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Review

Girl

Darf ein Junge ein Mädchen sein?

Viel­schichtig, problem­be­wusst, intensiv

Darf ein Junge ein Mädchen sein?

Glücklich sitzt Lara neben ihrem Vater im Auto, den kleinen Bruder im Arm. Die 15-Jährige hat soeben die Zusage bekommen, dass sie an der staat­li­chen Ballett­schule zur Probe aufge­nommen ist. Doch Lara weiß, dass es nicht leicht für sie wird. Da sie bisher keinen Spit­zen­tanz lernte, muss sie jetzt sehr hart trai­nieren. Aber selbst wenn Lara uner­müd­lich übte, fragt sich, ob sie eine Karriere als Ballerina überhaupt einschlagen kann. Denn dafür bringt sie auch nicht das notwen­dige Durch­set­zungs­ver­mögen mit. Lara wirkt zurück­hal­tend und verschlossen, mit ihren langen Glied­maßen bewegt sie sich steif und unbe­hag­lich durch den Raum, sie hält sich am liebsten im Kreis der Familie auf. Dass sie in ihrem Körper nicht zuhause ist, sieht man ihr an. Und tatsäch­lich: Es zeigt sich recht bald, dass Lara in Wahrheit ein Junge ist, der lieber ein Mädchen wäre. Abhilfe kann in ihren Augen nur eine Operation schaffen. Doch das anstren­gende Training verzögert die Geschlechts­um­wand­lung.

Lukas Dhont hat in seinem preis­ge­krönten Adoles­zenz­drama mehrere Themen über­zeu­gend inein­ander geflochten, es gewinnt an Dichte und Konzen­tra­tion, je mehr es voran­schreitet, bis es in einer Verzweif­lungstat kulmi­niert. So setzt er nicht nur die einfühl­same Beziehung zwischen Lara und ihrem Vater ins Bild, sondern arbeitet auch heraus, welche Probleme der Wunsch, einem anderen Geschlecht anzu­gehören, mit sich bringt und wie sich dies durch die Verän­de­rungen in der Pubertät drama­tisch zuspitzen kann. Dabei macht Dhont höchst anschau­lich, wie eingeengt die gesell­schaft­liche Sicht auf die Geschlechter ist, wie die Gesell­schaft den einzelnen beschämt und eindeu­tige Verhält­nisse schaffen will. Mit seiner diffe­ren­zierten Betrach­tungs­weise bewegt sich Girl auf gleichem Niveau wie Céline Sciammas mehrfach preis­ge­krönter Film Tomboy (2011).Bekannt­lich handelt es sich bei einer Geschlechts­um­wand­lung nicht nur um einen biolo­gi­schen Akt, der sich mit Hormon-Pillen und Opera­ti­ons­be­steck voll­ziehen lässt. Lara ist gleich­falls als soziales und psychi­sches Wesen model­liert, das mit dem Verhalten seiner Mitmen­schen zurecht­kommen muss und seelisch inter­agiert. Und das beob­achtet der Film genau und vermit­telt ein eindrück­li­ches Bild davon. Das Handeln besonders der Mädchen geben Sartres Behaup­tung Recht: »Die Hölle, das sind die anderen.« Obschon sich die Klas­sen­ka­me­ra­dinnen zunächst vers­tänd­nis­voll geben, setzen sie Lara immer mehr zu, zwingen sie, sich vor ihnen zu entblößen und wenden sich bei Laras ‚Outing’ pikiert ab. Lara sieht sich damit konfron­tiert, dass Sex und Gender gemeinhin als zusam­men­gehörig empfunden werden. So verlangt die Geschlechts­zu­gehö­rig­keit Konfor­mität und duldet kein andro­gynes Begehren. Lara kann sich einem Jungen, mit dem sie ihre Sexua­lität erkunden will, nicht nackt zeigen, weil der ihr Begehren als homo­se­xu­elles empfände.

Dass Lara mit ihrem Leben unzu­frieden ist, ist aller­dings auch ihrer seeli­schen Verfas­sung geschuldet. Sie kann nicht sagen, was genau sie sich von der Operation verspricht. Jeden­falls hofft sie, dass sich durch äußere Verän­de­rung auch ihr Inneres wandelt. Aber so macht sich Lara von ihrer Umwelt abhängig. Statt sich gegen deren Forde­rungen, gegen deren Druck zu wehren, richtet sie ihren Körper immer weiter zu, quält ihn, wendet ihre Wut gegen sich selbst und verwei­gert schließ­lich das Essen. Indes trägt der Wunsch, klas­si­sche Tänzerin zu werden, zu ihrer Krise bei. Dhont malt die Strapazen dieser Ausbil­dung äußert lebendig aus und entmy­thi­siert diesen Beruf. Denn, um über eine Bühne leicht­füßig dahin schweben zu können, muss man sich vorher einem geradezu militä­ri­schen Drill unter­ziehen. Das hinter­lässt blutige Spuren nicht nur an den Zehen. Von ihrem stra­pa­ziösen, aber auch freud­losen Alltag, der sie zumeist von daheim in die Schule, zum Training und wieder nach Hause führt, vermit­telt Frank Van den Eedens Kamera ein sinn­li­ches Bild. Mit warmen Gelb- und Rottönen charak­te­ri­siert er die Wohnung der Familie und Laras Refugium zuhause, während er die Ballett­schule zumeist in kaltes, weiß­li­ches oder blaues Licht taucht. Seine bewegte Kamera nimmt die ewig gleichen Schritt­folgen auf und dreht sich mit der Prot­ago­nistin mit, das Skan­dieren der erbar­mungslos antrei­benden Lehrer­stimme geht durch Alain Dess­au­vages Montage unter die Haut. Bis Lara außer Atem gerät und zu Boden stürzt. Lukas Dhont ist mit seinem Spiel­film­debüt ein viel­schich­tiges, problem­be­wusstes und inten­sives Adoles­zenz­drama geglückt.