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Review

Get Lucky – Sex verändert Alles

Aufklärung statt Porno

Entspannt, unvoreingenommen, korrekt

Aufklärung statt Porno

»Wie fühlst du dich? Nichts los. Nirgendwo läuft was. Ich fühl mich beschissen. Man kann sich auch suhlen in Einsam­keit und Lange­weile. Geh raus! Tritt dir mit dem Absatz in den Hintern. Unternimm was. ... Kino? Nein! Diskothek? Nein! Ausstel­lung? Nein! Irgendein Spiel? Nein! Jugend­zen­trum? Nein! Dann hol dir einen runter! Hast du schon?« – Günter Amendt, Das Sex-Buch (1979)

Dass in der Erziehung unseres Nach­wuchses mehr und mehr der »leich­teste« Weg gegangen wird, Eltern genauso wie große Unter­nehmen ihre Verant­wort­lich­keiten zunehmend »outsourcen«, davon können Erzie­herInnen in Kinder­gärten und LehrerInnen an Schulen ein Lied singen. Mit der Sexual-Erziehung sieht es aller­dings ein wenig anders aus, da setzen Eltern Lehrer zunehmend unter Druck, gerade nichts zu tun, das doch bitte sein zu lassen, um ihre Kinder nicht zu trau­ma­ti­sieren.

Was dann noch bleibt für unsere Kinder, ist das, was ist, nämlich Porno. Der ja nicht grund­sätz­lich zu verteu­feln ist, der auch früher in schmut­ziger Heftform ein echter Segen war, um endlich einmal darüber zu sprechen (und sich einen runter­zu­holen), worüber sonst alle schwiegen. Aber als Aufklä­rungs-Monopol? Geht gar nicht. Nicht allein schon wegen der abstrusen »Körper-Moden« oder der domi­nie­renden »gender-hier­ar­chi­sie­renden Sex-Praktiken«. Aber was tun, wenn die Eltern keine Schul-Aufklä­rung mehr wollen, aber Inter­net­zu­griffe genauso wenig abstellen können wie das Unter-dem-Tisch-Herum­rei­chen von Porno-Heftchen in früheren Zeiten? Da Aufklä­rungs­bücher wie Günter Amendts legen­däres Sex-Buch (1979) zwar weiterhin erscheinen – ich denke da vor allem an Ann-Marlene Hennings sehr gutes »Make Love – Ein Aufklä­rungs­buch« (2012) –, aber halt Bücher sind (die kaum mehr gelesen werden), bleibt nur der Film.

Und zwar nicht die »schmut­zige« Porno-Spielart, sondern die leichte, intel­li­gente, deutsche Komödie. Mit einer Regis­seurin wie Ziska Riemann, die erst vor ein paar Wochen mit ihrem tollen Film Electric Girl gezeigt hat, wie gut sie gene­ra­tions-über­grei­fende Konflikte und Iden­ti­täts­krisen filmisch aufbe­reiten kann und die sich dann noch die oben schon erwähnte Psycho­login und Sexologin Ann-Marlene Henning beratend zur Seite genommen hat, um damit das Aufklä­rungs­buch zum Film zu machen und der Porno-Industrie nicht das ganze Feld zu über­lassen.

Gelingt das? Vermut­lich weniger im Kino als im Klas­sen­rau­mun­ter­richt, wo der Film sehr wahr­schein­lich sehr schnell sehr dankbar ange­nommen werden wird. Vom Lehr­per­sonal wie von Schülern. Die einen werden kaum so viel und so leicht in so kurzer Zeit über Bezie­hungen und Sex erzählen können und die anderen werden selten so unpein­lich über dieses Thema infor­miert werden, ohne gleich daran denken zu müssen, sich einen runter­zu­holen. Denn Riemann erzählt hier eine Geschichte über ein paar Jugend­liche, die ihre Sommer­fe­rien bei einer Tante (von Beruf Sexologin) auf einer Nord­see­insel verbringen, so entspannt und unvor­ein­ge­nommen, als ob sie eben mal bei den Muria in Vorder­in­dien vorbei­ge­guckt hätte, in deren Ghotul, dem Kinder- und Jugend­haus der Muria, ja geradezu sexueller Kommu­nismus herrscht. Wie bei den Muria wird auch bei Tante Ellen (Palina Rojinski) jeder dazu animiert, endlich seine Unschuld zu verlieren und dabei auch noch sich selbst (und seine Anders­ar­tig­keit) zu entdecken.

Als Kinofilm dürfte Get Lucky aller­dings nicht ganz so viele Chancen haben, denn wer will sich schon gerne frei­willig aufklären lassen, wo er doch vermeint­lich eh schon alles weiß? Denn bei allen Erzähl­künsten, die der Film über das ja durchaus spannende und unkon­ven­tio­nelle Narrativ deutscher Jugend­komö­dien wie Bibi & Tina versucht einzu­binden, bleibt der pädago­gi­sche Zeige­finger unserer gegen­wärtig so wichtigen poli­ti­schen Correct­ness doch immer klar sichtbar und deutlich erhoben: Hautfarbe, sexuelle Ausrich­tung und Rollen­mo­delle, Feti­schi­sie­rungen und vertrackte Ängste, eigent­lich gibt es kaum etwas, dem kein Raum gegeben oder was gar ausge­grenzt wird. Kein übler Witz, nichts Schmut­ziges, nichts Böses, alles wird und kann bewältigt werden – kein guter Nährboden für eine wirklich gute Komödie.

Aber das will Get Lucky wohl auch nicht sein, denn dabei kann gerade in Bezug auf Sexua­lität einfach zu viel schief­gehen. Get Lucky will Mut machen (und natürlich aufklären). Und das: macht er richtig gut.