Review
Golden Twenties
Oh Girl
Oh Girl
In den nächsten Monaten wird uns eine ganze Reihe von Filmen junger deutscher FilmemacherInnen erreichen, die ohne den #MeToo-Tsunami nach dem Weinstein-Skandal wohl kaum denkbar gewesen wären. Filme, in denen Frauen fast jeden Alters und fast jeder sozialen Schicht einfach nur noch raus wollen: aus ihren Verhältnissen, ihrer Beziehung, ihrem Status, ihren Abhängigkeiten und (eigenen) Erwartungshaltungen.
Einer der stärksten Filme dieses thematischen Filmensembles ist Sophia Kluges Golden Twenties, die eindringliche Coming-of-Age Geschichte der Mittzwanzigerin Ava (Henriette Confurius), die nach einem Studium im Ausland wieder zu Hause bei ihrer Mutter landet und mit dem distanzierten Blick dessen, der im Geist noch in der Fremde wandelt, auf ihr altes Umfeld und ihre Zukunft blickt. Ein wenig wie Tom Schilling vor sieben Jahren in Oh Boy ist auch Ava eine Verlorene, die mit traumwandlerischer und transzendentaler Gewissheit durch Berlin flaniert. Die nicht wirklich am Abgrund steht, auch wenn ihr Leben ungeahnte Abgründe aufweist.
Dabei sind diese Abgründe völlig alltäglich. Es ist das zweite Leben ihrer Mutter, die sich plötzlich mit einem wesentlich jüngeren Mann von ihrem alten Leben und irgendwie auch von ihrer Tochter emanzipiert hat, eine Entwicklung, die bei früheren Generationen normalerweise umgekehrt verlief. Es sind aber auch die Freunde und Beziehungen ihrer Mutter, über die sie beruflich wieder Fuß fassen soll, und die eine fast schon ernüchternde Klarsicht gegenüber dem »wahren« Leben einfordern. Doch Sophie entzieht sich den aufziehenden Konflikten durch Bewegung, durch ein Vorantasten zum nächsten Bezugspunkt, zur nächsten Begegnung, zum nächsten Ort, um auch dort wieder am Puls unserer Gegenwart zu horchen, um so etwas wie Gewissheit für die eigene Zukunft zu gewinnen.
Das mag im ersten Augenschein ein wenig »dekadent« wirken, denn es scheint fast, so, als ob sich hier niemand tatsächlich ums Geld kümmern muss, die Abgründe eigentlich Micky-Maus-Schluchten sind, rein theoretischer Natur, nichts als Selbstverwirklichung auf den Lebensinseln Liebe, Sex und Beruf. Dennoch wird selbst in diesem bildungsbürgerlichen Umfeld deutlich, dass hier eigentlich niemand, wie der Soziologe und Philosoph Arno Plack einst schrieb, mit Lügen leben will, sondern eher wie Karl Ove Knausgård, sagen will, was er denkt und meinetwegen auch zu gehen, wenn das keiner hören will.
Doch weil das – bis auf Sophie – niemand tut, ist Kluges Kritik an unserer Gegenwart deutlich pointierter und schärfer als die von Jan-Ole Gersters Oh Boy. Denn Kluge zeigt bei aller Nonchalance neben der Sehnsucht nach der letztendlich unerfüllten Aufrichtigkeit immer wieder gnadenlos die aufgesetzten Gefühle unseres Alltags, die täglichen Maskeraden, die Lügen des Lebens im Privaten wie im Institutionellen, selbst und vielleicht gerade in der Welt des Theaters.
In präzisen, wunderschön-melancholischen Momenten geht Kluge mit ihrer großartigen Hauptdarstellerin Henriette Confurius, deren Blick auf die Welt man sich schon in Dominik Grafs Die geliebten Schwestern kaum entziehen konnte, aber noch einen Schritt weiter, denn Kluge arbeitet sich nicht nur an der Elterngeneration und beruflichen Desillusionierungen ab, sondern bezieht mit fast lyrischer Verdichtung und betont zurückhaltend komödiantischen Anteilen auch die verzweifelte Suche ihrer eigenen Generation nach einem Mittelpunkt und nach glaubwürdigen Rollen mit ein.