Skip to content

Review

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Wider den Frust

Ein überzeugendes Plädoyer für Veränderung, für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit

Wider den Frust

»Es fällt mir schwer, mir vorzu­stellen, eine Frau und keine Femi­nistin zu sein.«
 (Regis­seurin Teona Strugar Mitevska)

Der Film beginnt mit einer Prozes­sion schwarz gewan­deter ortho­doxer Geist­li­cher zum Fluss, im Gefolge wild entschlos­sene, der Kälte trotzende Männer. Höhepunkt dieses tradi­tio­nellen Rituals in einigen osteu­ro­päi­schen Ländern am Drei­kö­nigstag, der am 19. Januar gefeiert wird, ist das vom Priester ins eisige Wasser geworfene Kreuz. Wer es aus den Fluten holt, dem ist ein glück­li­ches Jahr beschieden. Vom Glück träumt die 32-jährige, arbeits­lose Petrunya schon lange nicht mehr. Auf dem Rückweg von einem demü­ti­genden Vorstel­lungs­ge­spräch in einer Näherei springt sie spontan in den Fluss, den Männern hinterher, ergattert das gesegnete Kreuz und hält es voller Freude in die Fern­seh­ka­mera.

Ein Skandal! Frauen ist es nicht gestattet, nach dem Glück zu tauchen. Und damit beginnt eine Hexenjagd, die Petrunya schließ­lich zu ihrem eigenen Schutz ins Gefängnis bringt. Der Priester versucht es zuerst mit Güte, ihr das Kreuz abzu­luchsen, dann mit Drohungen. Doch die junge Frau hält es fest: »Darf ich nicht glücklich sein?« Draußen baut sich Wider­stand auf. Wütende Männer fordern die Heraus­gabe des »gestoh­lenen« Kreuzes und der »Schlampe«, die es wagt, die eisernen Regeln zu brechen. In Slavica, der enga­gierten Fern­seh­jouna­listin, hat Petrunya eine Mitstrei­terin, die das Geschehen doku­men­tiert und Öffent­lich­keit herstellt. Die Frage eines beson­nenen Passanten »Was wäre, wenn Gott eine Frau wäre« greift Slavica auf und spricht direkt in die Kamera: »Das ist genau der Punkt. Dies ist Maze­do­nien im Jahre 2018. Es hat etwas vom Mittel­alter. Sie nennen es das ewige Land – auf ewig im Mittel­alter gefangen.« Petrunya verlässt nach vielem Hin und Her das Gefängnis, selbst­be­wusst und mit einem Lächeln im Gesicht. Das Kreuz hat sie dort gelassen. Für ihr Glück braucht sie es nicht mehr.

Die 1974 in Skopje geborene Regis­seurin Teona Strugar Mitevska kommt aus einer Künst­ler­fa­milie und studierte u.a. das Film­hand­werk in der School of Arts in New York. Ihr Film beruht auf einer wahren Geschichte. 2014 ergat­terte in der ostma­ze­do­ni­schen Stadt Štip eine Frau das Kreuz, was vom Klerus und von der Bevöl­ke­rung als Schande empfunden wurde. »Für mich und meine Produ­zentin Labina Mitevska (die auch die Jour­na­listin Slavica spielt) offen­barten diese Reak­tionen einen natür­li­chen Reflex des sozialen Konfor­mismus und entlarvten auch die Frau­en­feind­lich­keit, die von den tief verkrus­teten patri­ar­cha­li­schen Normen in unserer Gesell­schaft getragen wird. Petrunyas Geschichte entstand aus unserer Frus­tra­tion, wir mussten reagieren.«

Für die Regis­seurin waren die eigenen Erfah­rungen als Jour­na­listin eine wichtige Inspi­ra­tion für die Figur der Repor­terin Slavica, die im Laufe des Film­ge­sche­hens immer mehr Soli­da­rität mit Petrunya entwi­ckelt. Sie fühlt zunehmend mit Petrunya, einer Frau, die kein gängiges Schön­heits­ideal verkör­pert und erfahren hat, dass ihr Studium – sie ist Histo­ri­kerin mit 1a-Abschluss – in ihrer Umgebung nichts gilt. Über die junge Frau, die im echten Leben das Kreuz seiner­zeit gefangen hat, sagt die Regis­seurin: »Ich habe gehört, dass sie jetzt in London lebt. Ehrli­cher­weise wäre ihr Leben zu Hause sehr schwierig gewesen. In diesem Jahr erwischte im serbi­schen Zemun wiederum eine Frau das Kreuz und sie wurde gefeiert. Die Welt verändert sich schnell, hoffent­lich!«

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya, ein außer­ge­wöhn­li­cher Film, wurde schon auf vielen inter­na­tio­nalen Festivals preis­ge­krönt. Zurecht – denn die maze­do­nisch-fran­zö­sisch-belgisch-slowe­nisch-kroa­ti­sche Kopro­duk­tion ist ein über­zeu­gendes Plädoyer für Verän­de­rung, für Gleich­be­rech­ti­gung und Gerech­tig­keit.