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Review

Gravity

Im Bann der Schneekönigin

Biedere Beziehung: Mann voraus, Frau hinterher

Im Bann der Schneekönigin

Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzu­fangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.
(Stanislaw Lem, Solaris)

It was gravity which pulled us down and destiny which broke us apart.
(Bob Dylan, Idiot Wind)

Nach Alfonso Cuaróns nicht nur stilis­tisch atem­be­rau­benden Dystopia-Science Fiction Children of Men hat sich Cuarón auch mit Gravity für das Genre „SF“ entschieden, dieses Mal aller­dings für eine Variante, die weit von seiner inzwi­schen sieben Jahre alten Arbeit entfernt ist. Politik und Religion, gesell­schaft­liche Turbu­lenzen spielen keine Rolle, sondern statt­dessen fast rein­ras­sige Themen des soge­nannten goldenen Zeit­al­ters der Science Fiction, den mittleren Jahren des 20. Jahr­hun­derts. Im Zentrum standen und stehen auch in Cuaróns Gravity die mensch­liche, ins Weltall verfrach­tete Technik und ihre Verwund­bar­keit, klas­si­sche Geschlech­ter­rollen und simple Drama­ti­sie­rungen, in diesem Fall konkret: eine anfangs alltäg­liche ameri­ka­ni­sche Mission in der Erdum­lauf­bahn gerät durch eine unglück­liche Ketten­re­ak­tion ins Trudeln und kämpft schließ­lich ums nackte Überleben.

Cuarón hat einige Jahre warten müssen, um diese einfache Geschichte so zu erzählen, wie er sie sich vorge­stellt hat – nicht nur als Kammer­spiel eines Über­le­bens­kampfes, sondern auch als hyper­rea­lis­ti­sche 3-D-Vision dessen, was sich schon Stanislaw Lem in seinen Werken über die Konfron­ta­tion des Menschen mit dem Weltraum ausgemalt hat. Schöne Aussichten auf die Erde und das All, die aber letztlich auch völlig ernüch­ternd klar­stellen, dass wir alleine sind, es keine außer­ir­di­schen Lebens­formen gibt und das die Bedin­gungen im All nicht die freund­lichsten sind. Das aufad­diert führt nicht nur bei Lem zu fast medi­ta­tiven Momenten der Einsam­keit – man denke nur an Lems »Geschichten vom Piloten Pirx

Ähnlich wie Lem benutzt auch Cuarón die Redu­zie­rung des Personals um Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und Matt Kowalski (George Clooney) dazu, um genau diese medi­ta­tiven Augen­blicke zu evozieren und über die uner­mess­liche Schönheit und Kälte des Alls – die in nichts der Verfüh­rungs­kraft von Andersens Schnee­kö­nigin nach­stehen – den mensch­li­chen Schwächen und Stärken einen gnaden­losen Spiegel vorzu­setzen. Dabei gelingen Cuarón faszi­nie­rende, durch die 3D-Technik noch einmal verstärkt gebün­delte Studien von All, Raum, Technik und Mensch, die in ihrer Leere und dem redu­zierten narra­tiven Teil aber auch ein wenig an die Ästhetik früher IMAX-Produk­tionen zu dieser Thematik erinnern.

Cuarón scheint sich dieser Tendenzen selbst bewusst gewesen zu sein, denn Gravity wird mit jedem Schritt in Richtung tech­no­ider Abhän­gig­keiten, Einsam­keit und mensch­li­chem Verlo­ren­gehen auch und durchaus passend zur Aussen­um­ge­bung – atemloser. Kein noch so groteskes Szenario wird ausge­lassen, um den Span­nungs­bogen zu straffen, gleichz­eitig jedoch eine Ausdif­fe­ren­zie­rung der Handlung zu vermeiden, wie sie etwa in den im Geiste verwandten Solaris-Verfil­mungen von Tarkowski und Soder­bergh gewagt wurden. Statt­dessen Space Station Hopping, bizarre Bedie­nungs­an­lei­tungen, Feuer, Welt­raum­schrott-Stürme, Abstürze und nicht zuletzt das stereo­type Innen­leben einer einsamen Frau. Mit dieser Simpli­fi­zie­rung bei bis zum Ende hohen ästhe­ti­schen und span­nungs­rei­chen Niveau verschenkt Cuarón viel Potential oder anders formu­liert: erliegt Gravity der Kern­ge­fahr im Weltall, der Atem­lo­sig­keit und erstickt letztlich an seinen eigenen Ansprüchen.