende Gespräche über eine geschei­terte Ehe. Irgendwie ist halt doch immer eine schwere Kindheit an allem schuld.
Eine einzige Träne gab es 1971. Und was sie so bitter machte war, dass die Wut und Trauer über die Welt, aus der heraus Michael Caine sie vergoss, eigent­lich kein Mitleid mit den Opfern dieser Welt kannte, dass es letzlich eine ganz und gar egois­ti­sche Träne blieb, die ihm nur das Blutbad recht­fer­tigen sollte, das er dann folgen ließ.
2000 stehen nun Carter und seine miss­brauchte Nichte auf einem Dach in Seattle und quatschen eine tränen­er­stickte Szene zu Tode, die uns zu sagen hat, dass eben doch alles gut wird: Carter als mitfüh­lender Therapeut, und der alte ameri­ka­ni­sche Traum, dass es nichts gibt, was man nicht über­winden könnte; dass auch verge­wal­tigte Kinder noch etwas gewinnen können aus ihrer Erfahrung, wenn sie sie nur richtig verar­beiten.

Am Ende von Mike Hodges Get Carter-Version wurde der Prot­ago­nist (der nie ein Held war) selbst zum Abfall­pro­dukt eines Indus­trie­pro­zesses. No exit, no redemp­tion.
»Sure it does,« sagt Sly Stallone auf den Vorwurf »revenge doesn’t work,« und das wäre ein wunder­barer Film-Dialog, wenn er nicht dienen würde, ein viel feigeres, viel lang­wei­li­geres Ende zu recht­fer­tigen. Im Jahr 2000 in Amerika glaubt man wieder daran, dass einzelne Personen schuld sind am Schlechten in der Welt und nicht das System. Dass einer kommen kann und gezielt ein paar Menschen erschiessen und alles wird gut, weil das Symptom auch immer schon gleich die Krankheit selbst ist.
Man kann den Dreck abwaschen, fort­spülen, kann auf den Morgen warten und die Regen­ma­schinen abstellen, und es wird die Sonne scheinen und alles glänzen.
Denn es liegt kein Kohlen­staub in der Luft von Seattle.