Review
Ghost Dog – Der Weg des Samurai
Zärtlicher Killer
Zärtlicher Killer
»Der Weg des Samurai erfüllt sich im Tode.« – Aber es gibt ein Leben vor dem Tod. Ghost Dog (Forest Whitaker) wohnt auf einem Dach inmitten eines Häusermeers irgendwo in Amerika. Familie hat er keine, er haust dort allein gemeinsam mit seinen Brieftauben, mit denen er seine Arbeitsaufträge erhält. Er ist ein Schwarzer, er kleidet sich wie die Jungs aus den Streetgangs, er ist groß, fett, muskelbepackt und schwer. Aber wenn er zum Töten seine Pistolen zieht, wirkt er so leicht, graziös und schwebend, wie bei den Tänzen mit seinem japanischen Samurai-Schwert, oben auf dem Dach.
Es gibt auch ein Leben nach dem Tod. Als Regisseur ist Jim Jarmusch einer von Gestern, ein Dead Man, dessen Filme bisher wirkten wie Relikte einer fernen Vergangenheit, Untote die nicht sterben können, weil sie ihre Reise zum Totenfluss erst noch vollenden müssen. Strotzend vor Selbstzitaten, dabei von Anfang an ein wenig ermüdet erschienen sie – und passten damit dem europäischen Publikum bestens in den Kram. Aber diesmal scheint Jarmusch mehr als je von sich selbst zu sprechen und damit preiszugeben. Und: »Man sollte nicht im Weg des Samurai nach einem anderen Sinn suchen.«
Eines Tages liegen die Tauben niedergemetzelt neben ihren Käfigen. Offenbar hat es die Mafia auf deren Besitzer abgesehen. Worum es genau geht, erfährt man erst allmählich. Ghost Dog ist selbst ein Todesengel. Schweigsam und gradlinig geht er seinen Weg, ein zärtlicher, tierliebender Bruder des eiskalten Jef Costello, den einst Alain Delon verkörperte, ein Auftragskiller also, im Dienst der Mafia. Seine einzige Lektüre (und zugleich eine Art Arbeitsanweisung) ist ein altes
Lehrbuch für Samurai-Krieger.
Ghost Dog ist somit auch eine Filmfigur, ein Verschnitt aus Zitaten von Gangstermovies wie eben Melvilles berühmten Le Samourai mit typischen Jarmusch-Motiven: der skurile Schweiger, die sentimentale Seele hinter der kühl-harten Maske, dazu ein kleines altklug-wissbegieriges Kind und ein junges Mädchen – Schuld und Unschuld begegnen sich.
In Europa hat der Autorenfilmer Jim Jarmusch schon immer viele Fans gehabt. Kein Amerikaner traf Mitte der 80er besser den hiesigen, zwischen Antiamerikanismus und postmoderner Innerlichkeit schillernden Zeitgeist, und so wurden Stranger Than Paradise (1984) und Down By Law (1986) unpolitisch
und humorvoll, verschmitzt und ein wenig einfältig – man könnte auch sagen: pseudopoetisch – wie sie waren, Kult-Filme einer Generation. Danach verblaßte der Ruhm, und Jarmusch führte wie zuvor schon Wim Wenders ein Dasein als Liebling der europäischen Festivals, das Publikum ging vielleicht zu Kaurismäki und Lynch, oder wechselte mit Tarantino die Seiten.
Dabei übersah man, daß Jarmusch 1992 mit Night on Earth seinen bis dahin besten Film gedreht hatte, und auch Ghost Dog beweist wieder: Trotz aller Manierismen, trotz einer künstlichen Naivität, die immer penetrant und meistens unglaubwürdig wirkt, trotz seinem öden Kulturpessimismus ist Jarmusch inzwischen gelassener geworden und hat wesentlich mehr zu erzählen. Wahrscheinlich möchte er selbst seinen Film wieder mal als Anti-Genre und Dekonstruktion des
stoischen Killers verstanden wissen. Doch das schlug zu unser aller Glück fehl, sein Scheitern ist die Chance des Zuschauers. Nicht bemühte Originalität dominiert, sondern das Porträt einer Kommunikationsstörung, verpackt in einer passablen Gangsterstory, deren einziges Manko vielleicht darin liegt, daß sie sich ein wenig arg zu ernst nimmt. So sind zwar die Figuren zu Karikaturen und Stereotypen geronnen, doch fehlt jeder Hauch von Pulp Fiction-Ironie.
Auch das Samurai-Thema hat einem weißgott schon besser gefallen. Was liegt nicht alles hierin: »Tag für Tag sollte über den unausweichlichen Tod meditiert werden. Immer wenn Körper und Geist zur Ruhe gekommen sind, sollte man sich ausmalen, wie einen Pfeile, Speere und Schwerter zerreißen, wie einen mächtige Wellen davontragen, wie man in ein Flammenmeer geworfen, vom Blitz getroffen oder von einem Erdbeben verschlungen wird, von Klippen in die Tiefe stürzt, an einer Krankheit stirbt oder am Grab seines Herren Seppuku verübt. Und so sollte man sich bereits als tot betrachten. Diese Einstellung macht den Weg des Samurai aus.« Nichts davon in Jarmuschs Film.
Dass diese Mängel trotzdem nicht weiter stören, und Ghost Dog glücklicherweise nicht in erster Linie für Jarmusch-Fans ein schöner Film geworden ist, liegt an den Schauspielern, an guten Einfällen und gelungenen Einzelszenen, und vor allem an der Musik der New Yorker Band RZA, dem zeitgemäßesten Element im ganzen Film. In deren Takt wiegend, geht selbst Jarmusch gradlinig seinen Weg. Und irgendwie sieht man es gern.
»Das ganze Leben ist eine Abfolge von
Augenblicken. Wenn man den gegenwärtigen vollkommen begreift, bleibt nichts weiter zu tun.«