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Review

Ghosts of Mars

Es beginnt mit den Bildern einer unheil­vollen Heimkehr. Der Zug fährt ein. Ghost Train. Keine Seele an Bord. Zurück­ge­kehrt von einer Fahrt durch die kleinen Sied­lungen in den Grenz­ge­bieten. Dann findet man Lt. Melanie Ballard in einem der Waggons, ange­kettet, mit den letzten Resten des Stoffs der vergan­genen Nacht im Blut. Ein Geheimnis. Am nächsten Morgen ein Verhör und die Über­le­bende beginnt zu erzählen von dem leeren Fleck, der dem Zuschauer geblieben ist.

John Carpenter begibt sich auf die Reise. Ghosts of Mars, der Titel gibt den Ort vor. 2176 a.D. in den Weiten des Univer­sums, mitt­ler­weile ist der rote Planet bevölkert, mit einer Atmo­s­phäre versehen. Science-Fiction, möchte man meinen. Und hat damit schon verloren. Carpenter hat einen reinen, wenn auch futu­ris­ti­schen Western in Szene gesetzt. Was eine Bewegung nach vorne in der Zeit vermuten lässt, greift immer wieder nach dem Dahinter. Die Narration ist verschach­telt, es gibt wohl keinen Film, in dem die Figuren so oft in flash­backs erzählen, was sie erlebt haben. Zunächst ist da die Erin­ne­rungs­struktur Ballards, später vermischt mit den Subge­dächt­nissen der Charak­tere, die sie auf ihrem Weg trifft. Viele kleine Fragmente, die langsam das Puzzle zusam­men­setzen, die Geschichte erzählbar machen. Von der Gegenwart in die Vergan­gen­heit in die Zeit davor und noch ein Stück zurück. Und es wird klar, dass es hier nicht um den Traum von der Eroberung des Mars geht, sondern den Rückzug an die frontier, zum zähen Kampf der weißen Siedler irgendwo in der Steppe des Wilden Westen. Beginnend mit dem Zug, Zeichen für die Eroberung des Terri­to­riums, die Zivi­li­sa­tion, die Urbar­ma­chung des wilden, chao­ti­schen Landes. History repeating.

Ballard wurde mit ihrer Truppe losge­schickt, um den Schwer­ver­bre­cher Deso­la­tion Williams aus dem Gefängnis von Shining Canyon abzuholen und zu über­führen. Schon als die Poli­zisten in dem Gold­gräber­s­tädt­chen ankommen ist nichts so, wie sie es erwartet hätten. Links und rechts flache Häuser, in der Mitte die breite, staubige Straße, Wester­n­idyll, nur nirgends ein Mensch zu sehen, was wiederum auf ein anderes Genre hindeutet. Ghost town. Hier beginnt das Leben jenseits der Bahn­gleise. Das Andere. Das Chaos. Die Figuren arbeiten sich vor in die Innereien der Stadt, finden Leichen, unzählige, vers­tüm­melte Leichen, ein paar Zombies im Hospital. Und schließ­lich Deso­la­tion Williams, in der Zelle des örtlichen Gefäng­nisses, zusammen mit seinen Freunden Uno Dos und Tres, dem Chino und dem Quoten­in­dianer. Eine merk­wür­dige Szene, die weißen Cops auf der einen Seite der Zelle, Amerikas Minder­heiten auf der anderen Seite. Und alle müssen zusam­men­ar­beiten, Freunde werden, weil sie sonst der Gefahr, die vor den Mauern, in der roten Wüste des Aussen lauert, nicht trotzen können. Eine unglaub­liche Klaus­tro­phobie der Stadt, wenn die Weite des unent­deckten Landes auf ein paar Quadrat­meter Gefäng­nis­boden zusam­men­schrumpft.

Die Ursachen der Gefahr liegen noch ein paar Zeitzonen tiefer. Noch eine Erzählung. Ghosts of Mars vergräbt sich in Mythen. Die Urbe­wohner des Mars, vom Archäo­logen Mensch frei­ge­setzt aus einem alten Stollen, schweben sie jetzt als namenlose Geister, als unsicht­barer Nebel ohne Sprache, der die Körper seiner Opfer besetzt, die Kontrolle übernimmt, frei durch die Räume. Die Iden­ti­täten beginnen zu fluk­tu­ieren. Das Böse ist Struktur, nicht Gestalt. Keine Männchen mit grünen Masken, nein, frei nach Freud entsteht das Unheim­liche in den mensch­li­chen Körpern, die uns so vertraut schienen und aus denen jetzt das Anima­li­sche, Mord­lus­tige heraus­bricht. Die Beses­sen­heit. Gegner, die einen Exor­zismus nötiger hätten als den Tod. Sich Nadeln durch die Haut ziehen, sich entstellen. Die Bewohner von Shining Canyon eine verwil­derte, archai­sche Masse. Ihr erster Auftritt, begleitet von dröh­nenden Gitarren, gleicht einem musi­ka­li­schen Zwischen­spiel. Mit Lanzen und Schwer­tern kämpfen sie dann gegen das Kollektiv Ordnung, angeführt von Deso­la­tion Williams und der blonden Melanie Ballard. Im Anschlag die Waffen des Cowboys, Pistole und Gewehr. Als Ballard, dem Tode nahe, sich doch noch auf die plumpen Annähe­rungs­ver­suche ihres großmäu­ligen Gehilfen Jericho einlässt, da wird das sich entwi­ckelnde Liebes­spiel unter­bro­chen durch Schüsse aus dem Nebenraum. Ballard ist dann ganz Held, verlässt die Lust und kehrt zurück zum Gesetz, das die Waffe in ihrer Hand mani­fes­tiert. Genre eben.

Und doch entdeckt man immer wieder Neues. Im ersten Teil ist Ghosts of Mars der wunder­schöne Kampf zweier Gesichter. Auf der einen Seite Pam Grier, zu neuen Ehren gekommen seit Taran­tinos Jackie Brown. Ein Gesicht das altmo­disch wirkt, die Züge der 70´er Jahre, voluminös. Bei den Groß­auf­nahmen ihres Gesichtes, mit Hand­ka­mera geschossen, ein bisschen Unscharf, scheint der Film sich selbst zu verlassen. Ganz Erin­ne­rung an eine andere Zeit. Und im Gegen­schuss das 90´er Jahre Model­ge­sicht von Natascha Hens­tridge. Synthe­tisch, scharf geschnitten. Will­kommen zurück. Die Hand­ka­mera, die Unschärfen verleihen Ghosts of Mars mitunter »wahre« Momente, weil nichts klinisch ist, einige Einstel­lungen wirken als hätte der Regisseur schon »Cut« gerufen, als könnte man in die Gesichter hinter den Gesich­tern der Schau­spieler sehen.

Der Schnitt setzt Wisch­blenden statt harter Schnitte, eine Technik die (abgesehen von Tykwers Lola rennt) allen­falls noch im Bereich der Komödie zu finden ist. Carpenter blendet innerhalb einer Szene die Bilder vom Gang einer Figur inein­ander. Soder­bergh hätte Jump-Cuts gesetzt. Aber Carpenter steht einem Howard Hawks und Rio Bravo sicher näher als Soder­bergh oder Rodriguez und seiner Faculty. Alles scheint todernst und bewegt sich auf einem schmalen Grat zum Lächer­li­chen. Deso­la­tion Williams, der zugibt, dass er lieber im Kampf als auf der Flucht sterben will. Wer traut sich das schon noch so in einem Film zu sagen? Carpen­ters Umgang mit Waffen ist obsessiv, die Sprengung eines Atom­kraft­werkes bedeutet am Ende die Rettung der Prot­ago­nisten. Und das nach dem Kalten Krieg, nach der Ökobe­we­gung. Die Explosion wird lustvoll gezeigt mit einem Blick aus den Sternen auf die Ober­fläche des Mars.

Und auf die Frage in einem Interview, ob Carpenter denn keine Angst gehabt hätte, nach den Flops von Mission to Mars und Red Planet noch eine Marsfilm in die Kinos zu bringen, antwor­tete der: »I am not scared of anything, man.« Ohne Zweifel muss man ihm das so glauben, wenn man seine Figuren auf dem Weg zu ihrem nächsten Gefecht sieht.