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Review

Green Book – Eine besondere Freundschaft

Ziemlich schlechte Freunde

Subtile Auseinandersetzung mit weißen Selbstermächtigungsstrategien

Ziemlich schlechte Freunde

»What a blessed relief is laughter. It flies in the face of manners, values, political correct­ness and decorum. It exposes us for what we are, the only animal with a sense of humor.«Roger Ebert, »There’s Something About Mary«, Chicago Sun-Times, 15. Juli 1998

Wie allge­gen­wärtig das Thema Rassismus in den USA ist, zeigt sich wie fast jedes Jahr auch auf dem dies­jäh­rigen Sundance Film­fes­tival, das kommenden Sonntag zu Ende geht. Eine Doku­men­ta­tion wie Always In Season von Jacque­line Olive über eine bis in die Gegenwart reichende Lynch­justiz gegenüber Afro-Ameri­ka­nern ist dort ebenso präsent und heftig disku­tiert wie die Welt­pre­miere von Rashid Johnsons Native Son. Theater- und Dreh­buch­au­torin Suzan-Lori Parks, die Richard Wrights Roman über das Leben eines Afro­ame­ri­ka­ners in den 1930er Jahren in unsere heutige Zeit trans­for­miert hat, recht­fer­tigt die inzwi­schen dritte Verfil­mung dieses Klas­si­kers auch damit, dass der Rassismus in Amerika nicht nur nicht über­wunden sei, sondern man ja weiterhin nicht mal wisse, wie man darüber sprechen und schreiben soll.

Dementspre­chend facet­ten­reich sehen sich die Filme, die gerade entstehen und die Teil einer afro-ameri­ka­ni­schen Selbst­er­mäch­ti­gungs­welle sind, die im letzten Jahr mit Black Panther auch erstmals eine Super­helden-Block­buster-Produk­tion angespült hat. Die eigent­liche Ausein­an­der­set­zung mit dem alltäg­li­chen und histo­ri­schen Rassismus ist jedoch wie in diesem Jahr in Sundance weitaus komplexer und erinnert tatsäch­lich an die von Suzan-Lori Parks in den Raum gestellte kreative Suche nach Ausdrucks­mög­lich­keiten, um Rassismus am wirkungs­vollsten zu begegnen. Haben wir in den letzten zwei Jahren Filme wie Raoul Pecks I Am Not Your Negro oder Jordan Peeles Get Out gesehen, die unter­schied­li­cher nicht hätten sein können, so beginnt auch dieses Jahr mit kreativen Ausnah­me­er­schei­nungen, läuft doch nur zwei Wochen vor Barry Jenkins' Verfil­mung eines James Baldwin-Romans – If Beale Street Could Talk – der auch ins Oscar-Rennen gehende Green Book von Peter Farrelly an.

Anders als der bitter-ernste und subtil-schöne Film von Jenkins, der eine fast schon ikono­gra­fi­sche »Blackness« der 1970er mani­fes­tiert, geht Farrelly den Weg über die Komödie, um eine ebenso bittere Geschichte wie die von Jenkins zu erzählen. Dass Humor durchaus ein adäquates Mittel sein kann, Rassismus im Film zu entlarven, hat Jordan Peele mit Get Out erfolg­reich gezeigt. Farrelly wirft jedoch eine völlig andere komö­di­an­ti­sche Tradition mit ins Rennen. Einige der Filme, die Farrelly mit seinem Bruder Bobby gedreht hat – Dumm und Dümmer (1994) oder Verrückt nach Mary (1998) –, gelten inzwi­schen als moderne Meilen­steine der ameri­ka­ni­schen (Slapstick-)Komödie, und selbst komö­di­an­ti­sche Grenz­gänge wie Die Stooges – Drei Voll­pfosten drehen ab (2012) mit ihren radikalen Rund­um­schlägen gegen alles und jeden mögen nicht jedem gefallen, sind aber bis in die kleinste Slap­stick­nummer perfekt und auf den Punkt choreo­gra­phiert.

Ohne Slapstick auch nur im Entfern­testen anzu­deuten, ist Farrellys ideales Timing und über­ra­gende Dialog­a­kro­batik auch in Green Book omni­prä­sent. Was umso wichtiger ist, als Farrelly eine Geschichte erzählt, die dieses Timing braucht, um auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Humor nicht zu stolpern. Ein Grat, der umso schmaler ist, als Green Book gleich mehrere Geschichten erzählt. Da ist die des Italo-Ameri­ka­ners Frank »Tony Lip« Vallo­langa (Viggo Mortensen, zuletzt in Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück), der in den frühen 1960ern sein Leben mit Frau und Kindern als Türsteher finan­ziert, und da ist die des Afro-Ameri­ka­ners »Doc« Don Shirley (Mahers­hala Ali, zuletzt in Moonlight), einer der erfolg­reichsten Jazz-Pianisten seiner Zeit, der endlich auch einmal eine Konzert­reise in den Süden der USA wagen will – ohne weißen Body Guard, weißen Fahrer und einen weißen Tour-Operator ein Ding der Unmög­lich­keit. Damit ist auch die dritte Erzäh­le­bene etabliert, die der alltäg­li­chen Apartheid im Süden der USA. Und natürlich sind das alles, wie in diesen nach »Wahrheit« dürs­tenden Zeiten üblich, »wahre« Geschichten, setzt das Drehbuch von Farrelly, Brian Currie und Tony Lips Sohn Nick Valle­longa auf den Inter­views auf, die Nick Valle­longa mit seinem Vater und Shirley geführt hat, und den Briefen, die Tony Lip während der zwei­mo­na­tigen Tournee mit Shirley an seine Mutter geschrieben hat. Aber wie das so ist mit der »Wahrheit« in diesen Tagen, werden auch im Fall Shirley bereits Zweifel an der vermeint­li­chen Authen­ti­zität erhoben, wehren sich Shirleys Nach­kommen gegen die Darstel­lung von Shirley und Tony in Farrellys Film.

Mit dem Start der Tournee werden die drei narra­tiven Haupt­stränge – wahr oder nicht wahr – mehr und mehr verwoben. Und sie erzeugen mit jeder weiteren erzäh­le­ri­schen Windung die tragi­ko­mi­sche Reibung, die den eigent­li­chen Reiz von Green Book ausmacht und ihn für mich zu einem der besten Filme der letzten Monate macht. Denn auf jedes tragisch-drama­ti­sche Ereignis – vorrangig Konfron­ta­tionen mit rassis­ti­schem Kontext – folgen in Road-Movie-Abschnitte einge­bet­tete schwarz-und-weiß-humorige Dialog­pas­sagen zwischen Shirley und Tony, die zum einen zeigen, wie groß der Graben zwischen dem hoch­ge­bil­deten, wohl­ha­benden Jazz-Pianisten und dem bildungs­fernen, aus ärmlichen Verhält­nissen stam­menden Italo-Ameri­kaner ist. Gleich­zeitig aber dekon­stru­ieren sie auf über­ra­schende Weise das rassis­ti­sche Narrativ, zeigen sie doch genau das, was im Rassis­mus­dis­kurs tabu ist, nämlich anzu­er­kennen, wie gleich der Mensch in seiner Ungleich­heit ist.

Doch nicht nur auf dieser Ebene verwehrt sich Farrelly stereo­typen Erwar­tungs­hal­tungen. Denn Green Book begeht vor allem nicht den Fehler, den ein personell ähnlich dispo­nierter Film wie Ziemlich beste Freunde macht, in dem bei ober­fläch­li­cher Rassismus-Kritik subkutan dann doch nur die alten weißen Selbst­er­mäch­ti­gungs­stra­te­gien fort­ge­schrieben werden. In Green Book ist der Schwarze nicht der Natur­bur­sche, der tanzen kann und die Emotio­na­lität für sich gepachtet hat; nein, hier ist der Schwarze der Intel­lek­tu­elle, der Steife, der Erfolg­reiche, der mit klas­si­scher Musik sozia­li­siert wurde. Dafür hört der Weiße »schwarze« Musik und ist bereit, Leute zusam­men­zu­schlagen und zu lügen. Und selbst diese im Ansatz ja auch schon wieder zu hinter­fra­gende verkappt rassis­ti­sche Attitüde – der Weiße kehre zu seiner Hoch­kultur zurück, der Schwarze zu seinen Blues-Wurzeln – wird durch charak­ter­liche Hart­nä­ckig­keit und ironi­sches Finetu­ning auch gleich wieder entmachtet.

Doch selbst mit dieser expli­ziten Gegen­schrei­bung gibt sich Farrelly nicht zufrieden, sondern mischt die Karten noch einmal neu, und das immer wieder, mit jeder weiteren Station, mit der sich die Tournee in den Süden der USA hinein­windet, stets mit dem legen­dären »Negro Motorist Green Book« im Hand­schuh­fach, das dem Film seinen Namen gibt und uner­läss­lich dafür war, um die wenigen Motels, Restau­rants und Tank­stellen zu finden, die schwarze Gäste akzep­tierten.

Green Book ist aber nicht nur ein schau­spie­le­risch über­ra­gender, span­nender, humor­voller, düsterer und hoff­nungs­voller Film über das Überleben in Apart­heids-Struk­turen und ihrer Dekon­struk­tion, ein Film über Freund­schaft und ihre Grenzen, über Armut und Reichtum, sondern auch ein kluges Statement über Musik, die wie ein eigen­s­tän­diger Dialog die vierte Geschichte im Film erzählt und die wichtige Frage stellt, inwieweit Musik Identität überhaupt stiften – und am Ende auch: retten kann.