Review
Golda – Israels eiserne Lady
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
Guy Nattiv gelingt mit seinem Biopic über die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir und den Jom-Kippur-Krieg ein überraschend hoffnungsvolles und gegenwärtiges Kammerspiel
And who by brave assent, who by accident
Who in solitude, who in this mirror
Who by his lady’s command, who by his own hand
Who in mortal chains, who in power
And who shall I say is calling?
– Leonard Cohen, Who by Fire
Das ist im ersten Moment vielleicht das überraschendste: Obwohl Guy Nattivs Golda – Israels eiserne Lady vor dem Massaker der Hamas am 7. Oktober entstand, sieht er sich wie eine direkte filmische Antwort auf das Attentat an der Zivilbevölkerung und den daraus resultierenden militärischen Gegenschlag der israelischen Armee. Eine filmische Antwort, die vor allem darin besteht, zu zeigen, dass es diesen Konflikt schon einmal gab, und dass trotz unversöhnlichster Lagerbildung schon damals im Jahr 1973 am Ende eine überraschende, politische Lösung des Konflikts erarbeitet wurde.
Doch zurück zu den Parallelen der Zeitgeschichte, zurück zu späten 1960er und 1970er Jahren, als die Fronten nicht nur durch den Sechstagekrieg 1967 zwischen Palästinensern, der arabischen Welt und Israel verhärtet waren, sondern so, wie heute die Hamas, die damalige PLO unter Jassir Arafat Israel von der Landkarte tilgen wollte und mit kontinuierlichen Terroranschlägen dieses Ziel unterstrich. Die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir reagierte hart und pragmatisch: Ein Palästinenserstaat war für sie undenkbar, bestenfalls schien ihr eine Rückgabe der im Sechstagekrieg eroberten Gebiete an Jordanien möglich, in dem die Palästinenser eine zweite Heimat finden sollten.
Mit dem trotz Warnungen – auch das ist natürlich eine Parallele zum 7. Oktober – dann doch überraschenden Militärschlag Ägyptens und Syriens am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, änderte sich die Lage grundlegend und es ist folgerichtig, dass Guy Nattiv diesen 18 Tage lang währenden Waffengang gewählt hat, um die charismatische Ministerpräsidentin Israels zu porträtieren, ganz nach der Devise, dass erst die Krise den wahren Kern eines Menschen bloßlegt.
Das bedeutet im Fall dieser Filmbiografie aber auch, dass wir wenig über die Vergangenheit von Meir erfahren und das wir es hier mit einem sehr ungewöhnlichen Kriegsfilm zu tun haben. Denn zum einen erfahren wir zwar die massiven Angriffe der Anrainerstaaten auf Israel, doch wir sehen und vor allem hören dies aus der Kommandozentrale der israelischen Armee und des israelischen Kriegskabinetts. Diese kammerspielartige Umgebung wird durch einen erzählerischen Rahmen eingebettet, in dem sich Meir ein Jahr später vor der Agranat-Kommission darüber verantworten muss, warum sie trotz Warnungen des Geheimdienstes nicht früher auf den Angriff reagiert hat und damit teilschuldig an den 2.812 gefallenen israelischen Soldaten ist.
Nattiv gelingt es trotz dieses strengen klassischen Aufbaus dennoch, ein sogartiges Interesse für den Konflikt zu erzeugen. Zum einen zeigt er israelische Helden wie Mosche Dayan (Rami Heuberger) von ihrer schwachen Seite, legt strategische wie menschliche Fehler bloß und deutet an, dass die Sieger dieses Krieges dann auch in der späteren Politik Israels entscheidende Rollen einnehmen werden. Und immer ist es dann auch die Welt von damals, die sich wie die Geschichte unserer Gegenwart liest, ist Amerika und die übrige Welt wegen der Angst vor steigenden Ölpreisen genauso am Taktieren wie das heute der Fall ist und wo Israel tatsächlich ähnlich isoliert steht, wie es in unserer heutigen Gegenwart der Fall ist. Doch es ist auch ein historischer Raum, in dem damals wie heute nicht nur Politiker und das Militär bestimmen, was passiert, sondern auch die öffentliche Meinung. Nicht umsonst spielt Nattiv am Ende Leonard Cohens »Who by Fire«, denn Cohen reiste damals spontan in diesen Krieg, um als Musiker vor israelischen Soldaten aufzutreten und die politische Isolation aufzuweichen.
Doch Nattiv vergisst bei all dem Krieg nicht, auch für seine von Helen Mirren verkörperte Golda, nicht nur den politischen Menschen zu zeigen, sondern auch ihren Humor, der sich am stärksten bei den Besuchen Henry Kissingers zeigt. Vor allem in der Szene, als die kettenrauchende Meir Kissinger dazu nötigt, die Borschtschsuppe ihrer Sekretärin und Beraterin Lou Kaddar (Camille Cottin) zu essen, die er erst anrührt, als Meir ihm mit von schwarzem Humor getränkter Stimme zukommen lässt, dass Lou doch eine »Überlebende« sei und man allein schon deshalb die Suppe essen müsse. Oder Meirs nüchterne Art, sich ihrer Krebstherapie zu unterziehen und sogar währenddessen die Zigarette nicht aus der Hand zu legen oder die Art und Weise, wie sie mit Bleistift und Notizblock die Todeszahlen der gefallenen Soldaten jeden Tag aktualisiert, Details, die aus der inszenierten Rolle einen Menschen machen, der nie weiß, wie am Ende die Geschichte über ihn richten wird, was falsch ist, obwohl es sich in dem Moment der Entscheidung richtig angefühlt hat.
Diese Ambiguität der Gegenwart und die unerklärlichen Widersprüche von Vergangenheit und Gegenwart hat Nattiv bereits in seinem Neonazi-Film Skin (2018) so konsequent wie eindrücklich dargestellt, hier spannt er einen noch weiteren historischen Rahmen, den er mit einem denkwürdigen Ende abschließt, in dem er historische Aufnahmen präsentiert, die Meir und den damaligen ägyptischen Präsidenten Sadat zeigen, wie sie sich mit großem Spaß übereinander lustig machen.
Ein Ende, das am Anfang dieses Konflikts nicht einmal denkbar schien und das kein besserer Spiegel für unsere Gegenwart sein könnte.